Triennale der Photographie

Festival zwischen Fotokunst und Bilderflut

| Lesedauer: 7 Minuten
Koyo Kouoh, künstlerische Leiterin der Triennale der Photographie Hamburg, vor dem Phoxxi.

Koyo Kouoh, künstlerische Leiterin der Triennale der Photographie Hamburg, vor dem Phoxxi.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Koyo Kouoh eröffnet als künstlerische Leiterin kommende Woche die 8. Triennale der Photographie in Hamburg. Das Thema ist „Currency“ – Währung.

Hamburg. Am 20. Mai startet die 8. Triennale der Photographie mit 72 Ausstellungen, Performances, Führungen, Partys und Künstlergesprächen über die ganze Stadt verteilt. Künstlerische Leiterin des Foto-Festivals ist die 1967 in Kamerun geborene Koyo Kouoh, seit 2019 Direktorin des Zeitz Museum of Contemporary Art Africa (Mocaa) in Kapstadt. Ein Gespräch über den künstlerischen Status der Fotografie, die Auswirkungen der immensen Bilderflut und den Irrglauben, dass heutzutage jeder Mensch ein Fotograf beziehungsweise eine Fotografin ist.

Mit welcher Intention sind Sie an die Planung der Triennale herangegangen?

Koyo Kouoh: Als ich die Einladung bekam, die Triennale der Photographie zu leiten, war ich zunächst sehr aufgeregt, weil die Fotografie in meiner beruflichen Praxis seit etwa zehn Jahren keine Rolle mehr gespielt hatte, obwohl meine Anfänge in der Fotografie lagen. Nun bekam ich die Gelegenheit, mich wieder mit diesem Medium, das ich so liebe, intensiv auseinanderzusetzen. Mein zweiter Gedanke war, dass ich als Mensch regelrecht überwältigt bin von der Flut an Bildern, die uns Tag für Tag erreicht. Wenn man sich die vergangenen 30 Jahre besieht, hat die Menschheit in diesem Zeitraum laut Statistik mehr Bilder produziert als in der gesamten Menschheitsgeschichte. Das ist erschreckend und geht natürlich mit der technologischen Entwicklung einher. Ich wollte deshalb darüber nachdenken, was das bedeutet, was Bilder bewirken: in unserer Gesellschaft, unserer Psyche, in der Art, wie wir sehen, wahrnehmen, andere betrachten und auch uns selbst in die Welt pro­jizieren. Wie Bilder uns schockieren, verführen, manipulieren oder auch, was sie uns nicht zeigen. Kurz gesagt: Ich wollte über die Fotografie als solche hinausgehen.

Dementsprechend lautet auch der Titel der Ausstellung, die Sie in der Halle für aktuelle Kunst entwickelt haben: „Currency: Photographie jenseits der Aufnahme“. Warum haben Sie sich entschieden, im Team zu dritt zusammenzuarbeiten? Und was erwartet uns in der Ausstellung?

Koyo Kouoh: Ich arbeite niemals allein, ich glaube fest an Zusammenarbeit. Mehr noch: Ich misstraue der Idee eines einzelnen Supergenies. Kuratieren hat immer mit Beziehungen, mit einem Austausch von Ideen zu tun. Gabriella Beckhurst Feijoo ist eine außerordentliche Denkerin, die ich schon aus mehreren gemeinsamen Projekten kenne, Rasha Salti ist mein ständiger Resonanzboden, und Oluremi C. Onabanjo eine absolute Expertin für Fotografie, mit der ich schon lange zusammenarbeiten wollte. All diese Fähigkeiten zusammenzubringen, ähnelt der Komposition einer Sinfonie. Und dies spiegelt sich auch in unserer Ausstellung wider. Darin werden Ihnen erstklassige Positionen mit wunderschönen Aufnahmen begegnen, aber es ist bei genauerer Betrachtung eine unangenehme Schönheit. Ich bin der Meinung, dass gute Fotografie immer einen tiefen poetischen Kern besitzt, der über das rein Hedonistische hinausgeht. „Currency“ unterscheidet sich tatsächlich von der „tradierten“ Art, eine Fotoausstellung zu kuratieren, denn die 29 Künstlerinnen und Künstler wie Otobong Nkanga, Fazal Sheikh oder Anne-Marie Filaire haben ganz eigene Stimmen, die durch unsere kuratorische Gegenüberstellung miteinander verbunden sind. Sie sind verbunden durch ihre Herangehensweise an die Fotografie. Das geht über die Dokumentation hinaus. Viele von ihnen greifen in den fotografischen Prozess oder in den Präsentationsprozess ein. Wir versuchen also, die Perspektive und das Erleben nicht nur des Erschaffens, sondern auch der Darbietung der Werke zu erweitern. Aber auch die Dekonstruktion des Kanons, sozusagen. Wie dekonstruiert man das, was vereinbart, akzeptiert und zum Standard erhoben wurde? Weitere Positionen von Ziad Antar und Mame Diarra Niang werden das fotografische Medium buchstäblich als eine Form der Verzerrung einsetzen.

