Sebastian Zimmler

Der junge Verführer vom Thalia Theater

Bisschen müde am Tage, hellwach auf der Bühne: der Thalia­Schauspieler Sebastian Zimmler im Café Paris

Bisschen müde am Tage, hellwach auf der Bühne: der Thalia­Schauspieler Sebastian Zimmler im Café Paris

Foto: Roland Magunia

Im Ensemble gehört Sebastian Zimmler zur jungen, begehrten Riege. Nun gibt er in „Endstation Sehnsucht“ den Stanley Kowalski.

Hamburg.  Sebastian Zimmler wirkt unter seinem Boheme-Hut etwas müde von einer langen Zugfahrt und stärkt sich mit einem Milchcafé im Café Paris. Auf seinem Pullover von der Berliner Volksbühne prangt das Wort „Lüge“. Eben erst ist er von einer Gastspielreise des Thalia Theaters nach Ludwigshafen heimgekehrt zum Gespräch über seine nächste Premiere, den Tennessee-Williams-Klassiker „Endstation Sehnsucht“ in der Regie von Lars-Ole Walburg am 16. April.

In Ludwigshafen stand Zimmler im Thalia-Erfolg „Die Deutschstunde“ auf der Bühne. Romanadaption. Dramatischer Minimalismus. Die Figuren rackern in einem Korsett aus Nachkriegsnaturalismus und Psychologiebegründung. Als Bruder der Hauptfigur darf Zimmler letztlich vor allem dekorativ in einer aparten Schräge des gewaltigen Bühnenbildes herumliegen.

Eine fast verschenkte Aufgabe für einen wie Zimmler, einen aus der jungen, spielwütigen Riege, deren Körperlichkeit, Energie und Darstellungslust etwa der Regisseur Antú Romero Nunes in „Don Giovanni – letzte Party“ und in „Moby Dick“ so wunderbar zu nutzen wusste. „Antú schafft eine Welt, an der sich der Spieler im Idealfall entzündet, sich reibt und sie zum Leben erweckt“, sagt Zimmler.

Der Jungdarsteller ist einer der variabelsten und schillernsten Darsteller im Ensemble. Der lüsterne Lebemann Don Giovanni bietet ihm eine ideale Vorlage. Zimmler spielt ihn egozen­trisch, irrlichternd mit bloßer Brust. Höhepunkt der Inszenierung ist eine Partyszene, in der er 100 Frauen zum kollektiven Tanz auf die Bühne lädt. Die Inszenierung hat ihm etliche junge, weibliche Fans beschert.

Er nehme das gar nicht so wahr, sagt Zimmler äußerst bescheiden. „Anfangs war ich verzweifelt, weil ich der Figur eine Tiefe geben wollte, was mir aber mit diesem Text nicht gelingen wollte. Später wurde mir bewusst, dass die Kraft, die in diesem Abend steckt, das Volkstheatrale ist – also die Begegnung zwischen Zuschauer und Schauspieler. Ab der zweiten Vorstellung standen die Leute vor der Bühne Schlange.“

Zimmler liegt der Verführer Don Giovanni, fast noch mehr liegen ihm androgyne Rollen, zwischengeschlechtliche Wesen. Unvergessen ist die Szene in der Zeltproduktion „Die drei Musketiere“, in der Zimmler als Lady de Winter, in ein schulterfreies, langes rotes Gewand gehüllt, eine Schatzkiste öffnet, eine Erdbeere entnimmt und diese genüsslich verzehrt. „Die Figur hat mich viel über meine Ausstrahlung gelehrt“, sagt Zimmler. „Es gibt da wohl eine androgyne feminine Ausstrahlung meinerseits, die da mit dieser Figur ganz gut zusammenpasste.“

Die kommt auch in Orhan Pamuks „Schnee“ in der Regie von Ersan Mondtag in der Gaußstraße zum Tragen. Zimmler trägt auch darin wieder Kleid, diesmal lang und schwarz irgendwo zwischen Burka und Abendfummel, und blonde Langhaarperücke. Das Thema sei ihm erst total fremd gewesen. „Es war reizvoll, sich damit auseinanderzusetzen. Ich fand den Roman nicht wirklich gut geschrieben, aber inhaltlich sehr interessant. Der Monolog des schüchternen Attentäters, der sich immer mehr verliert in seiner Meinung und seiner Haltung, das war einfach gutes Material“, sagt Zimmler.

