Ausstellung Hamburg

Deichtorhallen zeigen Bilder, die die Welt (be-)deuten

| Lesedauer: 6 Minuten
Annette Stiekele
Alfredo Jaars Fotokunstwerk „Searching for Africa in Life“ von 1996 ist Teil der Ausstellung „Currency: Photography Beyond Capture“ in der Halle für aktuelle Kunst.

Alfredo Jaars Fotokunstwerk „Searching for Africa in Life“ von 1996 ist Teil der Ausstellung „Currency: Photography Beyond Capture“ in der Halle für aktuelle Kunst.

Foto: Courtesy of the artist

Triennale der Photographie: In Hamburg eröffnen am Freitag „Currency: Photography Beyond Capture“ und „Behind the Scenes“.

Hamburg. Was genau sich hinter der zentralen Gruppenausstellung der 8. Triennale der Photographie Hamburg mit dem Titel „Currency: Photography Beyond Capture“ verbergen würde, war im Vorfeld schwer zu fassen. Nun hat sich die Idee in der Halle für aktuelle Kunst der Deichtorhallen Hamburg materialisiert.

Auf den ersten Blick verteilen sich die Fotoarbeiten – darunter zahlreiche Serien – und drei Videos zu einem einladenden, thematisch zusammenhängenden Parcours. dieser verhandelt zen­trale Fragestellungen der Fotografie im „retinalen Zeitalter“, in der das Auge zum wichtigsten Sinnesorgan geworden ist und das durch die massenhafte Verwendung von Bildern geprägt ist.

Ausstellung: Deichtorhallen zeigen 8. Triennale der Photographie Hamburg

Dabei geht es um viel mehr als die Bilder selbst. Es geht um die Narrative, die sie verbreiten und die unser aller Verhältnis zur Welt bestimmen. Insgesamt 29 internationale Positionen widmen sich etwa Gegenerzählungen zum Kanon von Fotografie und Medien, zur Wahrnehmung von Landschaft, zu neuen Sichtweisen auf die Porträtfotografie, die das Verhältnis der Menschen vor und hinter der Kamera mit einbeziehen, sowie alchemistischen Material-Prozessen.

Das ist alles sehr klug gedacht und am Puls des globalen Diskurses über das Medium Fotografie. Den Besuchern dürfte sich das alles nicht auf Anhieb erschließen. Hintergrundinformationen über das Begleitheft hinaus, etwa durch eine Führung, schaden bei dieser weltumspannenden Kunst aus höchst diversen Kontexten nicht. Dem vierköpfigen Kuratoren-Team aus Koyo Kouoh – der künstlerischen Leiterin der Triennale der Photographie – , Rasha Salti, Gabriella Beckhurst Feijoo und Oluremi C. Onabanjo geht es insbesondere um Macht­beziehungen, Fragen von Repräsentation, Ausbeutung der Natur, aber auch den Umgang mit Historie.

Neue Sicht auf Porträts und Dokumentarfotografie

Das Porträt zum Beispiel. Wenn die heute 94-jährige schweizerisch-brasilianische Fotojournalistin und Fotografin Claudia Andujar eine Serie über den indigenen Yanomami-Stamm im Amazonas-Regenwald anfertigt, dann hat das Relevanz, weil sie viel Zeit vor Ort mit den Menschen verbracht und über Jahre hinweg ihre Kultur durchdrungen hat. Diese Erfahrung ermöglicht ihr eine Innensicht der Community. Mit ihrer Fotoserie „Consequências do contato“ (ca. 1989) verweist sie auf die Bedrohung der Yanomami durch die Ausbeutung der Bodenschätze und auf den möglichen Verlust eines sozialen Reichtums. Für „Sonhos Yanomami“ (1992) hat sie auch mit Infrarot- und Nachtfotografie experimentiert, um spezielle Traumszenen abzubilden, in denen die Yanomami sich nach ihrem Verständnis mit dem Universum verbinden.

Ebenfalls zentral ist das Thema Landschaft in Zeiten globaler Bedrohung der Natur. Beklemmend etwa sind die Transformationen von Landschaften, die Anne-Marie Filaire in ihrer Arbeit „Earths: Temporary Landscapes“ (2021) im Großraum Paris dokumentiert. Für die fortlaufende Umgestaltung der Stadt werden jährlich 22 Millionen Tonnen Erde ausgehoben, verladen und außerhalb der Stadt aufgeschüttet. Die zu mehreren großen Tableaus gruppierten Fotografien sehen aus, als wären sie in einem Wüstenstaat aufgenommen.

