Ausstellung Hamburg

„Sand !Hũ Sand“: Hier sollen Besucher tief graben

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Installationsansicht von „Sand !Hū Sand“, in der Mitte sind Ruth Mays Pixel- Landschaften.

Installationsansicht von „Sand !Hū Sand“, in der Mitte sind Ruth Mays Pixel- Landschaften.

Foto: Hayo Heye 

Kreative aus Hamburg, Kapstadt und Windhoek gehen im Kunsthaus auf Spurensuche. Eine Ausstellung, die Sand in den Mittelpunkt stellt.

Hamburg.  Gehen zwei Sandkörner zum Strand. Sagt das eine zum anderen: „Wow, ist hier aber viel los!“ Dieser beliebte Kinderwitz lässt sich übersetzen mit: Wenn es von etwas ganz unzählbar viel gibt, dann ist es wie Sand am Meer. Diese Selbstverständlichkeit einer nur scheinbar unerschöpflichen wie unproblematischen Ressource ist das zentrale Thema einer spannenden künstlerischen Auseinandersetzung im Kunsthaus Hamburg. „Sand ist das Gerippe der Welt“, sagt Direktorin Katja Schroeder, die von ihrem White Cube aus auf eine der Großbaustellen Hamburgs blickt, dort, wo früher die City-Hochhäuser standen.

„Ohne Sand kein Beton, also keine gebauten Lebensräume für die wachsenden Städte. Jährlich wird neuer Strand an die Insel Sylt gehäuft, wird in der Elbe Schlick abgetragen, damit Containerriesen unseren Hafen passieren können. In Glas, Teleskopen, Glasfaserkabeln, Chips, Mobiltelefonen und Satelliten ist Sand unter und über uns und Verlängerung unserer Körper.“ Zugleich gehe Sand aber auch einher mit Geschichten von Enteignung, Zwangsumsiedlung und Ausbeutung.

Ausstellung Hamburg: Thema Sand führt auch Kolonialismus

Dass man dabei auch ganz schnell bei territorialem Machtgewinn und Kolonialismus landet, davon erzählt der Hamburger Künstler Peter Thiessen in seiner Rauminstallation mit Klang- und Texteinspielungen. „Wann immer ein Gebiet als unbelebt angesehen wird – Wüste, Steppe, Arktis, Antarktis, ferne Planeten wie jetzt gerade der Mars – gibt es Bestrebungen, sich dieses Land zu eigen zu machen.“ Der Sänger der Hamburger Popband Kante und frühere Bassist bei Blumfeld ist Fan von Science-Fiction-Literatur. „Interessant finde ich, dass die darin verwendete Sprache stark kolonial geprägt ist. Da geht es um die Eroberung von Welten, die Entdeckung und Nutzbarmachung fremder Orte“, so Thiessen.

In seiner Arbeit erforscht er, wie es etwa auf dem Mars klingen könnte, wenn Trockeneis mit Sand bei Wärme verschmilzt und verdampft oder – umgekehrt – bei großer Kälte aufeinandertrifft. Dieses eigenartige Knirschen ist Teil einer Live-Performance, die Thiessen im Rahmen der Ausstellung vorführen wird. Auf Bildschirmen sind Gedankennotizen dazu zu lesen, sie klingen wie Zeilen seiner Songs: „Schluff und Stein und Eis aus CO2 / an seinen Polen gefrorene Atmosphäre / blendend weißer Schnee / ein leeres Blatt Papier / a new frontier / ein Traum von einer neuen Welt / ein freier Horizont“.

"Natur holt sich die Freiheit wieder zurück"

Nebenan fragt seine Partnerin Ruth May, wie das Bild einer Landschaft überhaupt entsteht. Ihre großformatigen Stoffbanner im bunten Patchwork-Stil sind der Blickfang im Ausstellungsraum. Es sind groß aufgezogene Abbilder verpixelter Digitalfotografien: Beige könnte für Strand oder auch ein Meer von Häusern stehen, Blau für den Himmel darüber, einzelne gelbe Flecken setzt das Auge als Lichtkegel in einer urbanen abendlichen Szenerie zusammen.

