Hamburger Autorin

Simone Buchholz: „Es geht um das ewige Beleidigtsein“

| Lesedauer: 13 Minuten
Simone Buchholz mag Hamburg. auch, weil man híer manchmal einen Schirm braucht.

Simone Buchholz mag Hamburg. auch, weil man híer manchmal einen Schirm braucht.

Foto: Marcelo Hernandez

Im Interview spricht Hamburgs Thrillerkönigin über den Ukraine-Krieg, ihren Kollegen Uwe Tellkamp und über ihren neuen Roman.

Hamburg.  Sie ist Hamburgs Thrillerkönigin. Unter anderem. Außerdem ist Simone Buchholz (50) auch noch eine meinungsstarke, einmischungsfreudige Frau. Am Freitag eröffnet sie gemeinsam mit Juri Andruchowytsch das 14. Harbour Front Literaturfestival.

Buchholz („Revolverherz“) ist sich der grundsätzlich anderen Situation für Schriftstellerinnen und Schriftstellern in der Ukraine bewusst, wie sie im Interview erklärt.

Hamburger Abendblatt: In einem Zeitungsartikel haben Sie unlängst von früheren Barnächten in St. Petersburg erzählt und von den Aussagen der Russen über ihr Staatsoberhaupt: „Come on, he’s an asshole“. Hat Sie diese Meinung damals überrascht?

Simone Buchholz: Das ist knapp zehn Jahre her, da hatte sich Putin gerade zum zweiten Mal zum russischen Präsidenten wählen lassen. Ich empfand St. Petersburg damals als sehr widersprüchlich – hier das glitzernde, kapitalistische Russland, wie man es in Moskau erwarten würde, dort viele arme, eher alte Menschen. In den Hinterhofbars wiederum hatte die Stadt viel vom Berlin der Neunzigerjahre, alle sprachen fließend Englisch, man traf sich in einer Atmosphäre der Freiheit. Jedesmal, wenn ich da auf Putin angesprochen wurde, wollte ich als Gast nicht das Maul aufreißen und eierte herum. Das Arschloch-Urteil, um auf Ihre Frage zurückzukommen, überraschte mich absolut in dieser Eindeutigkeit. Da hatte ich nicht mit gerechnet, obwohl St. Petersburg so europäisch und westlich geprägt ist.

Der in Hamburg lebende österreichische Schriftsteller Norbert Gstrein sagte kürzlich in einem Abendblatt-Interview, sein Hauptempfinden über das abwartende Verhalten Deutschlands im Hinblick auf den Krieg in der Ukraine sei Scham. Teilen Sie dieses Empfinden?

Buchholz: Komplett. Meine Wahrnehmung war schon lange vorher, dass wir in Deutschland auf Kosten anderer schön im Warmen und Trockenen sitzen. Dabei sprach Robert Habeck schon 2016 von der Notwendigkeit, uns aus der Gas-Abhängigkeit von Russland zu befreien. Aber der schläfrige Zustand unserer Gesellschaft hat uns dahingeführt, wo wir jetzt sind: In eine Situation, in der unser Land aus welchen Überlegungen auch immer elendig lange braucht, um sich für die Ukraine gerade zu machen. Ich stelle bei mir aber auch einen großen Groll fest, der sich in die Scham mischt. Mit Unternehmern in meinem Freundeskreis habe ich, da eher im Hinblick auf China, nächtelang diskutiert, ob das mit dem „Wandel durch Handel“ denn wirklich stimmt, weil ich überzeugt davon bin, dass das Blödsinn ist. Autokraten finden es natürlich toll, wenn Demokratien mit ihnen Geschäfte machen. An den Strukturen in totalitären Staaten ändert das aber gar nichts.

Im angesprochenen Text, er stammt aus der Anfangsphase des Kriegs, äußerten Sie die Hoffnung, dass die russische Bevölkerung in Massen auf die Straßen gehe, „in solch unglaublichen Mengen, dass selbst Putins Gefängnisse zu klein werden“. Diese Hoffnungen sind herb enttäuscht worden, Frau Buchholz. Putins Rückhalt in der Bevölkerung ist groß.

Buchholz: Da will ich mir kein Urteil anmaßen. Die Massivität, mit der Putin oppositionelle Stimmen unterdrückt, scheint mir enorm zu sein. Als ich vor einiger Zeit zusammen mit dem russischen Autor Dmitry Glukhovsky, der auf der Fahndungsliste des Kreml steht, in einem Taxi saß, war ich danach von allen naiven Vorstellungen, was die Möglichkeiten des Volkes angeht, geheilt. Selbst innerhalb von Familien wird aus Angst nicht mehr frei miteinander geredet, es herrscht Sprachlosigkeit sogar in Gedanken. Putin tut alles für seinen Machterhalt, und offenbar funktioniert es.

Haben Sie derzeit persönlich Kontakt zu Russen oder Ukrainern?

