Ernst Deutsch Theater

„The Wanderers“: Ein kluger Kunstgriff der Regie

| Lesedauer: 5 Minuten
Toll gespielt: Ines Nieri in der Rolle der Esther und Julian M. Boine als ihr Mann  Schmuli

Toll gespielt: Ines Nieri in der Rolle der Esther und Julian M. Boine als ihr Mann Schmuli

Foto: Oliver Fantitsch

Die deutschsprachige Erstaufführung von „The Wanderers“ am Ernst Deutsch Theater ist durchaus ambitioniert – aber geglückt.

Hamburg. Ein fast leerer Bühnenraum, eine über mehrere gleißend weiße Innenbühnen sich erstreckende Projektionsfläche. Und dann sind da zwei Paare, eine weitere Figur – und sehr viel Text. Mehr braucht Regisseur Elias Perrig aber auch nicht, um die deutschsprachige Erstaufführung von Anna Zieglers „The Wanderers“ mit Leben zu füllen.

Die Uraufführung fand 2018 am Old Globe in San Diego, USA, statt. Für das Ernst Deutsch Theater ist es ein durchaus mutiger Abend, solch eine Textwalze vor abstrakter Kulisse (Bühne: Marsha Ginsberg). Zum Glück sind da hervorragende Schauspielerinnen und Schauspieler, die die Geschichte in einen herausragenden Theaterabend verwandeln.

Die New Yorker Autorin Anna Ziegler („Foto 51“) zählt sich selbst zum reformierten Judentum. In „The Wanderers“ hat sie sich mit der strengen Lebenswelt ultraorthodoxer chassidischer Juden in ihrer Heimatmetropole auseinandergesetzt. Einer recht verschlossenen Welt, in die Netflix-Zuschauer zuletzt Einblicke durch Maria Schraders Erfolgsserie „Unorthodox“ erhielten.

„The Wanderers“: Dramatische Verwerfungen

Esther und Schmuli erleben den Tag ihrer arrangierten Hochzeit als einander Fremde. Die erste Annäherung ist nicht ohne Situationskomik, zeigt aber auch Liebenswürdigkeit. Doch bald werden die Gräben tiefer. Die von Ines Nieri hinreißend gegebene Esther leidet zunehmend unter der Glaubensgemeinschaft und will mehr vom Leben als Hausfrau und Mutter möglichst vieler Kinder zu sein.

Bald zieht es sie zum Verbotenen. Sie tanzt, hört Radio und geht im Sommer ohne Strümpfe vor die Tür, träumt gar von einer Arbeit in einer Bibliothek. Mit diesem Freiheitsdrang ist der strenggläubige, aber in seiner Unbeholfenheit faszinierende Schmuli (Julian M. Boine) heillos überfordert. Es kommt zu dramatischen Verwerfungen.

„The Wanderers“: Ein kluger Kunstgriff der Regie

Im Vordergrund begegnet sich ein weiteres Paar. Die kraftvolle, aber als Schriftstellerin unausgefüllte Sophie (Jane Chirwa) lebt mit dem Erfolgsautor Abe (Gideon Maoz) und zwei gemeinsamen Kindern zusammen. Ein cooles Intellektuellenpaar in New York, das sich mit sichtlichem Vergnügen ungeschönte Diskurs-Bälle zuwirft.

Die selbstreflektierten, gedrechselten Sätze geben dem Stück etwas Sperriges, mitunter Hermetisches. Man muss sich als Zuschauer schon einlassen auf diese Welt, die sich mehr in Worten als in Handlung, mehr in einer Art Denkraum manifestiert und einem kühlen Minimalismus huldigt. Dieser erweist sich aber als kluger Kunstgriff der Regie im Umgang mit dem komplexen Inhalt.

„The Wanderers“ mit einer Lebensweisheit

Nach und nach enthüllt sich, dass Abe der Sohn von Esther und Schmuli ist, mit dem sie einst aus der orthodoxen jüdischen Gemeinde geflohen ist – nach Williamsburg zu einer Freundin, deren Tochter wiederum die kraftvolle Sophie ist. Die Verheißungen der Freiheit aber sind Esther fremd geblieben. „Ich dachte, wenn ich aus Brooklyn weg gehe, würden sich alle Schranken öffnen. Aber die Wahrheit ist, sie sind in mir“, sagt Esther. Sehr differenziert zeigt das Stück auf, dass das Leben keine einfachen Lösungen bereithält.

Vor allem aber verhandelt es das komplexe Verhältnis zur Elterngeneration. Und da läuft vieles sehr unbewusst ab. Hier bedient sich Ziegler eines klugen künstlerischen Vehikels. Sie schreibt dem Autor Philip Roth ein – erfundenes – Zitat zu, in dem er sagt, seine Identität sei dadurch definiert, dass er das Produkt seiner Eltern sei.

Auf sehr fein beobachtete Weise wirken die offenen und verdrängten Konflikte von Esther und Schmuli in das Leben von Sophie und Abe hinein. Obwohl Religion in ihrer beider Leben keine große Rolle einnimmt. Regisseur Elias Perrig wiederum macht dies mit Zeitsprüngen und ineinander verschränkten Auftritten deutlich.

„The Wanderers“ spitzt sich plötzlich zu

Die Zerrissenheit der Mutter zeigt sich in Abe, als er mit der von Elzemarieke de Vos herrlich kapriziös gespielten Julia eine eskapistische Email-Freundschaft startet, in deren Folge die Grenzen von Realität und Fiktion sehr raffiniert verschwimmen. Sein manchmal prätentiöses Auftreten kann man ohne Weiteres seiner literarischen Vaterfigur Roth zuschreiben.

Anna Ziegler hat das Stück klug gebaut, und Elias Perrigs konzentrierte Regie hilft, sich in den Themenkomplexen Religion, Paarbeziehung und Generationenkonflikt zurechtzufinden. Das durchweg tolle Ensemble bricht das Thesenhafte des Stückes mit wohldosierter Dynamik auf. Als Zuschauer gewinnt man Einblicke in eine vielschichtige Welt, die den meisten unbekannt sein dürfte. Das Programmheft hält da ein durchaus hilfreiches Glossar bereit.

Nach der Pause spitzt sich das Geschehen noch einmal dramatisch zu. Das Premieren-Publikum weiß es zu schätzen. Am Ende gibt es starken Applaus und Bravos für alle Beteiligten – „The Wanderers“ ist für eine private Bühne wie das Ernst Deutsch Theater ein ambitioniertes, aber geglücktes Unterfangen, dem man viele Zuschauer wünscht.

  • „The Wanderers“ weitere Vorstellungen bis 19.2., Ernst Deutsch Theater, Friedrich-Schütter-Platz 1, Karten unter T. 22 70 14 20; www.ernst-deutsch-theater.de