Lesung

Hamburger Ikone: Ex-„Spiegel“-Chef im Literaturhaus

| Lesedauer: 7 Minuten
Stefan Aust ist einer der bekanntesten Journalisten Deutschlands. Bald wird er 75 – da darf man schon mal eine Autobiografie schreiben.

Stefan Aust ist einer der bekanntesten Journalisten Deutschlands. Bald wird er 75 – da darf man schon mal eine Autobiografie schreiben.

Foto: Marcus Brandt / dpa

Stefan Aust stellte in Hamburg seine Autobiografie „Zeitreise“ vor. Sie handelt von einem außergewöhnlichen Journalistenleben.

Hamburg.  Barack Obama legte kürzlich den ersten Band seiner Memoiren vor, einen Tausendseiter. Da hätte sie wohl kaum gekürzt, frotzelte Stefan Aust in Richtung seiner anwesenden Lektorin. Austs eigene Autobiografie, sie ist gerade erschienen, misst circa 650 Seiten, „aber sie war ursprünglich dreimal so dick“.

Man könnte jetzt schnell spotten über die Mitteilsamkeit von vermeintlichen has-beens, also einst maßgeblichen Größen und in Ehren ergrauten VIPs: Sie können das Wasser nicht halten. Und schreibt Aust, der in der größten Prominenzphase seiner langen Karriere 13 Jahre Chefredakteur bei Deutschlands wichtigstem Nachrichtenmagazin war, in „Zeitreise“, wie sein Buch heißt, nicht sehr, sehr ausführlich über diese Redaktionssitzung und jenen „Spiegel“-Titel, über seine richtige publizistische Strategie und die jeweils falsche der Vorgänger und Nachfolger?

Stefan Aust im Hamburger Literaturhaus

Doch, das tut er. Ein Fest für alle, die dabei waren. Direkt im „Spiegel“-Haus, in der Ära Aust noch an der Willy-Brandt-Straße gelegen, oder eben als Leser, Generationsgenossen und Zaungäste indirekt. Für Nachgeborene oder Menschen, die die Medienszene nicht für das Spannendste auf der Welt halten, könnte Austs – trotz tapferen Lektorinnendurchgreifens – ausufernder Bericht eines Journalistenlebens derweil ein Schlafmittel sein.

Im Literaturhaus döste am Dienstagabend niemand weg. Die erste Veranstaltung mit Besucherinnen und Besuchern seit Oktober, das sorgte ohnehin schon mal für eine erhöhte Aufmerksamkeitsspanne. Knapp 40 Leute waren da, mehr dürfen derzeit nicht an den Schwanenwik. Ob Aust, der im Juli 75 wird und in seinem Buch von früheren runden Blankeneser Geburtstagsbegehungen mit Berühmtheiten aus Medien, Politik und Wirtschaft berichtet, einen größeren Aufgalopp vermisste?

Erzählungen eines Dabeigewesenen

Muss gar nicht sein. Immerhin war der frühere „Stern“-Journalist Manfred Bissinger da, und sowieso navigierte Aust, dabei freundlich und kundig befragt von Jörn Lauterbach, Blattmacher bei der „Welt“ und damit im übrigen „Welt“-Herausgeber, Austs Untergebener, bemerkenswert fröhlich durch den Abend.

Seine Erzählungen, die im Buch und die vor Live-Publikum, sind die Erzählungen eines Dabeigewesenen. Eines Journalisten, dessen Credo es nach eigenem Bekunden stets war, am Straßenrand zu stehen und zu beobachten, sich nicht mit einer politischen Agenda ins Getümmel zu begeben. Aust lässt keinen Zweifel an seinen Überzeugungen.

„Zeitreise“: Nachweis eines langen Journalistendaseins

Sein Buch erklärte er übrigens („Der Verlag wollte unbedingt, dass der Begriff’ da drauf steht“) zu einer nicht-eigentlichen Autobiografie, „Zeitreise – Beobachtungen am Rande der Geschichte“ wäre sein Titel gewesen.

Aber der Verlag hat natürlich recht: Wo so viel „Ich“ drinsteht, das darf auch als „Autobiografie“ ausgeflaggt werden. Weil „Zeitreise“ der Nachweis eines jahrzehntelangen Journalistendaseins ist, erzählt es gleichzeitig die politische und gesellschaftliche Geschichte eines Landes. Der 1946 geborene Aust, eines von fünf Kindern eines Stader Landwirts, lebte ein Leben, wie es genau so nur ein Abkömmling seiner Generation leben konnte.