Eine eigenwillige mediale Gegenerzählung formuliert die an der Schnittstelle zur Performance arbeitende nigerianische Fotografin Oroma Elewa. Für „She is dating a white man“ (2022) verwendet sie Material aus sogenannten Nollywood-Filmen, mit Stereotypen arbeitenden Low-Budget-Filmen aus Nigeria, die schnell heruntergedreht und massenhaft konsumiert werden. Elewa isoliert Figuren aus diesen Filmszenen, stellt sie fotografisch nach, versieht sie mit Textzeilen und macht daraus kritische Kunst.

Afrika wird auf Krieg und Hungersnot reduziert

Ebenfalls ein Kino-Thema greift der Künstler Alexey Vasilyev aus Jakutien, Teil der Russischen Föderation, auf. In „Sakhawood“ (2018–19) zeigt er Szenen aus dieser abgelegenen Gegend, die für ihre eisige Kälte und wertvollen Bodenschätze bekannt ist – und für ihre lebendige Kino-Kultur. Vasilyev dokumentiert die Low-Budget-Kinoproduktion, indem er Szenen des Alltags, wie eng umschlungene Paare vor dem Fernseher, solchen von Filmsets gegenüberstellt, wodurch beide eine filmische Wahrnehmung erhalten. Die unwirtlichen Sets, häufig bei Nacht aufgenommen, erhalten eine eindringliche dokumentarische Kraft.

Eine andere Art von Gegenerzählung stammt von dem New Yorker Filmemacher, Künstler und Architekten Alfredo Jaar. „Searching for Africa in Life“ (1996/2022) vereint alle 2128 Cover des renommierten Life-Magazins in chronologischer Reihenfolge im Miniaturformat, wobei deutlich wird, dass der afrikanische Kontinent in weniger als einem Dutzend Titelseiten auftaucht – und wenn, dann im Kontext von Hungersnot oder Krieg. Ein eindringliches Plädoyer für Sichtbarkeit und angemessene Repräsentation aller Bevölkerungsgruppen.

Diesen – überwiegend – starken konzeptionellen Positionen steht im Phoxxi, dem temporären Haus der Photographie, eine ausgesprochen zugängliche, sehr ortsbezogene Ausstellung gegenüber. Hier hat Sabine Schnakenberg, Kuratorin der Sammlung F. C. Gundlach, eine kleine, feine Schau konzipiert. „Behind the Scenes“ greift ebenfalls das Triennale-Motto „Currency“ (Währung) auf und bezieht sie auf das Lebenswerk des 2021 im Alter von 95 Jahren gestorbenen Gründers der Triennale der Photographie, der seine Sammlung als kulturelle Währung begriff. F. C. Gundlach übergab der Stadt Hamburg einen Teil seiner privaten Sammlung und erhielt dafür ein „Haus der Photographie“.

Gundlachs Sammlung und Festivalidee leben weiter

Der Hamburger Fotograf Christoph Irrgang hat nun den wegen der Sanierung des Gebäudes notwendig gewordenen Umzug der Sammlung dokumentiert. Seine intimen, poetischen Fotografien offenbaren die Dunkelheit, auch die Einsamkeit, in der Arbeit der Kuratorin mit den schweigenden Bildern.

Ihnen gegenüber stehen Schnappschüsse, die Denis Brudna und Anna Gripp von der Fachzeitschrift „Photonews“ von der großen Börse der Photographie, der Messe „Paris Photo“, eingefangen haben. Für F. C. Gundlach war sie ein jährlicher Pflichttermin, den er mit großer Freude wahrnahm. Und es ist eine schöne Erinnerung, ihn hier noch einmal im Gespräch mit Freunden, Sammlern, Galeristinnen und Verlegern zu sehen. Und zu wissen, dass seine Festivalidee und seine Sammlung höchst lebendig weiter bestehen.

„Currency: Photography Beyond Capture“ bis 18.9., Halle für aktuelle Kunst, Eintritt 12,-/7,- (erm.)

„Behind the Scenes“ bis 14.8., Phoxxi (U Meßberg, Steinstraße), Deichtorstr. 1-2, Di-So 11.00-18.00, jeden 1. Do im Monat 11.00-21.00 (außer an Feiertagen), Eintritt 8,-/5,- (erm.), www.deichtorhallen.de