Buchholz: Nein, nur zu meinem deutschen Schriftstellerkollegen Dmitrij Kapitelman, der in Kiew geboren wurde. Wenn wir sprechen, frage ich möglichst taktvoll, wie es ihm geht, weil ich auch nur den Versuch, an generelle Informationen über die Lage zu kommen, übergriffig fände.

Wie gut kennen Sie literarisch Osteuropa?

Buchholz: Eigentlich gar nicht. In meiner Lesebiografie nehmen die Vereinigten Staaten den größten Platz ein, die US-amerikanische Kriminalliteratur und das ganze Hardboiled-Zeug eben. Ich bin sicher keine Tolstoi- oder Dostojewski-Expertin.

Viele lernen Russland erst jetzt richtig kennen und attestieren sich selbst jetzt im Nachhinein bedauernd zum Beispiel eine Unkenntnis der russischen Kultur. Wären wir weniger überrascht gewesen, hätten wir, außer Tschechow auf dem Theater zu erleben, auch mal was Zeitgenössisches aus Russland gelesen?

Buchholz: Vermutlich. Hätten wir die Science-Fiction-Romane Dmitry Glukhovskys gelesen, hätte uns das, was seit dem Frühjahr in der Ukraine passiert, nicht überrascht. Seine dystopischen Erzählungen haben viel von dem vorausgesehen, was in Russland heute tatsächlich los ist. Dmitry sagte zu mir, was wir alle im Westen zu hören bekommen: Dass wir spätestens seit der Annexion der Krim 2014 über Putin hätten Bescheid wissen müssen.

Um auf das Thema des Eröffnungsabends zu kommen – wie verhält es sich mit der Bedeutung von Literatur in diesen Zeiten?

Buchholz: Alle Künste, auch der Film, das Theater, die Bildende Kunst und am meisten aber die Literatur sind Sprache. Und Sprache ist das, wovor sich Autokraten fürchten. Deswegen sind freies, öffentliches Denken und Sprechen so wichtig, deswegen ist das erste, was in totalitären Staaten niedergemäht wird, die Sprache. So wie es im Moment in Belarus geschieht und in den besetzten ukrainischen Gebieten, in denen nur noch Russisch gesprochen werden darf, und so wie es in der Türkei mit dem Kurdischen geschieht. Das freie Sprechen und damit Denken ist eine Säule des Demokratieschutzes, und wir sind alle in der Pflicht, dieses Recht zu beschützen und mit Leben zu füllen. Die Literatur hat also eine immense Bedeutung in diesen Zeiten.

Im Körberforum berichteten mit Alhierd Bachareviè und Julia Cimafiejeva zuletzt zwei weißrussische Schriftsteller von der erzwungenen Emigration aus ihrer Heimat. Bei den Protesten gegen den Präsidenten und Wahlfälscher Lukaschenko marschierten sie in vorderster Reihe. Auch viele ihrer Kollegen aus der Kulturszene sitzen nun in Lukaschenkos Gefängnissen. Schriftsteller leben gefährlich, und Worte bewirken am Ende doch recht wenig, wenn sie ihren Weg gar nicht mehr zu ihrem Publikum finden. Traurig und bedenklich, oder?

Buchholz: Es ist entsetzlich und zeigt, dass dort, wo es zu einem Verbot von Sprache kommt, ein gerader Weg zu einem Gesellschaftssystem führt, in dem niemand mehr frei ist. Ich sage es noch einmal: Die Freiheit der Sprache und der Gedanken ist essenziell für eine freie Gesellschaft. Sprache ist Zivilisation. Sprache ist das, was uns zu Menschen macht und uns unterscheidet von den Tieren, von der Gewalt, dem Recht des Stärkeren. Über Sprache treten wir in den Dialog und verhandeln.

Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow berichtete schon früh, dass der russische Geheimdienst mit Namens- und Adresslisten unterwegs sei, um pro-ukrainische Aktivisten und Journalisten zu suchen. Kurkow sieht ukrainische Schriftsteller und Intellektuelle ganz reell in Gefahr, verhaftet zu werden. Was macht das mit Ihnen als Berufskollegin, wenn Schriftsteller Repressalien ausgesetzt sind?

Buchholz: Wir sind so wahnsinnig privilegiert hier im Westen. Ich kann mich einfach in einer Zeitung äußern, meiner Familie und meinen Freundinnen wird, zumindest von staatlicher Seite, nichts passieren. Wie es sein muss, auf einen Schlag viele Menschen in Gefahr zu bringen, nur weil ich mich regierungskritisch äußere, mag ich mir kaum vorstellen.

Wie steht es eigentlich um die vor einer Weile unter anderem von Ihnen aufgebrachte Idee einer Parlamentspoetin oder eines Parlamentspoeten?