Untrügliches Gespür Themen

Aust, der später oft ein untrügliches Gespür für Themen haben sollte und damit auf ganz grundlegende Weise die jeweilige Lage des Landes erkannte, wurde, altbekannte, aber immer wieder beeindruckende Geschichte, in den gärenden Spät-Sechzigerjahren Redakteur bei der linken Kampfpostille „Konkret“. Arbeitete dort blutjung mit der späteren Terroristin Ulrike Meinhof zusammen. Gut für ihn, dass die Frau, die nicht lange danach, neben Andreas Baader, die personifizierte RAF-Heimsuchung einer wild durchgeschüttelten Bundesrepublik Deutschland wurde, ihn „unpolitisch“ schimpfte.

Nein, einer irgendwie gearteten aktivistischen Versuchung ist Aust sowieso nie erlegen. Weil er allen Welterklärungen skeptisch begegnete, wurde er auch nie zu einem klassischen Linken. Selbst wenn er das gewesen wäre, wäre sein Nach-„Spiegel“-Manöver, als Herausgeber (und Interims-Chefredakteur) zur konservativen „Welt“ zu gehen, nicht sonderlich bizarr gewesen. Der Weg des Renegaten von links nach rechts ist kein Schleichweg, sondern ein gut ausgetretener Pfad.

Aust las außergewöhnlichstes Kapitel im Literaturhaus

Im Literaturhaus las Aust, der über seine Arbeit bei der „Welt“ nicht viel zu berichten hat – er hat das im Vergleich zum „Spiegel“ nun mal eher fade Blatt auch nicht aufregender machen können –, das außergewöhnlichste Kapitel seines Buchs. Das genau deswegen auch das außergewöhnlichste seines Lebens ist. Wie Aust also mithilfe Peter Homanns und einer sich ebenfalls im Dunstkreis der RAF befindlichen Frau namens Hanna K. Ulrike Meinhofs Zwillingstöchter aus den Fängen der Terroristen befreite. 1970 übten Meinhof, Baader und Co. in Jordanien den Guerillakampf, die Töchter waren in Sizilien geparkt, sollten aber auch nach Nahost, um dort ein Leben fernab der Bürgerlichkeit zu führen.

Austs Einsatz, nachdem er selbst ins Fadenkreuz der Terroristen geriet, so erzählte er es viele Jahre später, ist berühmt geworden. Manches, was in „Zeitreise“ zu lesen ist, kennt man also schon. Aber für Aust („Man darf das Dabeisein und das spätere Rekonstruieren nicht miteinander verwechseln“) gilt, was sicher für alle gilt: Je älter man wird, desto eher neigt man dazu, die besten Storys lieber einmal zu viel als einmal zu wenig zu erzählen. Hanna K., seine Helferin von einst, saß übrigens am Schwanenwik im Publikum – Schlüsselerlebnisse verbinden ein Leben lang.

Beherzter Einsatz verschaffte Aust Chefposten

Die Sizilien-Episode hätte manch einem gereicht, eine ganze Biografie nebst erwünschtem Nachruhm zu bewirtschaften. Aust hatte mit Mitte 20 einen Erfahrungshorizont, den andere mit Mitte 70 nicht haben. Einer der vielen Anekdoten in „Zeitreise“ nach brachte ihm unter anderem sein beherzter Einsatz für die Meinhof-Kinder den Chefposten beim „Spiegel“ ein. Als Herausgeber Augstein einen neuen ersten Mann unter ihm suchte, verfiel er angeblich deswegen auf den „Spiegel TV“-Mann Aust – wer unschuldige Mädchen vor dem Palästinenserlager retten kann, der schafft es auch in einer berüchtigt schwierigen Redaktion.

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Im Gespräch mit Moderator Lauterbach berichtete Aust launig, aber auch in gewohnt nüchterner Diktion von seinem lebenslangen Erfahrungshunger, der ihn auf viele Kontinente und einmal auch – „Ich wollte auch mal Kriegsreporter sein“ – in die Nähe von Kampfhandlungen brachte. Aust sprach über den Journalismus früher – das sehr oft – und über den von heute.

Aust glaubt an Reichweite durch guten Journalismus

Wobei er, der nicht müde wird, an Reichweite und Verkaufszahlen durch guten Journalismus und richtige Themensetzung zu glauben, von den Einschränkungen heutiger Redaktionsarbeit vielleicht schon weiter entfernt ist, als er denkt. Dem Vater zweier Töchter könnte beim Durchblättern des Bildteils seines Buchs im Übrigen aufgefallen sein, dass seine Jahre unter und mit den Mächtigen unter weitgehender Abwesenheit von Frauen stattfanden.

Vielleicht erwähnte er deshalb im Literaturhaus, dass sie bei „Spiegel TV“, damals zur Wendezeit, vor allem junge Frauen eingestellt hätten. Die seien einfach besser gewesen.

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