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Helmut und Loki Schmidt: Einblicke in einen Briefwechsel

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Siegfried Lenz, Loki und Helmut Schmidt.

Siegfried Lenz, Loki und Helmut Schmidt.

Foto: © Siegfried Lenz Stiftung, Hamburg

Die Ehepaare Schmidt und Lenz waren eng befreundet schrieben sich über Jahrzehnte hinweg. Nun erscheint der Briefwechsel in Buchform.

Hamburg.  „Liebe Lilo, lieber Siegfried“, schreibt Hannelore Schmidt am 16. Juli 2003, „wie war es wieder schön bei Euch! Helmut und ich sind sooo vergnügt nach Hause gefahren. Dabei hat uns ein riesengroßer rötlicher Mond begleitet, der über der dunklen Landschaft schwebte.“

Dann erzählt sie von Mohn und Akelei; sie hätten „freiwillig“ Samen in ihre Hand gestreut: „Der gelbe Mohn heißt Meconopsis cambrica“.

Helmut und Loki Schmidt: Korrespondenz dokumentiert

Hannelore „Loki“ Schmidt war leidenschaftliche Botanikerin und Naturschützerin, ihr Thema dürfte oft Gegenstand gewesen sein bei den Aufeinandertreffen der beiden Ehepaare. „Seid beide nochmals bedankt und herzlich gegrüßt – einschließlich Eurer schmatzenden Haustiere – von Helmut und mir, Eure Loki“ endet dieser Brief. Er ist einer von knapp 220, die für den Band „Ihr ganz lieben Zwei. Briefwechsel 1965–2014“ ausgewählt wurden.

Dokumentiert, auch in Faksimiles vieler dieser Briefe und Postkarten, ist hier die Korrespondenz zwischen zwei herausragenden Ehepaaren. Auf der einen Seite Helmut und Loki Schmidt, auf der anderen Siegfried und Lilo Lenz. Die Prominenz der alten Bundesrepublik, die bis ins dritte Jahrtausend hinein nicht allein miteinander miteinander Umgang pflegte, sondern, siehe das eingangs zitierten Dankesschreiben Loki Schmidts, einander oft besuchte.

Loki Schmidt bat Siegfried Lenz um Hilfe

Der zitierte Text ist exemplarisch für den Ton, der in den Briefen angeschlagen wurde. Man versicherte einander der gegenseitigen Sympathie und Freundschaft und erfreute sich der gemeinsamen Zusammenkünfte. Die oft bewegten Zeiten, in denen sie lebten, fanden nur dezent Ausdruck und wurden nicht konkret besprochen. Das galt zum Beispiel für den „Deutschen Herbst“ und die Terrorakte der Siebzigerjahre. Politik war wie Natur und Literatur Anlass, einander zu schreiben. Bei der Arbeit an ihrem ersten Buch bat Loki Schmidt Siegfried Lenz um Hilfe, und sie revanchierte sich, indem sie Lenz mit Lektüreendrücken versorgte, wenn der ein neues Buch veröffentlichte.

Der allererste Brief ging am 11. Januar 1965 von Liselotte und Siegfried Lenz an den damaligen Innensenator. Ein Dank für eine Einladung und ein Zusammentreffen bei Schmidts zu Hause, abgetippt und auch mit unterzeichnet von Siegfried Lenz’ Ehefrau, aber das „Ich“ im Text ist eindeutig dem Schriftsteller vorbehalten: „Ich persönlich danke Ihnen ganz besonders für Ihre ebenso liebenswürdige wie spontane Bereitwilligkeit, mir auf die vielen Kreuz- und Querfragen, die ich gelegentlich glaubte zu stellen müssen, langmütig Antwort zu geben.“

Helmut Schmidt blieb beim Hamburger Sie

Loki Schmidt füllte ihre Rolle als Politikergattin mit Leben und engagierte sich vielfältig, aber wie Lilo Lenz stand sie hinter der Karriere ihres Mannes zurück. In den Briefen waren sie gleichberechtigte Partner in dieser Kommunikation, in der man erst nach etlichen Jahren beim „Du“ landete.

Mit Ausnahme von Helmut Schmidt, der eisern beim Hamburger Sie blieb, seinen Freund Lenz aber bald vertrauensvoll fast ausschließlich mit „Siggi“ anredete. Die alltäglichen Sorgen, Nöte und Freuden waren der eigentliche Kern dieser bei aller Intimität immer am Ende doch eine gewisse hanseatische Distanz wahrenden Korrespondenz. Beleg dafür mögen Helmut Schmidts im Jahr 1984, da war er schon zwei Jahre kein Kanzler mehr, gleich in zwei Briefen vorgebrachten gesundheitlichen Hinweise in Richtung Siegfried Lenz sein.

Treffen fanden oft in Dänemark statt

Dem empfahl er, die Diktion ist ganz herrlich und wohl mit Bezugnahme auf dasselbe Thema bei einem persönlichen Treffen, gegen sein Rheuma („Bitte rufen Sie dann unter der Telefon-Nr. 5315888 am Neubergerweg an, um einmal den Hot Whirlpool auszuprobieren – es kostet mit Schwimmen im beheizten Bad und Ausruhen ca. 1 Stunde“) ein ausgiebiges Wellenbad.

Politisch waren die Männer einer Meinung. Aufrechte Sozialdemokraten, die wussten, dass der Feind bei CDU und CSU stand. Aber gedanklich in die Tiefe gingen sie in den selten länger als ein paar Absätze gehenden Schreiben nie. Im akkurat gehaltenen Anmerkungsteil erfährt man manches, was zum Beispiel die geografischen Gegebenheiten erhellt – man traf sich oft im Lenz-Feriendomizil in Dänemark.

Schmidts standen dem Witwer Lenz bei

Postkarten und kurze Glückwunschschreiben („Herzliche Glückwünsche zum Geburtstag, lieber Siegfried, herzlichst, Deine Loki, noch herzlicher, Ihr Helmut“), immer wieder Freundlichkeiten, die gemeinsame Treffen vor- und nachbereiten: Natürlich schmunzelt man gelegentlich angesichts der Betulichkeit und ermüdet ob der Wiederholungen.

Als Lilo Lenz 2006 starb, standen die Schmidts dem Witwer in Briefen zur Seite. Heute lebt keiner mehr aus diesem einzigartigen Hamburger Quartett, das sich formvollendet, höflich, in jeder Zeile Respekt vor dem jeweils anderen ausdrückend schrieb.

Helmut und Loki Schmidt:: Briefe sind Zeugnisse einer fernen Zeit

All diese Briefe? Zeugnisse einer schon fernen Zeit. Heute schreibt man WhatsApp, da hätte auch Helmut Schmidt auf den Briefkopf aus dem Kanzleramt verzichtet. Knapp eine Woche vor dessen Tod schrieb Schmidt an Lenz, wie dankbar er sei, dass ihre Freundschaft ein halbes Jahrhundert gehalten habe.

Dabei half auch der Postbote.