Eine zweite Bildserie zeigt aus Stoffen zusammengefaltete, -geschobene und -gequetschte Formationen, die vom Betrachter erst bei genauem Hinsehen und Assoziieren als Flüsse, Berge, Täler auszumachen sind. „Der moderne Mensch ist seit jeher bestrebt, sich die Natur Untertan zu machen, Flüsse werden begradigt, Wälder abgeholzt, Berge ihrer Schätze beraubt. Auch in der Kunstgeschichte wird der Mensch seit der Romantik als über die Landschaft erhaben präsentiert, etwa in Caspar David Friedrichs ,Wanderer über dem Nebelmeer‘. In meinen Bildern holt sich die Natur ihre Freiheit wieder zurück“, so die Künstlerin.

Künstler erkundeten Regionen Namibias

Die Präsentation beider – Thiessen und May – hat ihren Ursprung in dem Musik- und Theaterprojekt „Das Haus der Herabfallenden Knochen“ über namibische Volksmärchen, in denen die Kolonialgeschichte Spuren hinterlassen hat. Es wurde auf Kampnagel, in den Kammerspielen München und beim Theaterspektakel Zürich aufgeführt und baut auf den Erfahrungen und Begegnungen der beiden Künstler mit Garth Erasmus, einem Maler und Musiker aus Kapstadt, und Nedindano Xhoes Namise, einer Performance- und Spoken-Word-Künstlerin aus Windhoek, auf.

Zusammen gingen sie auf Reisen, erkundeten verschiedene Regionen Namibias, die Cape Flats in Kapstadt, norddeutsche Sandgruben sowie alpine Steinbrüche. Dies prägte ihre künstlerische Arbeit und führte schließlich zum Ausstellungsthema mit dem Titel „Sand !Hũ Sand“. „!Hũ“ bedeutet in der in Namibia und Südafrika gesprochenen Sprache Khoekhoegowab Sand, Erde, Land. Fügt man „ai“ hinzu, ergibt es das Wort „!Hũai“ – das Gesicht der Erde.

"Die buchstäbliche Erde birgt Geheimnisse"

Garth Erasmus setzt sich seit Langem mit seiner Identität, mit einer geschichtlichen Spurensuche auseinander. Er sagt: „Dekolonialisierung ist in Südafrika ein großes Thema, viele Menschen sind dafür sensibilisiert.“ Es habe ein Healing, Heilungsprozess, eingesetzt – nicht von staatlicher Seite, sondern auf der persönlichen Ebene. Erst spät habe er sich mit Begriffen wie „coloured“ oder „indigen“ auseinandergesetzt. Für seine Bilder verwendet er den Sand aus seiner Heimat, mal schreibt er darin einen Fantasie-Vertrag auf, mal ist ein Knochengerippe zu erkennen.

Er sagt: „Die buchstäbliche Erde, auf der wir leben, speichert all unsere Begegnungen und Erfahrungen, sie birgt Geheimnisse.“ Als junger Lehrer in Kapstadt sei er oft ins Historische Museum gegangen, erinnert sich Erasmus, „ich war fasziniert von den traditionellen Musikinstrumenten meiner Heimat. Ich begann, diese Instrumente nachzubauen. So wurde Musik zu meiner Sprache.“ Mit seiner Band, der Khoi Khonnexion, wird er zusammen mit Peter Thiessen im Rahmenprogramm der Ausstellung auftreten.

Ausstellung Hamburg mit eigenem Soundtrack

Zu jedem Kunstwerk gibt es erläuternde Texte sowie einen Soundtrack zur Ausstellung. Die Arbeiten fungieren dabei als ästhetische Ausgangspunkte einer spannenden Entdeckungsreise. Besucherinnen und Besucher werden im wahrsten Sinne durch sie aufgefordert, tiefer zu graben, Geschichten zu finden, Bezüge zu knüpfen und Zusammenhänge zu sehen. So wie Ruth Mays Patchwork-Landschaften aus einer bestimmten Ecke des Raumes für einen kurzen Moment zu einem großen Ganzen verschmelzen. Flüchtig, wie Spuren im Sand.

„Sand !Hũ Sand“ bis 2.10., Kunsthaus Hamburg (U Steinstraße), Klosterwall 15, Di–So 11.00–18.00, Eintritt 6,-/4,- (erm.), www.kunsthaushamburg.de, Programm: Music & Talk mit Garth Erasmus u. a. 12.9., 18.00; Mineral Performances mit Peter Thiessen u. a. 15.9., 18.00; Ausstellungs­rundgänge 1. und 22.9., jew. 18.00