Kulturstaatsministerin

Prominenter Besuch in Hamburg: „Hallo, ich bin die Claudia“

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Kulturstaatsministerin maritim: Claudia Roth besuchte in Hamburg auch die „Peking“.

Kulturstaatsministerin maritim: Claudia Roth besuchte in Hamburg auch die „Peking“.

Foto: Roland Magunia / Funke Foto Services

Claudia Roth kam zur Stippvisite in die Hansestadt. Empfangen wurde sie von einem, der ihren Job auch hätte machen können.

Hamburg. Nur mal, rein theoretisch, angenommen, Carsten Brosda hätte zuletzt eine Enttäuschung verarbeiten müssen, weil sich eine Berliner Möglichkeit zerschlagen hat. Dann war es zumindest so, dass die Hamburger Gegebenheiten Zerstreuung boten: Theaterpremieren, elbphilharmonische Konzerte, Schlagerabende im Literaturhaus. Einmal durfte er sogar Schlagzeug spielen. Im Rathaus.

Aber so ist es natürlich nicht, wie man zu wissen glaubt Brosda ist gerne in Hamburg geblieben. Sein Umfeld hat nie andere Signale gesendet. Geschweige denn, dass Brosda, der seit fünf Jahren einen weitaus mehr als passablen und nichts weniger als hochangesehenen Kultursenator abgibt, zu erkennen gegeben hätte, der Job reize ihn nicht mehr. Carsten Brosda ist also trotz des Regierungswechsels in Hamburg geblieben. Und empfing dort jetzt zu deren Antrittsbesuch in der Hansestadt Claudia Roth.

Claudia Roth ist die Sponsorin aus Berlin

Die ewige Grüne, oft als Front-Frau postiert, ist in der Regierung Scholz nun die Kulturstaatsministerin. Keine schlechte Wahl, und nicht nur aus Sicht der Hamburger Kulturszene, die froh ist, dass Brosda weiter seinen Dienst in Hamburg verrichten kann. Roth, die bald 67 Jahre alt wird, war mal, da war sie noch ganz jung, Dramaturgie-Assistentin und in der Theaterszene, ehe sie die Bühne der Politik erklomm. Der darf man zutrauen, ein Händchen für die Künste und Anverwandtes zu haben.

In Hamburg gab’s für Roth, die „liebe Claudia“, wie Brosda sagte – man scheint bei den Koalitionsverhandlungen beim Du angekommen zu sein – viel zu entdecken. Und überall einen warmen Empfang. Am Mittwoch auf St. Pauli, als sich die Veranstaltungswirtschaft Roth und ihrer Entourage vorstellte. Das Reeperbahnfestival wird seit zehn Jahren vom Bund gefördert, das schaut man sich dann auch mal genau an als Sponsor.

Roth trifft auf Kampnagel glückselige Amelie Deuflhard

Überhaupt, es hat im Hinblick auf schnöde pekuniäre Sachverhalte seine Gründe, warum die Kulturbevollmächtigte des Bundes überaus freundlich behandelt wurde. Auch das Herzstück des gerade angeschobenen Hafenmuseums, der Frachtsegler „Peking“, wurde nach Kräften von Berlin bezuschusst. Und die Theater- und Performancestätte Kampnagel kriegt in den nächsten Jahren den größten Batzen ab, wenn sie mit 120 Millionen, davon glatt die Hälfte aus Berlin, architektonisch einer Generalüberholung unterzogen wird. Am Donnerstag, dem zweiten Tag ihrer Staatsministerinnenvisite, besuchte Roth das Veranstaltungshaus in der Jarrestraße und traf dort auf eine glückselige Amelie Deuflhard.

Deren Haus wird ab sofort von echten Weltstars aufgepeppt: Das Architekturbüro von Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal gewann erst 2021 den Pritzker-Preis. Das ist die international höchste Architekturauszeichnung. Deuflhard („Die Herangehensweise hat überzeugt: die Geschichte und gewachsene Struktur des Ortes zu berücksichtigen“) lobte die Pläne der anwesenden Franzosen.

