Bücher Hamburg

Uwe M. Schneede: Die Kunst, das bin ich

| Lesedauer: 9 Minuten
Mann der Bücher: der ehemalige Kunsthallen-Direktor Uwe M. Schnee in seiner Eimsbütteler Wohnung.

Mann der Bücher: der ehemalige Kunsthallen-Direktor Uwe M. Schnee in seiner Eimsbütteler Wohnung.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Selfies waren schon in der Moderne angesagt – das beweist ein Buch von Ex-Kunsthallen-Direktor Uwe M. Schneede.

Hamburg.  Die Eitelkeit, sich zu einem Fototermin besonders in Schale zu werfen, hat Uwe M. Schneede vermutlich längst hinter sich gelassen. Er weiß, wer er ist. Und dasselbe erwartet er auch von seinen Interviewpartnern. Ein dunkler Blazer reicht als Referenz, dass er mal die wichtigste Museumsdirektorenstelle bekleidete. Der einstige Kunsthallen-Direktor empfängt in seiner geräumigen Altbauwohnung in einer der schönsten Straßen Eimsbüttels. Hier wohnt er schon seit mehr als 30 Jahren zusammen mit seiner Frau. Vom vierten Stock aus schaut man über den Weiher, auf der anderen Seite des Raumes blickt man in ein meterhohes Meer an Büchern, an dem eine lange Leiter steht.

Hier probt er für den Fotografen – überraschend humorig – eine Pose à la Cindy Sherman: den Griff ins Bücherregal. Und selbstverständlich hat er den entsprechenden Bildband über die Fotografin gleich zur Hand. An den Wänden hängen Bilder des Malers Peter Vogt, auf einem Regal liegen kleine Geschenke des Bildhauers Bogomir Ecker. Kommuniziert wird über ein großes Telefaxgerät. Aus einem Nebenzimmer dringt leise Querflötenmusik. Schneede schließt schnell die Tür, es soll hier nicht um Musik gehen, sondern um sein gerade erschienenes Buch: „Ich! Selbstbildnisse in der Moderne. Von Vincent van Gogh bis Marina Abramović“.

Was hat Sie so besonders an dem Thema der Selbstbildnisse gereizt?

Uwe M. Schneede: Bald nach meinem Amtsantritt habe ich eine Ausstellung mit nur 27 Selbstbildnissen von Max Beckmann gemacht. Das Überraschende war, dass die Menschen vor diesen Selbstbildnissen so viel erlebten, als sei es eine riesige Schau. Und als wir zwei Jahre später eine Ausstellung mit nur 17 Werken, kleinformatigen Selbstbildnissen von van Gogh aus seiner Pariser Zeit, machten, war es wieder so. Man erlebte, wie stark Selbstbildnisse auf Menschen wirken, weil es eine Korrespondenz auf Augenhöhe ist, man selbst angeschaut und befragt wird, weil eine Art von Kommunikation hergestellt wird. Um diesem Phänomen auf die Spur zu kommen, habe ich mich in der Folge sehr viel mit Bildnissen und Selbstbildnissen von Künstlern und Künstlerinnen beschäftigt.

Wie kommunizieren Sie denn diese Art von Bildern mit ihren Betrachtern?

Schneede: Bei Beckmann war dieses Erleben besonders auffällig, weil seine Physiognomie eigentlich immer relativ ähnlich markant erscheint, aber das Entscheidende ist, dass er in unterschiedlichen Verkleidungen und Rollen auftritt: als Clown, Gesellschaftslöwe, Kriegsgewinnler oder auch Seher in düsteren Zeiten und damit über sich selbst in der Zeit redet, in der das Bild entstanden ist. Das ist eine zusätzliche Dimension des Selbstentwurfs, die über das rein persönliche Aussehen weit hinausgeht.

Und ebenso kann es ein Zeugnis davon sein, gegen seine Zeit zu leben. Der jüdische Expressionist Ludwig Meidner hat sich selbst entfremdet dargestellt, um seine Kriegstraumata zu verarbeiten.

Schneede: Das hat mich überhaupt am meisten an dem Thema fasziniert: dass es eigentlich nur gelegentlich um die genaue Wiedergabe des Äußeren geht und ganz andere Aspekte zum Tragen kommen. So werden etwa bei Ferdinand Hodler Gemütszustände ausgestellt. Wenn er wütend oder zornig ist oder über seine Gegner triumphiert, stellt er das sehr prägnant und für jedermann nachvollziehbar dar. Bei anderen wird das Kunstprogramm zum Thema, etwa bei Edvard Munch, wenn er die neue, subjektiv geprägte Malerei an seinem Selbstbildnis vollführt und vorführt. Die finnische Malerin Helene Schjerfbeck ist dagegen mit dem Alter immer mehr aus ihren Selbstbildnissen verschwunden, im Alterungsprozess werden ihre Selbstbilder zu Leichentüchern.

Ihr Buch ist sozusagen eine Synthese Ihrer bisherigen Beobachtungen, richtig? Allerdings irritiert der Begriff der Moderne. Die ist ja, streng genommen, um 1920 zu Ende gegangen. Sie aber beenden mit dem Werk der Performance-Künstlerin Marina Abramović.

