Theater-Tipp

Rausch der Sinne: Diese "Medea" ist ein Ereignis

Keine glückliche Familie mehr: Medea (Maja Schöne), Jason (André Szymanski) und zwei der Chor-Kinder

Keine glückliche Familie mehr: Medea (Maja Schöne), Jason (André Szymanski) und zwei der Chor-Kinder

Foto: Armin Smailovic

Jette Steckels Zweipersonen-Inszenierung wird am Thalia Theater bejubelt. Bezüge zur Gegenwart sind offensichtlich.

Hamburg. „Migration ist die Mutter aller Probleme“, behauptete ein ungeschickter Politiker kürzlich. Und bekam für diesen dummen Satz gehörig auf die Mütze, allerdings: Für Medea brachte die Migration tatsächlich Probleme. Die Königstochter verliebte sich in den Eroberer Jason, verriet ihren Vater und zog mit Jason in dessen Heimat. Wo sie mittlerweile zwischen Kleiderpaketen kauert, entwurzelt, einsam, abgelehnt. Die Liebe ist verflogen, längst hat sich Jason anderweitig orientiert, aber zurück kann Medea nicht mehr. Doch, diese Situation lässt sich als problematisch bezeichnen. Für die Migrantin.

Der antike Medea-Mythos wird aktuell häufig auf die Bühne gebracht, meist in der Bearbeitung durch Franz Grillparzer unter dem Titel „Das goldene Vlies“. Auch am Thalia greift Regisseurin Jette Steckel auf den dritten Teil von Grillparzers 1821 uraufgeführtem Drama zurück, ändert den Titel allerdings in „Medea und Jason“. Steckel erzählt also keinen Mythos, sie erzählt die Geschichte eines Paares, das sich auseinandergelebt hat und das versucht, die Trennung halbwegs würdevoll zu absolvieren. Was natürlich nicht funktionieren kann: Wo die Liebe weg ist, bleibt im besten Fall Gleichgültigkeit, im schlechtesten Ekel und Hass, und die Umstände sind für die Migrantin Medea nicht so, dass man vom besten Fall ausgehen sollte.

Bei Grillparzer ist Jason noch ein windiger Typ, dem man Medeas Rache von Herzen gönnt, bei Steckel wird er aufgewertet zum wohlmeinenden, wenn auch rückgratlosen Jammerlappen, der seiner Ex-Partnerin eine Trennung auf Augenhöhe anbietet – was den Abend konsequent ins Heute verlegt. Freilich um den Preis, dass alles vom Schluss her erzählt werden muss: Der Verrat Medeas an ihrem Vater, die Flucht und die enttäuschte Liebe sind die Erzählungen eines Ex-Paares, das sich an die gemeinsame Vergangenheit erinnert. Steckel greift hier zwar häufig auf den originalen Grillparzer-Text zurück, zerhackt ihn allerdings und setzt ihn neu zusammen. Wer da als Zuschauer nicht fit in antiker Mythologie ist, verliert sich zwischen Erzähl- und Zeitebenen.

Maja Schöne würde es auch allein stemmen

Außerdem klingt „Medea und Jason“ zwar nach Gleichberechtigung, tatsächlich bleibt auch diese Inszenierung weiter eine „Medea“-Inszenierung. Was auch an den Darstellern liegt. André Szymanski mag seinen Jason klug anlegen, als rationalen Einerseits-andererseits-Abwäger, der seine durchaus vorhandene Egozentrik mit einem souverän getragenen Menjou-Bärtchen überspielt, ausrichten kann er nichts gegen Maja Schönes Medea. Denn die ist ein Ereignis und würde das ohnehin auf zwei Personen (sowie einen „Chor der Kinder“ und zwei Livemusiker) eingedampfte Drama im Zweifel auch allein stemmen, wütend, liebend, rasend. Schöne prägt die Inszenierung, sie treibt die Handlung konsequent in Richtung Abgrund, sie buhlt um Mitgefühl, wenn sie heult und sich krümmt, sie stellt klar, dass die Medea zugeschriebenen Zauberkräfte vor allem aus offensiver Sexualität bestehen. Nein, da mag der Titel behaupten, was er will: Gespielt wird hier „Medea“.

Und das ist auch gut so. Nicht zuletzt, weil es über die aktuelle Migrationsthematik hinaus passgenau ins Thalia-Repertoire passt. Bei Grillparzer stammt Medea ursprünglich aus Kolchis, was in der Antike am Ostufer des Schwarzen Meeres lag, dort, wo man das heutige Georgien findet – und Steckels vorletzte Thalia-Arbeit „Das achte Leben (für Brilka)“ war ein groß angelegtes Georgien-Panorama. Außerdem gibt es Verbindungen zwischen dem Medea-Mythos und dem Orpheus-Mythos, mit dem Antú Romero Nunes im September die Spielzeit eröffnete. Selbst zu Steckels vorangegangener Produktion am Haus, „Der Sturm“, existiert durch das Seefahrtsmotiv ein Bezug. Durchdachter kann man einen Spielplan kaum bauen. Hermetischer allerdings auch nicht.

Man kann sich nicht satt sehen

Die Bezüge zur Gegenwart sind offensichtlich, angesichts von Dialogzeilen wie „Hast du vergessen jenen Hohn / mit dem der Grieche auf die Barbaren sieht?“ „Ja, die Ungeladene weist man vor die Tür!“, die sich leicht als Blick der westlichen Mehrheitsgesellschaft auf muslimische Einwanderer lesen lassen. Darüber hinaus ist der Abend ein sinnlicher Rausch, der seine Durchdachtheit immer zu brechen weiß, mit musikalischen und tänzerischen Passagen, Liebesakt, Spiel, Kampf bis aufs Blut.

Man kann sich nicht sattsehen, an der wuchtigen Bühne Florian Lösches, die mal eine drohende Wand darstellt, die das Weiterkommen verhindert, mal einen Berg Säcke, gefüllt mit abgelegter Kleidung, die freundliche Helfer vielleicht für Migranten gespendet haben. Dazu die Kostüme von Aino Laberenz, der dunkle Elektropop des Duos Geza Cotard, die Choreografie von Yohan Stegli, die Lichteffekte von Paulus Vogt und Christiane Petschat!

Und gerade weil das alles funktioniert, denkt man kurz, dass dieser Abend vielleicht sogar zu gut funktioniert. Weil in „Medea“ ein Leiden beschrieben wird, das sich nicht abbilden lässt von großer Schauspielkunst, von kluger Popmusik und von einem raffinierten Regiekonzept. Vielleicht bräuchte es hier einen Schnitzer, einen Haken, etwas, das nicht passt. Eine Dummheit, einen Satz wie: „Migration ist die Mutter aller Probleme.“

Wieder am 17.11., 20 Uhr, 24.11., 15 Uhr, 25.11., 13.30 Uhr, 3. und 18.12., 19.30 Uhr, Thalia Theater, Alstertor, Karten unter T. 32814-444