Theater Hamburg

Wolf-Dietrich Sprenger: „Ich hatte große Angst vor Zadek“

| Lesedauer: 8 Minuten
Der Regisseur und Schauspieler Wolf-Dietrich Sprenger hat mit den Großen des Hamburger Theaterlebens gearbeitet: Peymann, Flimm, Zadek, Nagel.

Der Regisseur und Schauspieler Wolf-Dietrich Sprenger hat mit den Großen des Hamburger Theaterlebens gearbeitet: Peymann, Flimm, Zadek, Nagel.

Foto: Roland Magunia/Funke Foto Services

Das Urgestein des Hamburger Theaters feiert am Donnerstag Premiere und nächste Woche seinen 80. Geburtstag.

Hamburg.  Wolf-Dietrich Sprenger ist auch im hohen Alter ein unermüdlicher Theaterarbeiter. Am 6. Oktober feiert Johann Wolfgang von Goethes Frühwerk „Die Mitschuldigen“ in seiner Regie Premiere im Ernst Deutsch Theater. fünf Tage später begeht er seinen 80. Geburtstag. Anlass, auf ein langes, bewegtes Theaterleben zu blicken. Ein Gespräch.

Hamburger Abendblatt: Wenn Sie auf Ihr langes Theaterleben zurückblicken, wie begann die Liebe zum Theater und wie hat sie sich entwickelt?

Wolf-Dietrich Sprenger: Die ist durch einen Deutschlehrer im Gymnasium entstanden, der mit mir einige Stücke inszeniert hat und damit sehr zufrieden war. Ich bin häufig ins Theater gegangen, wo Schauspieler wie Martin Held auf der Bühne standen. Später habe ich Germanistik, Theaterwissenschaft und Philosophie studiert und zum Entsetzen meines Professors weiter Studententheater gespielt, auch in mitbestimmender Funktion. So kam ich zum Forum-Theater in Berlin. Dort sah mich ein Mann namens Ivan Nagel. Ich brach das Studium ab, besuchte aber keine Schauspielschule, sondern ging mit Joachim Fontheim ans Theater in Krefeld und dort kam Nagel erneut auf mich zu und holte mich für die kleinste Gage ans Deutsche Schauspielhaus in Hamburg. Dort habe ich von Herbert Mensching und Bernhard Minetti viel gelernt, obwohl Minetti immer alle fertig gemacht hat. Bald habe ich häufiger und größere Rollen gespielt.

Sie haben von Krefeld über das Schauspielhaus in Hamburg an unzähligen Bühnen gewirkt. Was war Ihre schönste Zeit?

Sprenger: Die Zeit am Schauspielhaus war für meine Entwicklung sehr wichtig. Mein Sächsisch war nicht stark, aber ein Sprachlehrer hat es bekämpft und darüber habe ich auch Bühnendeutsch gelernt. Ivan Nagel wurde von der Stadt entlassen, aber es entstand eine Freundschaft. Später war Claus Peymann Intendant. Er hat viele falsche Dinge gesagt und war kein besonders guter Regisseur. Als ich dann eine Anfrage von Jürgen Flimm erhielt, der vom Schauspiel Köln ans Thalia Theater ging, folgte ich ihm dorthin.

Welcher der beiden Regie-Dinosaurier hat Sie mehr beeindruckt und gefordert: Peter Zadek am Schauspielhaus, in dessen „Wildente“ Sie unter anderem auftraten, oder Jürgen Flimm während „Dantons Tod“?

Sprenger: Ich habe ja nicht oft bei Zadek gespielt, aber im Nachhinein habe ich viel von seiner Art zu inszenieren verstanden. Ich hatte große Angst vor ihm. Vor der ersten Probe zu Ibsens „Die Wildente“ stand ich zitternd vor dem Schauspielhaus und fragte ihn, wie ich die Rolle anlegen soll. Er sagte nur, „Das ist der liebe Gott, Wiedersehen“. Wir haben uns sehr gut verstanden. Ich habe ihn als Theatermacher sehr geschätzt. Dann kam Flimm, den habe ich auch geschätzt, aber wir haben sehr viel gestritten. Ich wusste vieles besser und hatte auch gute Ideen, wenn er mich fragte. Flimm hat mich immer sehr unterstützt. Wir haben uns nach Jahren versöhnt und planen jetzt noch „Das letzte Band“ von Samuel Beckett am St. Pauli Theater gemeinsam zu erarbeiten. Ich hatte einfach – bis auf Zadek – keine Angst vor den Leuten.

Sie haben vor allem in Klassikern gespielt und sich diese Stoffe auch für Ihre Regiearbeiten gesucht. Was haben Klassiker Gegenwartsstoffen voraus?