Noch ist er ein Suchender, aber einer, der zuletzt seinen Weg mehr und mehr findet. Zur Schauspielerei ist Zimmler, der eher kunstfern in einer Ost-Berliner Plattenbausiedlung aufwuchs, eigentlich eher zufällig gekommen. Über Gefühle zu reden war in seiner Kindheit nicht üblich. Sich zu veräußern erst recht nicht. Dann wurde ein Platz in der Jugendtheatergruppe frei. Und schnell merkte er, dass er das kann und will. An der berühmten Ernst-Busch-Schule in Berlin wurde er erst abgelehnt mit der Begründung, er käme in seiner Rolle des Tyrannen Caligula in „Zustände“. „Als junger Mann hat man ja die Form noch nicht und lässt die Wut ungefiltert raus“, sagt Zimmler lachend.

Später wurde er doch noch angenommen, und noch vor Ende der Ausbildung hatte er das Engagement am Thalia in der Tasche, auch dank einer Inszenierung von „Schuld und Sühne“, die er mit Regie-Urgestein Andrea Breth bei den Salzburger Festspielen hinlegte. Das war eine harte Schule für den Anfänger. „Die Frau ist schon speziell und ließ mich ganz schön zweifeln ob meiner Berufswahl. Manchmal geht es im Theater auch ums Aushalten“, sagt Zimmler im Rückblick.

Breth steht für psychologisches Theater, wie es am Thalia Theater kaum noch vorkomme. Am ehesten noch bei Leander Haussmann in „Die Möwe“. Zimmler spielt darin den jungen Künstler Konstantin. Auch wenn er an diese Art des Spiels nicht mehr wirklich glaubt, zählt sie doch zu seinen Lieblingsrollen. „Epische Texte verändern das Spiel sehr. Man hat nicht so viele Möglichkeiten, etwas zu gestalten. Ich habe schon Spaß an klassischen Figuren, wie in der ,Möwe‘, daran, detektivisch in den Text zu gehen, zu überlegen, was sagt die Figur und warum sagt sie es, oder meint sie vielleicht genau das Gegenteil von dem, was sie sagt“, sagt Zimmler.

Trotz Plattenbaukindheit liegt dem Schauspieler das Proletarische sehr fern

Nun spielt er also Stanley Kowalski. Ein richtiges Mannsbild, polnischer Einwanderer, der mit Stella eine manchmal auch derbe Liebe in beengten Armutsverhältnissen lebt und der das Lügenkonstrukt hinter dem ehemals herrschaftlichen Südstaaten-Geldadelprunk ihrer Schwester Blanche aufdeckt. Klassisches amerikanisches psychologisches Theater der 1950er-Jahre. Regisseur Walburg, der erstmals am Thalia arbeitet, ist für radikale Aufbrüche von Klassikern bekannt. Seiner textlichen Umgestaltungslust haben die Erben von Williams hier jedoch Grenzen gesetzt.

Mit der Rolle hadert Zimmler noch und legt seine Stirn in Falten. „Kowalski ist ja kein so Zerrissener“, der führe ihn gerade an seine Gestaltungsgrenzen. Trotz Plattenbaukindheit liege ihm das Proletarische doch sehr fern. „Ich habe immer Zweifel, ob man mir das auch abnimmt, was ich da sage, beziehungsweise dass es noch nach Literatur klingt. Das versucht man ja, im Prozess der Proben loszuwerden.“

Am Thalia Theater fühlt er sich nach wie vor sehr wohl. „Das Interesse, am Stoff zu arbeiten und zu forschen, ist sehr stark, das Niveau hoch. Es macht einfach Spaß, mit diesen Kollegen jeden Tag auf die Probe zu gehen“, sagt er. Das Ergebnis gibt es am kommenden Sonnabend, wenn Zimmler einen neuen, vielleicht ganz anderen Stanley Kowalski verkörpern wird.

„Endstation Sehnsucht“ Premiere Sa 16.4., 20.00, Thalia Theater, Alstertor, Karten zu 10,- bis 52,- unter T. 32 81 44 44; www.thalia-theater.de