Schneede: Der zweite Teil meines Buches bezieht sich auf eine Phase, die keinen eigenen Epochenbegriff hat. Man sagt immer „Kunst nach 45“, aber man meint gar nicht Nachkriegskunst allein, sondern die Kunst bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Ich habe mal versucht, den Begriff der Zweiten Moderne aufzugreifen, aber der hat sich in keiner Weise durchgesetzt. Um wirklich einen differenzierten Überblick zu geben, war es notwendig, auch die Kunst seit den 1960er-Jahren anzupacken, weil da der Umstieg von der Malerei in die Aktion, in die Performances und Happenings passierte. Wo der eigene Körper, das eigene Gesicht der Künstler und Künstlerinnen eine entscheidende Rolle spielen. Sie sind nun nicht mehr die Motive, sondern die Akteure, vor und hinter der Kamera. Das ist eine völlig andere Funktion des Selbstentwurfs und der Selbstdarstellung in der Form vor allem von Fotoserien und Videos.

Auch eine gesellschaftliche Zäsur.

Schneede: Ganz genau. Es ist zum Beispiel bezeichnend, wie Andy Warhol mit den Medien umgeht, sein eigenes Image gestaltet, um durch seinen Siebdruck und die Medien massenhaft zur Wirkung zu kommen, als Person, die für die Pop Art steht, für die Haltung einer ganzen Generation. Und sich damit in den Glamour der New Yorker Society einreiht, dabei aber auch bildlich mit seiner Geschlechtlichkeit spielt. Und so zur Ikone geworden ist.

Eine interessante Parallele übrigens zu Vincent van Gogh, der ja auch unbedingt zur Pariser Kunstszene dazugehören wollte und vom Außenseiter später ja sogar zum Begründer der modernen Malerei wurde.

Schneede: Bei van Gogh sind es zunächst noch Versuche, indem er alles an Stilen aufgreift, was er in den Pariser Ateliers seiner bereits gereiften Kollegen sieht. Zunächst fehlen ihm Auftraggeber, aber er will unbedingt Porträts machen, um damit Geld zu verdienen. Und so nimmt er – aus der Not heraus – seinen eigenen Kopf. Allein 1886/87 entstehen an die 30 Selbstbildnisse. Und die sind so ausdrucksstark und selbstsprechend, dass ich sie als Ausgangspunkt meiner Analyse der Moderne spannend fand. Im Gegensatz zu seinem zeitweiligen Freund Paul Gauguin, der sich gern als Märtyrer, als Verfolgter der Gesellschaft gab, stellt van Gogh eher seine Widerständigkeit aus. Auch wenn es um sein abgeschnittenes Ohrläppchen oder sein spätes, erschütterndes Selbstbildnis aus der Anstalt in Saint-Rémy geht, ist er nicht der Unterlegene, Verletzte oder Verlierer. Durch seine Malerei widersteht er. Das ist eine selbstbestimmte Art und Weise, die schon in das 20. Jahrhundert vorausweist.

Haben Sie sich die immersive Ausstellung „Van Gogh Alive“, die im Frühjahr in der Gaußstraße lief, angesehen?

Schneede: Nein. Ich bin nur angemacht von den Originalen.

Ihr Buch endet bei Marina Abramović. Warum ausgerechnet bei ihr?

Schneede: Weil ihre durch Foto, Video und Filme dokumentierte Aktionskunst an eine absolute Grenze gekommen ist. Mit dem geschundenen eigenen Körper und den unglaublichen Risiken, die sie psychisch und physisch mit ihren Aktionen eingeht. Ich habe den Eindruck, dass da die Grenzen der Aktion sogar überschritten werden. Die Künstlerin selbst hat ja geäußert, dass sie immer wieder in Aktionen gegangen sei, in dem Bewusstsein, dass sie auch tödlich enden könnten. Tagelang Knochenschrubben bei der Biennale in Venedig: Das geht ans Äußerste, das merkt man an den eigenen Emotionen.

Ein Trend, der ganz eng mit Ihrem Thema zusammenhängt, ist die Selfie-Kultur, die sich ja auch in der Kunsthalle sehr ausgebreitet hat. Alexander Klar zeigte sich kürzlich im Interview sehr begeistert von den vielen jungen Menschen, die sich mit und vor der Kunst ablichten. Das Museum weniger als Bildungs-, sondern mehr als Erlebnisort. Nervt Sie das?

Schneede: Nein, überhaupt nicht. Das ist auch eine Form der Kunstaneignung. Die vielfältigen Bildungsangebote der Kunsthalle finden ja parallel weiterhin statt. Und grundsätzlich sind Selfies trotz ihrer Ähnlichkeiten untereinander der Ausdruck von Personen, die sich als eigenständig verstehen. Nur dass die Selfies bei Weitem nicht so vielschichtig sind wie die künstlerischen Selbstbildnisse.

„Ich! Selbstbildnisse in der Moderne. Von Vincent van Gogh bis Marina
Abramović“
, erschienen im C. H. Beck Verlag, 240 S., 29,95 Euro