Sprenger: Ich gehe in letzter Zeit kaum ins Theater, weil mir die Verdrehungen von Regisseuren, die meiner Meinung nach ‚auffallen‘ wollen, nicht gefallen. Sie lassen zum Beispiel „Die Räuber“ nur von Frauen spielen. Ich denke, man sollte ein Stück so spielen, wie es offensichtlich gemeint ist.

Langjährige renommierte, vor allem männliche Regisseure sehen sich einem radikalen Wandel der Theaterlandschaft gegenüber. Wie empfinden Sie die Debatten um Machtverhältnisse?

Sprenger: Ich finde, dass es sehr gute Regisseurinnen gibt. Es gibt gute weibliche und männliche Regisseure und es sollte die Qualität sein, nach der man sich ausrichtet.

Warum haben Sie den Sprung Anfang der 1980er-Jahre zur Regie vollzogen?

Sprenger: Ich wollte alles. Ich wollte auf der Bühne stehen. Ich wollte gerne Regie führen, weil ich oft mit diesem Einfallstheater nicht so viel anfangen konnte und wollte. Und dann habe ich das so inszeniert, wie ich es für richtig hielt. Ich weiß nicht, warum man eine „Stella“ von Goethe nur mit Frauen erzählen muss. Warum? Die Stücke haben doch eine Kraft, die andauert. Ich bin da etwas konservativ, und das bin ich gerne.

An diesem Donnerstag hat nun Goethes „Die Mitschuldigen“ am Ernst Deutsch Theater Premiere, wo Sie wiederum Regie führen.

Sprenger: Die Inszenierung hat eigentlich vor zwei Jahren am 18. November Generalprobe gehabt, dann kam die Pandemie. Jetzt greifen wir den Faden wieder auf. Leider mussten wir den Schauspieler Jonas Minthe kurzfristig ersetzen. Zum Glück haben wir Rune Jürgensen gefunden, der diesen komplizierten Text jetzt sehr schnell lernen muss.

Basis der Inszenierung ist ein frühes Lustspiel des gerade mal 20-jährigen Johann Wolfgang von Goethe. Was erzählt es über Männer und Frauen?

Sprenger: Ja, und wir stellen immer stärker fest, wie sehr es noch auf den Zustand von Ehen und Familien zutrifft. Da wird um einer besseren Situation willen gelogen, gestohlen und gestritten unter zwei Männern, die die gleiche Frau lieben. Wenn ich mich so umschaue, finde ich vieles davon wieder.


Welche Gedanken verfolgen Sie bei der Inszenierung?

Sprenger: Ich suche nach dem tieferen Sinn des Textes, versuche die ganze Sache noch psychologischer zu sehen. Man läuft immer Gefahr, in diese Reime zu sehr hineinzufallen. Die Schauspieler werden das Publikum häufig direkt ansprechen, die vierte Wand durchbrechen.

„Die Mitschuldigen“ ist ja eigentlich eine Komödie.

Sprenger: Es ist keine platte Komödie. Die Zweifel und Verzweiflungen der Figuren sind hier doch sehr ernst zu nehmen. Der Begriff Lustspiel kommt im Text vor und bezieht sich auf die Lust von Alceste, seine frühere Freundin wieder zu erobern. Er hat hier einen regelrecht sexistischen Sinn. In meinen bisher 130 Inszenierungen interessieren mich vor allem die Konflikte.

Ihre Ehefrau Victoria Trauttmansdorff ist eine beliebte Schauspielerin, ihre Tochter Charlotte Sprenger führte ebenfalls Regie. Dreht sich das Gespräch beim Abendessen auch mal nicht um Theater?

Sprenger: Nein, meine Frau ist ja Gräfin und hat häufig Besuche von anderen Gräfinnen. Da wird meist nur über die Familie geredet. Aber meine Frau ist mir auch nach 33 Jahren Ehe immer noch sehr lieb. Sie spielt ja sehr viel, auch TV-Rollen. Das freut mich, da muss ich weniger Geld verdienen. Ich habe ja auch viel gedreht, aber mit 80 Jahren kommt man meist nur als Hausmeister vor, der durch die Tür schaut. Es gibt auch noch schöne Angebote, aber ich renne den Sachen nicht mehr hinterher.

Sie sind vor allem als Autor von Kinderstücken tätig. Würden Sie nach einem frühen Fußball-Stück noch mal ein Werk für Erwachsene schreiben?

Sprenger: Ich schreibe gerade ein Stück über den Klimawandel, das ich auch gerne spielen möchte. Das wird mein letztes Stück sein als Autor, Regisseur und Spieler.

„Die Mitschuldigen“ Premiere 6.10., 19.30 Uhr, Ernst Deutsch Theater, Friedrich-Schütter-Platz 1, Karten unter T. 22 70 14 20