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Die Bücher des Frühjahrs: Tipps aus der Redaktion

| Lesedauer: 15 Minuten
Bei sonnigem Frühlingswetter liest es sich besonders gut (Symbolbild).

Bei sonnigem Frühlingswetter liest es sich besonders gut (Symbolbild).

Foto: picture alliance / empics | Victoria Jones

Die Literatur trotzt pandemischen und Kriegszuständen und startet mit prall gefüllten Katalogen ins Frühjahr. Eine Auswahl.

Hamburg. Die Literatur trotzt pandemischen Zuständen. Sie zeigt auch angesichts des Kriegs in der Ukraine Flagge. Vor der Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung an Karl-Markus Gauß („Die unaufhörliche Wanderung: Reportagen“) im März fand auf dem Nikolaikirchhof die unter anderem von der Messe und vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels initiierte Kundgebung „Recht auf Frieden“ statt.

Die erzählende Literatur reagiert, und das ist gut so, langsam und mit zeitlichem Abstand auf Geschehnisse. Über den Krieg müssen wir derzeit noch nichts lesen. Auf der Bestsellerliste stehen Yasmina Reza, Wolf Haas und Nino Haratischwili oben; aber auch jenseits der Verkauft-sich-wie-geschnitten-Brot-Liga gibt es viel Empfehlenswertes. Wir stellen einige unserer aktuellen Lieblingstitel hier vor.

Der Brenner ist zurück

Auch Kriminalromane werden selten einhellig gelobt. Geschmäcker sind halt verschieden. Wolf Haas freilich wird derzeit landauf, landab gefeiert. (Zumindest von denen, die sich selbst geschmackvoll nennen würden, Leserinnen und Leser mit, genau, erlesenem Geschmack.)

Und mit was wird der Österreicher, dem man das ansonsten inkriminierte Wort „Kultautor“ nur zu gerne anhängt, derart gepriesen, und das sogar im „Literarischen Quartett“? Mit Recht! Was die Verknappung seines Erfolgsprodukts „Brenner“ angeht, hat Wolf Haas ohnehin alles richtig gemacht hat. Fast ein Jahrzehnt musste man auf einen neuen Fall des Privatdetektivs warten, dessen stets von gewissen Bizarrerien angeditschte Abenteuer immer im unverwechselbaren Haas-Sound erzählt werden. Und den muss man eigentlich lieben, oder?

Um welche Verbrechen es bei Haas geht, ist zu vernachlässigen. Dennoch sei der wendungsreiche Plot von „Müll“ (Hoffmann und Campe, 24 Euro) kurz skizziert. Diesmal ist Simon Brenner, der schon lange nicht mehr bei der Polizei ist, im Hauptberuf „Mistler“. Das heißt, er arbeitet auf dem Müllplatz. Verteilt auf mehrere Container – Mülltrennung ist alles – findet sich ein toter Mensch. Alles da, bis auf das Herz. Danach geht es um Organhandel und ein Familiendrama zwischen Deutschland und Österreich. Ein Spaß, wie immer.

Science-Fiction-Legende

Frauen als Science-Fiction-Autorinnen, das ist in der allgemeinen Wahrnehmung immer noch ein eher schmales Kapitel – speziell wenn es um Genrelegenden geht, die gerne auf Stanislaw Lem, Isaac Asimov und Frank Herbert reduziert werden. Dabei gebührt einer Ursula K. Le Guin (1929–2018) mindestens so viel Ehre wie ihren prominenten männlichen Kollegen.

Die US-Amerikanerin beschäftigte sich in ihren Science-Fiction-Büchern (sie schrieb auch viel Fantasy) mit alternativen Gesellschaftssystemen, etwa in „Planet der Habenichtse“ über das anarchistische Zusammenleben auf einem fremden Planeten. In dem Band „Grenzwelten“ (Fischer/Tor, 16,99 Euro), der die Romane „Das Wort für Welt ist Wald“ und „Die Überlieferung“ (neu übersetzt von Karen Nölle) vereint, geht es um die Auswirkungen des menschlichen Kolonialismus, der sich gnadenlos über fremde Kulturen hinwegsetzt. Das ist so spannend geschrieben wie philosophisch unterfüttert – und in einem politischen Kontext zu sehen: Ursula K. Le Guin schrieb „Das Wort für Welt ist Wald“, das die Auslöschung eines Urvolkes und dessen nicht zu brechenden Widerstand behandelt, unter dem Eindruck des Vietnamkrieges mit seinen Napalmbomben und chemischen Entwaldungen. Eine perfekte Gelegenheit, diese herausragende Autorin, die stets auch feministische Themen auf ihrer Agenda hatte, zu entdecken.

