Hamburg

Privattheatertage sind so international wie nie

Beim „Abschiedsdinner“ im Theater im Zimmer mussten die Schauspieler Dieter Fischer und Winfried Frey aus München zwischenzeitlich halb nackt hinter dem Sofa verschwinden Jean-Marc Turmes

Beim „Abschiedsdinner“ im Theater im Zimmer mussten die Schauspieler Dieter Fischer und Winfried Frey aus München zwischenzeitlich halb nackt hinter dem Sofa verschwinden Jean-Marc Turmes

Foto: Jean-Marc Turmes

Das Festival der kleinen Bühnen geht in die zweite Woche. Eine französische Komödie und eine katalanische Satire überzeugten.

Hamburg.  Die Welt des Theaters, sie ist stets aufs Neue bunt, überraschend vielschichtig und auch weitreichend. Davon zeugen derzeit die in Hamburg laufenden Privattheatertage. Nicht nur, dass bei der sechsten Festivalauflage die Zahl der Bewerber mit 92 Bühnen aus ganz Deutschland so groß war wie nie zuvor. Das Repertoire an Stücken scheint internationaler denn je.

Das zeigte sich am Wochenende gleich zweimal. Zum ersten Mal hatte Festival-Initiator und Multi-Intendant Axel Schneider das Theater im Zimmer als Spielstätte in die Privattheatertage eingebunden. In einer Doppel-Vorstellung lud das Metropoltheater München zum „Abschiedsdinner“ – in Anwesenheit der französischen Erfolgsautoren Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière.

Bayerischen Dialoge gewöhnungsbedürftig

Die beiden Pariser hatten mit der Salon- und Gesellschaftskomödie „Der Vorname“ ein famoses Bühnendebüt geschrieben, mit deutschsprachiger Erstaufführung 2012 im Deutschen Schauspielhaus. Seit Herbst 2015 entwickelte sich das Stück im Theater Kontraste in Winterhude zum Publikumsrenner. Wie gut auch „Das Abschiedsdinner“, das erst vor einem Jahr im großen Winterhuder Fährhaus mit Ingolf Lück lief, in einen intimen Rahmen passt, zeigte das dreiköpfige Münchner Ensemble zur Verblüffung und Freude des Publikums.

In der Regie von Philipp Moschitz, für das Bühnenbild mitverantwortlich, bespielten Judith Toth, Winfried Frey und Dieter Fischer nicht bloß die kleine Bühne mit Sofa in der einen Ecke. Die drei Darsteller nutzten auch (Schmink-)Spiegel im Saal, Türen und Nebenräume des Theaters im Zimmer. Der Clou: Als Egozentriker Antoine, den das Ehepaar Pierre und Claude zum Essen einluden, fuhr Dieter Fischer draußen gleich zweimal mit dem Moped vor. Dafür hatte die Techniker am Seitenflügel der weißen Villa an der Alsterchaussee eigens ein Holzpodest errichtet.

Franzosen mit Komödientradition

Obwohl die mit bayerischer Färbung gesprochenen Dialoge anfangs etwas gewöhnungsbedürftig wirkten, schafften es die drei Schauspieler auf grotesk-komische Weise zum Kern der Handlung vorzudringen: Wie kann man langjährige, vermeintlich lästig gewordene Freunde in Zeiten des Optimierungswahns möglichst elegant abservieren, ohne sie danach je wieder kontaktieren zu müssen?

Dumm nur, dass Dauertherapiepatient Antoine, vom fülligen Fischer als sensible Nervensäge verkörpert, diese „Abschiedsdinner“-Methode schon kennt und den Gastgebern alsbald auf die Schliche kommt: Sein Lieblingsrotwein und seine Lieblings-Sitar-Musik des „Jimi Hendrix von Bhutan“ reichen als Indizien. Und als sich Pierre – es lebe die Freundschaft – auf einen Rollentausch einlässt und beide den Abend noch einmal durchspielen, kommt statt der „Abschiedsdinner“-Methode die „Sockenmethode“ zur Anwendung: Kleidertausch inklusive der Unterhosen, mit dem Sofa als Sichtschutz für die prustenden Zuschauer(innen).

„Wir hatten erst die Idee mit dem Rollentausch, dann kam noch die Idee mit dem Kleidertausch“, sagte Co-Autor de la Patellière. Beide sahen ihr Stück zum ersten Mal auf Deutsch. Wie sein Freund und Kollege Delaporte zeigte sich de la Patellière sehr angetan von der Schauspielerleistung: „Das war wirklich lustig!“ Warum aber insbesondere französische Autoren immer wieder neue hintersinnige Komödien kreieren? „ Ihr Deutschen habt die klassische Musik und Oper, wir Franzosen haben unsere Komödientradition“, meinte Delaporte mit schelmischem Lächeln.

Nicht zu vergessen die Spanier: „Die Grönholm-Methode“ des katalanischen Autors Jordi Galceran ist das wohl bekannteste Beispiel. Bereits 2003 uraufgeführt, wurde es in inzwischen in mehr als 30 Ländern gespielt und unter dem Titel „Die Methode“ auch verfilmt.

Bereits 2010 war das Stück in Folke Brabands vortrefflicher Regie und Bearbeitung schon in der Komödie Winterhuder Fährhaus zu erleben, zu den Privattheatertagen kam es jetzt in der Kategorie „(Zeitgenössisches) Drama“. Die Jury lobte das Theater Die Färbe aus Singen vor allem für die Schauspielerleistung. Davon konnten sich die Besucher des Gastspiels im Ohnsorg ein Bild machen.

Das kleine Theater aus Singen ist zum vierten Mal dabei

Die Färbe, ein kleines Theater aus Baden-Württemberg und bereits zum vierten Mal Teil des Festival-Programms, brachte das Psycho- und Rollenspiel aus der Arbeitswelt in steriler weißer Kulisse (Bühne und Regie: Peter Lüdi) gekonnt als Kammerspiel auf die Bühne. Zur Eingangs- und Abschluss-Musik des Songs „The Great Pretender“ beharkten sich vier Schauspieler beim Bewerber-Gespräch für einen hoch dotierten Managerposten. „Pretender“ kann auf Deutsch „Heuchler“ heißen, Galceran hat also eine bitterböse Satire verfasst.

Wie weit ist der Bewerber bereit zu gehen? Am Ende entpuppen sich drei der vier Probanden als Mitarbeiter der Personalabteilung. Doch insbesondere Elmar F. Kühling in der Rolle des realen Anwärters Fernado Porta gewann darstellerisch: Er spielte einen Business-Typen, wie man sich ihn nicht als Vorgesetzten wünscht. Um mit Galcerans Stellenbeschreibung zu sprechen: „Wir suchen keinen guten Menschen, der nach außen ein Arschloch ist. Was wir suchen, ist ein Arschloch, das nach außen ein guter Mensch ist.“ Schönes Arbeiten – zumindest auf der Bühne.