Buchholz:Na ja, ist gerade vermutlich eher nicht die TOP-1-Priorität in Berlin (lacht). Das war schon ein großer Aufschlag im Januar, den Mithu Sanyal, Dmitrij Kapitelman und ich so gar nicht erwartet hatten. Als dann die stellenweise echt harsche Kritik kam, dachte ich: Ach schau mal an, was das für Wellen schlägt.

Hat sie die Ablehnung damals getroffen?

Buchholz: Insgesamt perlt sowas dann doch eher an mir ab, da hab ich in meinem Leben schon ganz andere Dinge ausgehalten. Zwei, drei Tage hatte ich Herzklopfen, dann einmal Schütteln, weiter geht’s. Ich halte die kritischen Äußerungen immer noch für Schnellschüsse, da haben viele die Idee nicht verstanden und einfach mal drauf gehauen. Übrigens fiele die Installierung einer Parlamentspoetin auch in den Bereich Demokratieschutz, oder etwa nicht? Lines von Haftbefehl, die eine Bundestagsdebatte aufgreifen, an den Reichstag projiziert: Das ist Transparenz, und das erreicht auch Leute, die sich sonst nicht für Politik interessieren. Das Parlament ist unser aller Haus, das gehört nicht dem Parlament – das Parlament repräsentiert uns ja nur. Ich habe das Thema noch nicht abgeschrieben und immer noch Bock drauf. Vielleicht probieren wir es erst mal in Hamburg in der Bürgerschaft aus.

Wie fanden Sie es denn, dass im Juni der umstrittene Uwe Tellkamp im Hamburger Literaturhaus auftrat?

Buchholz: Meiner Meinung nach ist Uwe Tellkamp ein Mensch, der tief in Verschwörungstheorien steckt und große Angst vor Veränderungen hat. Man kann so jemanden durchaus einladen, allerdings unter der Bedingung, dass man ihm die richtigen Fragen stellt, und das heißt: auch die unangenehmen. So jemandem gebührt kein roter Teppich, den muss man schon mit seinem Weltbild konfrontieren. Gerade an einem mit öffentlichen Geldern geförderten Ort wie dem Literaturhaus, hätte es auch eine öffentliche Diskussion geben müssen, einen wirklich Dialog. Für den Rückzug ins Literarische ist jetzt nicht die Zeit.

Wie finden Sie es, dass rechte Kreise der linken Seite „Cancel Culture“ vorwerfen?

Buchholz: Sandkastenprinzip. Die, die doch immer ganz oben auf der Rutsche sitzen durften und nebenbei bestimmt haben, wer überhaupt rutschen darf, kriegen endlich auch mal Sand ins Gesicht geworfen, und zwar von unten. Das verstört sie und sie sind beleidigt, holen sich selbst ihre historisch bedingt großen Eimer, füllen ihn randvoll mit Sand, und werfen zurück, in die Gesichter deren, die sich getraut haben, jetzt halt auch mal was zu werfen. Seyran Ates hat bei einem Abend für Salman Rushdie in Berlin kürzlich in Richtung von Muslimen gesagt, sie sollten aufhören, immerzu beleidigt zu sein. Und das ist es, um was es meiner Meinung nach überall geht: dieses enervierende Beleidigtsein. Bei Frauen hört das doch eigentlich mit 18 auf, bei Männern sollte es spätestens mit 25 aufhören – damit man endlich vernünftig miteinander reden kann.

Auf dem Harbour Front Festival stellen Sie auch Ihren neuen Roman vor. „Unsterblich sind nur die anderen“ vor. Kein Krimi! Ist das auch ein Befreiungsschlag?

Buchholz: Hat sich so angefühlt, ja. Ich habe mich als Krimiautorin und schon gar nicht bei meinem Verlag Suhrkamp je eingesperrt gefühlt. Aber an Genreregeln musste ich mich halt doch halten. Jetzt durfte ich endlich mal meinen Werkzeugkasten aufmachen und alles herausholen, was ich mir über die Jahre im Genre an Erzählwerkzeugen zugelegt habe. Angst vor dem, was jetzt kommt, habe ich natürlich trotzdem, weil es etwas Neues ist und nicht die alte Bühne, auf der ich sicher stand.

Ein Thema des mit fantastischen Motiven und auf einem Schiff spielenden Roman ist das Altwerden. Werden Ihre Leserinnen und Leser dennoch bei der Lektüre etwas zu lachen haben?

Buchholz: Unbedingt. Es geht ja um so existenzielle Fragen, ob man aus der Sache mit dem Menschsein überhaupt sauber rauskommen kann. Und immer wenn es ganz ernst wird, geht es bei mir nur mit Comic Relief, sonst halte ich das nicht aus. Wenn es dahin geht, wo es wehtut, hilft ein Witz. Auch das ist, genau wie Sprache, zutiefst menschlich.

Harbour Front Festival, Eröffnung 9.9., 17.30 Uhr, Elbphilharmonie, Kleiner Saal