Das Buch für die Party

Die New Yorker Literaturkritikerin Lauren Oyler ist eine Frau, die intelligent schreibt. Schreiben und Kritisieren ist ihr eins und dabei wie ein Sport: Man fühlt sich als Leser stimuliert und überrascht. Etwa wenn sie wie neulich von der deutschen Autorin Jenny Erpenbeck als Nobelpreiskandidatin spricht. Jetzt hat Oyler ihren ersten Roman geschrieben. Er trägt auch in der Übersetzung den Titel „Fake Accounts“ (Berlin, 24 Euro) und erzählt die Geschichte einer Frau, die erst eine verunglückte Liebesgeschichte erlebt und dann den Unfalltod des Partners. Der wiederum, Felix mit Namen, war vor seinem Ableben so sehr in den digitalen Identitäten gefangen, die er sich zulegte, dass er es irgendwann für eine gute Idee hielt, vor allem Verschwörungstheorien zu verbreiten.

Für nicht-digitale Eingeborene ist „Fake Accounts“ genau der Roman, den man mit spöttischem Amüsement über die Ego-Blähungen der jüngeren Generation liest. Gleichermaßen für Jüngere und Ältere taugt „Fake Accounts“ prima als Partygespräch. Als Zeitgeistroman ist er noch geschwätziger als die Werke Sally Rooneys und smarter als die von Leif Randt. Der Plot rast dahin, obwohl gar nichts passiert außer Internet-getriebene Beziehungs- und Date-Rituale: So was muss man können. Oyler kann es, weil sie sich auf smartes und sich smart gebendes Wortgeklingel versteht.

Ein großer Norweger

Der zweite von drei Romanen ist da: Es geht weiter mit Jon Fosses raffinierter Identitäts-Erzählung um das Leben des norwegischen Malers Asle. Dank dieses aktuellen literarischen Projekts des großen Dramatikers und Romanciers Fosse wissen wir nun, was eine Heptalogie ist: ein in sieben Teilen angelegtes Erzählwerk. Die zweite Lieferung heißt nach Rimbaud „Ich ist ein anderer“ (Rowohlt, 30 Euro) und umfasst die Teile drei bis fünf der minutiösen Asle-Saga, sie schließen nahtlos an das erste Buch an. Wieder begleiten wir den beinah schon alten Witwer Asle durch seinen winterlichen Alltag in der Provinz. Er trifft seinen Galeristen und seinen Nachbarn Asleik. Im Krankenhaus will er den anderen Asle besuchen; den, den er in Band eins nach einem Suff-Unfall dort eingeliefert hat. Der andere Asle ist auch Maler, seine unglücklichere Vita unterscheidet sich in den entscheidenden Nuancen von der des Helden. Der Doppelgänger ist die verrutschte Version, das besser gelebte Leben ein Zufall.

Die zweite Erzählspur wandert in die Jugend Asles, die Zeit, in der er früh sein Elternhaus verließ und Maler wurde. Die Lektüre dieses zweiten Bandes funktioniert auch ohne die vorherige des ersten. Der Beat ist derselbe, das geschmeidig Sedierende des Rhythmus, der so ruhig pendelt wie das Leben voranschreitet, unaufhörlich und stet.

Immer positiv bleiben

Bernardine Evaristo kam nicht mit leichtem Gepäck in die Welt der Literatur. Die streitbare schwarze Feministin erzählt in diesem Buch, das zugegebenermaßen nicht frei von Eitelkeiten ist, von ihrem Werdegang und ihrer Kreativität. Trotz aller Schwierigkeiten hat sie sich ihren Mut nicht nehmen lassen. Schon allein deshalb lohnt sich die Lektüre dieses Buchs, in dem sie manchmal leider auch Opfer der Selbstbeweihräucherung wird. Andererseits propagiert sie auf überzeugende Weise die Kunst des positiven Denkens.

Mittlerweile hat Bernardine Evaristo für „Mädchen, Frau, etc.“ als erste Britin of Colour den renommierten Booker ­Prize gewonnen, ist Professorin für Creative Writing der Brunel University London und Präsidentin der Royal Society of Literature. Und hat jetzt ihre sehr lesenswerte Autobiografie „Manifesto“ (Tropen, 25 Euro) vorgelegt.

Ihr Vater war Nigerianer, ihre Mutter Britin. Die Schriftstellerin hat sieben Geschwister und ist eines der mittleren Kinder. Die jetzige Starautorin ging zunächst zur Schauspielschule und begann dann mit dem Schreiben. Die Frau, die früher Frauen liebte, heute aber mit einem Mann verheiratet ist, sagt, sie hasse Snobismus, liebe Tratsch und würde sich wünschen, dass einst bei ihrer Beerdigung „Disappear“ von Beyoncé gespielt wird. Keine schlechte Wahl.