Worum geht es bei „Currency“, warum haben Sie es als Triennale-Thema gewählt?

Koyo Kouoh: Ich betrachte die Fotografie mehr und mehr als ein Mittel der Verhandlung, der Zirkulation und der Umwandlung. Als wir das Thema innerhalb des Teams erörtert haben, wurde deutlich, dass die Fotografie gerade in unserem „retinalen Zeitalter“, in der das Auge unser wichtigstes Sinnesorgan geworden ist, zu einer anderen Art Währung geworden ist, und zwar zu einem Verhandlungs- und Handelsinstrument. Sie sind heute Teil von Kommerzialisierungsprozessen. Das ist einer der Gründe, warum mich die Vorstellung von „Currency“ und Fotografie als einem Transaktionsmittel gereizt hat.

Diese Triennale scheint eine Art Zäsur zu sein, weg von der regionalen Verankerung hin zu einer internationalen Ausrichtung. Zugespitzt formuliert: Sie könnte überall auf der Welt stattfinden.

Koyo Kouoh: Die Triennale verstehe ich nicht als eine Hamburger Veranstaltung, sondern als einen wichtigen fotografischen Moment im Kalender der globalen Fotografieszene und Hamburg als einen bedeutenden Medienstandort, der die Fotografie sehr wertschätzt. Das Haus der Photographie mit der Sammlung von F. C. Gundlach und die Gründung der Triennale der Photographie haben viel dazu beigetragen, dass die Fotografie heute weltweit solch einen Stellenwert hat. Hamburg ist eine sehr internationale, offene Stadt, die internationalste in ganz Deutschland. Was aber hier ganz besonders ist, sind ihre Ausstellungsorte: Bei der Triennale sind zwölf Institutionen mit großartigen Ausstellungen vertreten. Sie bilden das identitätsstiftende Rückgrat.

Inwieweit ist die Hamburger Fotoszene in die Triennale eingebunden?

Koyo Kouoh: Der Hamburger Fotoszene ist ein ganzes Programm gewidmet. Die Triennale der Photographie hat Fördermittel in die Hand genommen und Fotografen, Künstlerinnen, Kuratoren und unabhängige Initiativen aufgerufen, sich mit Vorschlägen für die sogenannte Triennale Expanded zu bewerben. Diese wird parallel zum Festival vom 2. bis 6. Juni stattfinden. Wir haben sie von der Eröffnung abgekoppelt, um den Impulsen beider Veranstaltungen Raum zu geben und sicherzustellen, dass das Publikum vom Angebot nicht überfordert wird. Und es bleibt ausreichend Zeit, um alle zwölf Ausstellungen und die Projekte der Triennale Expanded zu genießen und zu entdecken.


Welche Bedeutung hat die Fotografie als eigenständige Gattung im Kontext der zeitgenössischen Kunst?

Koyo Kouoh: Sie ist immer noch sehr bedeutsam. Ich argumentiere jetzt einmal von einem Standpunkt aus, der die Fotografie als unterbewertet betrachtet, als etwas, das lange Zeit eine Kunst mit verschiedenen Schnittstellen war. Und als solche hat sie meiner Meinung nach eigene Modi Operandi entwickelt. Auch wenn die Fotografie heute ihren rechtmäßigen Platz im Spektrum des bildkünstlerischen Wirkens gefunden hat, glaube ich dennoch, dass sie in vielerlei Hinsicht eine sehr spezielle Kunstform ist, die man gesondert behandeln muss. Auf der anderen Seite denken viele Leute, dass jeder Mensch fotografieren kann. Das finde ich ziemlich respektlos gegenüber einem Beruf, der ein so hohes technisches Können erfordert. Niemand behauptet einfach, jeder Mensch könne Bildhauer oder Ärztin sein. Fotograf oder Fotografin aber schon. Und das halte ich für völlig falsch. Das ist eine weitere Ebene für mich: Dass die Fotografie von allen so sehr vereinnahmt wird.