Literaturkritik

Zwei Wochen im Juni: Ein Sommerroman, wie er im Buche steht

| Lesedauer: 5 Minuten
Thomas Andre
Geboren in Schleswig-Holstein, wohnhaft in Berlin: die Autorin Anne Müller hat es schon im letzten Roman an die Küste verschlagen.

Geboren in Schleswig-Holstein, wohnhaft in Berlin: die Autorin Anne Müller hat es schon im letzten Roman an die Küste verschlagen.

Foto: Antonia Gern

Anne Müllers „Zwei Wochen im Juni“ spielt an der Ostsee. Im Mittelpunkt steht ein Haus mit Meeresblick.

Hamburg. Das Wesen des Sommerromans ist wie der Sommer selbst. Es ist so leicht und locker gewebt wie das Tuch, mit dem sich Empfindliche gegen die Brise wappnen. Es ist flüchtig wie der Sonnenhut, der davonweht; der Sommerroman ist also immer auch wehmütig, denn der Sommer ist mindestens heimlich von Beginn an im Verschwinden begriffen. So wie die Sonne, die morgens auf- und abends verlässlich untergeht.

Was der Sommerroman zudem ist: eine völlig anstrengungslose Angelegenheit. Die Lektüre ist das reinste Wellnessprogramm. Das Hirn macht Pause. Spuren hinterlässt der Sommerroman keine, sieht man mal von den feinen Prägungen der Nostalgie und der Melancholie ab. Seine Sätze rieseln wie der Sand am Ostseestrand, womit die Überleitung zu Anne Müllers Roman „Zwei Wochen im Juni“ geschafft wäre, der explizit auch allen Freunden der Juli-Schwerelosigkeit ans Herz gelegt sei.

Autorin wuchs in Schleswig-Holstein auf

Die Berliner Autorin, in Schleswig-Holstein geboren und aufgewachsen, erzählt in diesem Buch eine Familiengeschichte mit viel Lokalkolorit. Merke: Sommerromane spielen am besten auch gleich da, wo der Sommer ganz besonders Saison hat. In diesem Fall ist das der fiktive Ort Gragaard, zwischen Eckernförde und Kappeln gelegen, die Schlei und Dänemark sind nicht fern. Der nah am Unterhaltungssegment siedelnde, aber keineswegs knietief im Kitsch steckende Plot (sagen wir: der Kitsch pappt bis zur Mitte der Wadenbeine) ist fix umrissen.

Nach dem Tod der Mutter treffen sich die Ottenser Künstlerin Ada und ihre Schwester Toni, die mit Familie in Ratzeburg lebt, am Ort ihrer Kindheit und Jugend wieder: dem schönen Haus mit Meerblick. Bei dieser Begegnung mit der Vergangenheit kollidieren Lebensläufe miteinander, werden Verluste und Gewinne gegeneinander gerechnet, kommt es zu Wendungen und Erkenntnissen, die das Leben der Protagonisten verändern.

Das die Schwestern sentimental stimmende Haus, „unsere Möchtegern-Villa“, wie die Mutter zu Lebzeiten das Gebäude nannte, soll verkauft werden. Mit dem Ausmisten ist die persönliche Aufräumarbeit in der eigenen Erinnerung verbunden, von der die unkompliziert und, siehe oben, formal natürlich sommerlich gestimmte, also unambitionierte Erzählerin Müller mit leichter Hand berichtet.

Der Sex ist gut

Es ist dabei nicht weniger als bemerkenswert, wie passgenau in „Zwei Wochen im Juni“ die Motive gefügt sind. Als da wären: die zwei unterschiedlichen Schwestern. Das Geheimnis der Mutter. Die Blumen am Grab, niedergelegt von einem Unbekannten. Das Geheimnis Adas. Die Jugendliebe. Überhaupt, die Liebe: Bei der Inventur finden sich irgendwann auch die Liebesbriefe der Mutter, die von einem unbekannten Leben berichten. Spoiler: Der Lover kam, Tatsache, aus Frankreich.

Was einen dann doch zu der Tatsache bringt, wie unverdrossen Anne Müller, deren erster Roman „Sommer in Super Acht“ ebenfalls an der Ostsee spielt, mit Stereotypen arbeitet. So ist es tatsächlich der schwafelnde Friseur der Mutter, der Ada erstmals auf die Spur von deren verborgenen amourösen Unternehmungen bringt. Und der Vater, Literaturprofessor in Hamburg, posiert auf alten Familienfotos wie selbstverständlich mit dem „Tod in Venedig“. Und selbst wenn es die Siebzigerjahre sind, die hier sepiafarben aufscheinen – wer forschte damals denn ernsthaft noch über Thomas Mann?!

Im Familientableau ist jener Vater der früh Abwesende, der sich eine Andere, Jüngere nahm (eine wissenschaftliche Mitarbeiterin), und dessen biografische Unordnung sich in derjenigen Adas spiegelt. Ada hat einen reichen, bei einer Reederei beschäftigten Familienvater zum Gespielen. Nur glücklich macht sie das natürlich nicht. Der Sex ist aber gut, insbesondere der im früheren Kinderzimmer im Haus am Meer: „Der Champagner enthemmte auf anregende Weise, steigerte die Liebe zur Liebe.“

Klischeealarm? Aber nein!

Am besten funktioniert „Zwei Wochen im Juni“ als norddeutscher Heimatroman. Seinem Charme kann man sich jedenfalls gerade in diesen Zeiten, in denen man überfüllte Ostseestrände vor allem meidet, nicht entziehen. Weite, Horizont, Nase im Wind. Schwimmen in einem Wasser, dessen Farbe sich dramatisch ändert, sobald die Sonne hinter den Wolken hervorkommt. Auch hier Klischeealarm? Aber nein: Was wahr ist, ist wahr. Ein Haus mit Bohlenweg zum Meer ist sowieso das Paradies auf Erden.

Und bittersüß sind die Lesestunden, die den Familien gewidmet sind, die alle auf je eigene Art unglücklich sind. „Zwei Wochen im Juni“ ist ein Roman, der auf allgemeine Gefühle zielt und all die anziehen dürfte, die es nicht ins tiefe Wasser zieht. Dass er, auch in den Dialogen, raffinierter sein könnte, ist indes eine nebensächliche Feststellung.

Anspruch ist keine Sache von Sommerromanen, zumindest nicht in seiner hohen Form.

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