Aber das war noch gar nichts gegen die freudvolle Ansprache Claudia Roths. Kampnagel, „der Motor der Freien Kulturszene weit über Deutschland hinaus“ – das klingt schon mal gut. Dann nannte die im Allgäu aufgewachsene Kulturstaatsministerin ihren Besuch aber auch gleich noch „a bissel ein Heimkommen“. Vor 40 Jahren sei sie bei den Brokdorf-Solidaritätskonzerten auf Kampnagel dabei gewesen. Roth hat, ein keineswegs unbekanntes Detail ihrer Vita, eine Vergangenheit als Managerin der Band Ton Steine Scherben. Lange her, ein anderes Leben. Heute ist sie die perfekte Repräsentantin der Gattung Volkvertreterin.

Claudia Roth lobt Aufbruchsgeist in Hamburg

Polit-Establishment hin oder her, der St.-Pauli-Jutebeutel, den man Roth auf der „Peking“ in die Hand drückte, entlockte ihr ein fröhliches Lachen. Gab ja auch sonst nix zu motzen: Das mit etwa 40 Millionen für den zukünftigen Publikumsverkehr instandgesetzte Schiff sieht gut aus. Schöne Fotos konnte man auch schießen. Ans historische Steuerrad passen, kein unwichtiges Detail, zwei. Dass Carsten Brosda Claudia Roth beim gemeinsamen Begehen des Frachters stets den Vortritt ließ, musste man nicht zwangsläufig und im Hinblick auf Karriereschritte metaphorisch sehen. Er war ja quasi der Gastgeber.

Und wenn man den Kultursenator – ein kundiger, in den richtigen Momenten auch zurückhaltender Führer durch sein Reich – mit Hans-Jörg Czech, dem Chef der Hamburger Historischen Museen, über den neu entstehenden Stadtteil Grasbrook und dessen zentrales Projekt Hafenmuseum reden hörte, dann war da natürlich auch Aufbruchsgeist zu spüren.

Es gibt in der Hamburger Kultur ein paar festgezurrte Pläne, die für Optimismus sorgen. Gut vortragen lassen sie sich auch, besonders wenn in diesem Fall das Hafenmuseum (Brosda: „Ein sozioökonomisches Museum, das die Globalisierung erklärt, kein rein historisches“) hohe Gäste glücklich macht. Roth entfuhr jedenfalls ein zufriedenes Berliner „Gut!“, als die Rede auf die laut Hamburg natürlich in der DNA des neuen Museums befindlichen Nachhaltigkeitsleitlinien kam.

Leistungsschau der Hamburger Kultur ohne Elbphilharmonie

Es war, wenn man so will, eine Leistungsschau der Hamburger Kultur, und das ganz ohne Elbphilharmonie. Glänzen, auch wenn erst einmal nur als Sachwalterin der von ihrer Vorgängerin auf den Weg gebrachten Projekten, kann eine Frau wie Claudia Roth bei Auftritten wie dem in Hamburg, auch wenn die größtenteils abseits der Öffentlichkeit stattfinden. Fotografen sind ja dabei, und da muss die Inszenierung in jedem Fall stimmen. Weshalb die persönliche Referentin ihrer Chefin, die übrigens schlichte Sneaker trägt, zwischendurch die Haare zurechtzupft und Roth („Ich bin die Claudia!“) gerade auch den Aufbauern im Markk die Hand schüttelt.

Im ehemaligen Völkerkundemuseum am Rothenbaum endete die Tour durch die Stadt. Die Restitution von Raubkunst wird eines der großen Themen auch für Claudia Roth sein. Von Markk-Chefin Barbara Plankensteiner, die den deutschen Dialog mit Benin leitet, ließ sie sich über den Stand der Rückgabe-Unternehmung unterrichten; das Markk zeigt derzeit die Ausstellung „Benin. Geraubte Geschichte“.

Föderalismus hin oder her: Was die gestohlenen Exponate angeht, wird man von Berlin auch genau auf Hamburg blicken. Dass Roth grundsätzlich angetan von dem war, was ihr Carsten Brosda zeigte, war derweil offensichtlich. Wie sagte sie in ihrer Liebeserklärung an Kampnagel irgendwann? Dies: „Jetzt hab ich lange herumgesülzt, aber es kommt von Herzen“.

Hamburg-Sympathien aus Berlin, das kann auch für die Zukunft nicht schlecht sein.