Hamburg

Das große Geschrei am Thalia Theater

Auf der spektakulären Bühne von Florian Lösche entfalten sich binnen 195 Minuten zahlreiche komplexe Beziehungsdramen

Auf der spektakulären Bühne von Florian Lösche entfalten sich binnen 195 Minuten zahlreiche komplexe Beziehungsdramen

Foto: Krafft Angerer

Jette Steckel vereint Ödön von Horváths Stücke „Kasimir und Karoline“ und „Glaube Liebe Hoffnung“.

Hamburg.  In einer Zeit, in der es zuerst zu viel Geld und dann zu wenig Arbeit gab, die erst Nachkrieg und dann Vorkrieg war, hat Ödön von Horváth, ein deutscher Dichter mit ungarischem Pass und kroatisch-tschechisch-österreichischen Wurzeln seine Stücke geschrieben: In den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts. Da geht es, ganz realistisch, um kleine Leute, Arbeitslose, Zu-kurz-Gekommene, entwurzelte Mittelständler, leidende Mädchen, um Depression, Pleite und Ohnmacht.

Zwei dieser bitteren Volksstücke, in denen sich Horváth als hellsichtiger Chronist seiner Zeit zeigt, „Kasimir und Karoline“ und „Glaube Liebe Hoffnung“ hat Regisseurin Jette Steckel nun am Thalia Theater als einen ineinander verwobenen Abend herausgebracht. Das funktioniert gut, denn es gibt genug Querverbindungen zwischen Themen und Figuren und die Kluft zwischen Arm und Reich, unsichere Arbeitsverhältnisse, sind ja heute mehr denn je Thema.

Steckel liefert eine zeitlose Studie im Mollton über Menschen, die zu Verlierern, Opfern (gemacht) werden, die sich aufbäumen oder mitgerissen werden, ihren Vorteil suchen und ein kleines bisschen Glück, die die Liebe verlieren und ihr Leben. Die Regisseurin und ihr bis zur Verausgabung spielfreudiges Ensemble zeigen Menschen, die von Geld- und Geschlechtsgier getrieben werden, Einsame, Leidende, Gemeine und Sehnsüchtige, die sich inmitten des Trubels auf dem Oktoberfest vom Schicksal gebeutelt herumtreiben.

Florian Lösche lässt dazu auf einer leeren Drehbühne, die fast pausenlos in Bewegung ist, große, silbrig-farbene Ballons herumhüpfen. Die lustig anmutenden Requisiten zeigen sinnbildlich, dass die Menschen in einer entzauberten Welt einsam umeinander kreisen wie Planeten, dass man zusammenstoßen kann oder, wenn die Bälle ordentlich arrangiert sind, wie sie ein Hindernis bilden. Man kann mit ihnen spielen, aber sie rollen immer wieder weg. Das Leben bleibt unbegreifbar.

Genauso zeigen sie am Ende, wenn sie nur noch halb aufgepumpt herumliegen, dass die Luft raus ist. Denn der mit drei Stunden und 15 Minuten dann doch sehr lange Abend überzeugt zwar im ersten Teil vor allem in den intimen Szenen zwischen Paaren, die mit ihren Glücksvorstellungen aufeinander stoßen. Er missfällt aber, weil zu viel gebrüllt wird. Und vor allem, weil im zweiten Teil Szenen aneinandergereiht und nicht zu Ende inszeniert wirken. Jeder scheint nur noch seinem eigenen Unglück nachzurennen. Man redet aneinander vorbei, singt Unverständliches, das oben auf einer Tafel als Text nachzulesen ist. Viele Solonummern bilden kein Ganzes.

Elisabeth hat ihre Arbeit verloren und braucht 150 Mark, um wieder einen Gewerbeschein als Verkäuferin zu bekommen. Wie Birte Schnöink da als mageres Mädchen mit halbnackten Beinen auf der Bühne steht, wie sie nicht versteht, warum sich das Schicksal stets gegen sie wendet, das macht ganz großartig klar, warum sie nie auf der Gewinnerseite landen wird. Schnöink ist wild entschlossen, für ihr Leben zu kämpfen, doch am Ende wird sie zugrunde gehen – wegen 150 Mark. Vorher hat sie zwar den Polizisten Klostermeyer kennengelernt, der aber lässt sie fallen, als er erfährt, dass sie vorbestraft ist. Sebastian Zimmler zeigt in der Rolle des Polizisten, der anfangs so glücklich über die Bekanntschaft mit Elisabeth ist, dann aber windelweich einknickt, sehr viel von der Mentalität eines kleinmütigen Untergebenen und Duckmäusers, der so gern ein Auf-schneider wäre.

Parallel dazu hat Kasimir seine Arbeit verloren. Mirco Kreibich stellt ihn mit virtuoser Körperbeherrschung als traurigen Tropf dar, als Mann, der ausrutscht und gegen Ende als schwankenden Halm im Wind. Seine Freundin Karoline will dennoch das Leben genießen, mit der Achterbahn fahren. Maja Schöne ist eine sehr selbstbewusste Karoline, eine emanzipierte Frau, die sich beim Wortgemenge mit Kasimir nicht unterbuttern lassen will. Trotzig stürzt sie sich ins Vergnügen. „Siehste“, scheint sie zu sagen, „ich brauch Dich nicht zum Glück“.

Tut sie aber doch. Denn auch sie wird am Ende gesellschaftlich noch weiter absteigen. Erst einmal lernt sie den Schürzinger (Sebastian Rudolph) kennen, der sich zwar etwas von ihr erhofft, aber sofort bereit ist sie aufzugeben, als er merkt, dass sein Chef (Matthias Leja) sich für Karoline interessiert. Sebastian Rudolph spielt wunderbar die Ambivalenz zwischen Angeber und Hinternkriecher, Träumer und Taktiker. Und Matthias Leja ist als Oberpräparator ein ziemlich präpotenter Affe mit gemeinem Machtinstinkt, unsittlich, verroht, manipulativ. Als festes Paar am Abend bleiben nur der Kleingangster Merkl Franz, den André Szymanski (unverständlicherweise auf Pumps) ebenso virtuos spielt wie Erna, die bei Karin Neuhäuser etwas Bodenständiges bekommt.

Die Musik, die wie schon in Steckels „Romeo und Julia“-Inszenierung von Anton Spielmann und 1000 Robota live kommt, unterlegt fast den ganzen Abend wohlig-wummernd. Leider müssen die Schauspieler recht oft dagegen anschreien. Geschrei ist angesagt, wenn sich zwei streiten, unglücklich sind oder sauer. Also oft. Schade. Denn Horváths schreibt leise Stücke vom lärmenden Leben.

„Kasimir und Karoline“ weitere Vorstellungen am 4./11./12.12, Thalia Theater, Karten zu 10,- bis 52,- unter T. 32 81 44 44