Frauenquote im Musical

Stage Entertainment will mehr Dirigentinnen am Pult

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Am Stock: Hui-Fang Lee-Kronenberger.

Am Stock: Hui-Fang Lee-Kronenberger.

Foto: Morris Mac Matzen / Stage Entertainment/Morris Mac Matzen

Bislang gibt es bei „Wicked“ und Co. ausschließlich männliche Dirigenten. Das Unternehmen möchte das nun ändern.

Hamburg. Ohne sie geht an einem Musicalabend nichts, obwohl sie selten zu sehen sind – nicht wenige Musicalbesuchende wissen nicht mal um ihre Existenz: Die Orchester und Livebands im Graben vor der Bühne, die für die musikalische Begleitung sorgen. Ob „klassischer“ Score wie bei „Tanz der Vampire“ oder Rock-Pop-Furioso wie bei „Tina“, zusammengehalten wird das Gedrängel aus Streichern und Bläsern, Schlagzeug und Gitarren bei den Musicals von Stage Entertainment von den Dirigenten. Ja. Dirigenten. Männliche Form.

Die hauseigene Abteilung für Diversität und Inklusion blickt derzeit auf einen Frauenanteil von 45 Prozent im Unterhaltungskonzern, bei den technischen Sparten eher männerlastig, bei den Ausstattungsgewerken eher weiblich. Die „Kostenstelle 2610 Musikalische Leitung“ hingegen zeigte: Den Taktstock schwingen bei „Die Eiskönigin“, „Der König der Löwen“ oder „Wicked“ Männer. Bislang ausschließlich.

Frauenquote im Musical: Workshop für Dirigentinnen

Die Tatsache, dass Dirigentinnen wie Simone Young, Oksana Lyniv oder Joana Mallwitz auch in der klassischen Musik immer noch eine Ausnahmeerscheinung sind, sah Stage nicht als Rechtfertigungsgrundlage, sondern initiierte den mehrteiligen Workshop „Musical-Dirigat: Mehr Frauen ans Pult!“. In dieser Woche war die Abschlussprobe im Operettenhaus auf St. Pauli zu erleben.

Angeleitet von Shay Cohen, Resident Musical Director im Berliner Stage Theater des Westens, machten fünf Künstlerinnen in fünf Sessions neue Erfahrungen mit dem Musical-Dirigat. Liubov Nosova, Hui-Fang Lee-Kronenberger, Lidia Kalendareva, Sarah Taylor Ellis und Esther Hilsberg-Schaarmann haben bereits jahrelange Erfahrungen als Ins­trumentalistinnen, Komponistinnen, Sängerinnen, Dramaturginnen. Hilsberg-Schaarmann dirigiert bereits das Musical „My Fair Lady“ an der Kölner Kammeroper, Nosova studiert seit fünf Jahren das Dirigieren. Für die anderen drei hingegen ging es in das Neuland der Partituren, der Einsätze im Zusammenspiel mit der Bühnenhandlung, Timing und Tempo, Dynamik und Ausdruck.

Wechsel am Taktstock

Die fünf Workshops bestritten Cohen und die Teilnehmerinnen nur unter sich am Keyboard. Im Operettenhaus spielten sie zum Finale das erste Mal mit den Sängerinnen Kim Sanders und Chasity Crisp sowie der Band des „Tina“-Ensembles, die ausnahmsweise auf der Bühne und nicht im Graben spielen durfte. Zu den Liedern aus „Sister Act“, „Mamma Mia!“ und „Tina“ wechselten sich die Dirigentinnen an Taktstock und Keyboards ab.

Wobei, und das ist vielen Musicalfans vielleicht nicht geläufig, je nach Produktion auch am Keyboard dirigiert werden kann und muss. Dann heißt es mit der linken Hand dirigieren und mit der rechten spielen – und beim beidhändigen Spiel mit dem Kopf dirigieren. Aber nie mit Hand und Kopf gleichzeitig – sonst bricht Chaos aus. Schon das Wechseln des Taktstocks von einer Hand in die andere wurde von Shay Cohen humorvoll, aber bestimmt angemahnt.

Die fünf Dirigentinnen machten ihre Sache aber sehr gut, „Private Dancer“ fetzte wie bei einer Premieren-Vorstellung. In der abschließenden Runde, der auch die Salzburger Dirigentin Katrin Schweiger und Musical Director Tobias Vogt beiwohnten, zeigten sich die Teilnehmerinnen begeistert, ja bewegt. Das Gelernte auf der Bühne umzusetzen und das Ergebnis zu hören war offensichtlich eine mitreißende Erfahrung. Das Zeugnis, das Cohen ausstellte, gab es als musikalische Zugabe: „Simply The Best“.