Wie eine Intimrasur

Nene, die Erzählerin dieses bemerkenswert pointierten Debütromans, ist 25 Jahre alt. Bademeisterin. Aus prekären Verhältnissen. Sie lernt am Schwimmbecken Boris kennen. Auch er auf seine Weise versehrt. Die Kinderlähmung hat ihn entstellt. Er ist ein junger Kerl, den andere gnadenlos einen Krüppel nennen. Nene und Boris, zwei Menschen mit wenig privilegierter Herkunft, treffen und verlieben sich. Keine normale Liebesgeschichte entspinnt sich, sondern eine, in der das unpathetische Drama immer naheliegend ist. Boris ist ein Außenseiter, der sich selbst hasst und notorisch lügt, weil er abgeschlagen ist. Glück hat das Leben für ihn nicht vorgesehen.

Annika Büsings Roman „Nordstadt“ (Steidl, 20 Euro) bekommt seinen Drive vor allem von der Ich-Erzählerin, die deren Schöpferin als außergewöhnlich abgeklärte Frau in Szene setzt, die wie Boris nur mit Wunden durch ihr bisheriges Leben gekommen ist, aber dank ihrer gesunden Wut den Kopf über Wasser hält. Der Vater, ein Säufer, schlug sie. Der erste Sex? Eine Vergewaltigung auf dem Spielplatz. Sie versteckt das Trauma hinter einem Panzer. Sie kommt aus der deklassierten Nordstadt, sie spricht alles direkt aus. Sie sagt „Muschi“ und nicht „unten herum“. Sie rasiert sich zwischen den Beinen, und sie legt auch ihre Seele offen in diesem Buch, das Lovestory und Milieustudie ist.

Von Scorsese geadelt

Okay, zugegeben: Die kennen wir nur von Netflix. Andy Warhol, der sie einst als messerscharfe Zeitgeist-Autorin entdeckte, ist zu lange her, um für uns noch ein Gradmesser zu sein. Sorry, is so. In „Pretend It’s A City“ latscht Fran Lebowitz mit Martin Scorsese natürlich durch New York und spricht über Gott und die Welt, die in diesem Fall New York ist. Meine Güte, ist die wortgewandt.

Ihren amerikanischen Ruhm verdankt Lebowitz ihrer Tätigkeit als Kolumnistin, und obwohl manche der Texte fast 50 Jahre alt sind, liest man sie immer noch verzückt und glaubt zu wissen, dass Sätze wie „Ein Salat ist keine Mahlzeit, sondern ein Lebensstil“ überhaupt das Ventil für all das öffneten, was sich heute in ähnlicher Tonlage aus allen Quassel-Spalten der Magazine ergießt.

Eine Textsammlung der Frau, die mal als „lustigste Frau Amerikas“ bezeichnet wurde, erscheint nun auf Deutsch unter dem Titel „New York und der Rest der Welt“ (Rowohlt, 22 Euro). Manieren, Kinderkriegen, Steuererklärungen, Immobilien, Kunst, Großstadtleben, die Menschen: Hier geht es um die Dinge des Lebens. Und auf die muss man, um Aufmerksamkeit zu erlangen, einen bösen Blick haben. Auf allerschönste Weise kommt einem hier manches beinah harmlos vor. Was daran liegt, dass Mrs. Lebowitz immer Stil beweist.

Katzen-Philosophie

Tierbücher sind Selbstläufer. Oder warum sonst konnte der notorische Quotenbringer Hape Kerkeling von seinem, nun, possierlichen Miezenbüchlein „Pfoten vom Tisch“ so viele Exemplare verkaufen, dass er vermutlich von den Einnahmen zehn Millionen Whiskas-Dosen erstehen kann?

Der Philosophieprofessor John Gray hat fraglos das bessere Katzen-Werk verfasst. „Katzen und der Sinn des Lebens“ (Aufbau, 20 Euro) war bereits in einigen Ländern ein Bestseller, jetzt erscheint der Titel auf Deutsch. Muss man Katzen verfallen sein, um das interessant zu finden? Es schadet nicht, reizvoll ist er aber auch sonst. Vielleicht, weil in diesem verständlich (muss man dazusagen, man kennt ja die philosophischen Gedankenkreisel) geschriebenen Text auch bittersüße Geschichten wie die der vietnamesischen Katze Mèo erzählt werden, die ein US-Kriegsreporter mit in seine Heimat nahm. Dabei mochte Mèo zunächst eindeutig nur Vietnamesen. Die unterhaltsame Kunst John Grays ist es, die klassische Erkenntnis, dass Tiere kein Bewusstsein und deshalb auch keine Angst vor dem Tod haben, zu einer federnden Meditation über die Suche nach Glück zu machen. Katzen ist es Sinn genug, am Leben zu sein; sie brauchen nicht den gedanklichen Überbau wie wir Menschen. Andererseits: Sie müssen Whiskas essen.

Über Trauer reden

Der Zustand der Welt ist nicht der beste; wer nicht aufpasst, der schlittert ins Jammertal. Sollte man nicht eher auch mal leichte Unterhaltung suchen? Wahrscheinlich ist das immer empfehlenswert, und auch die Podcasterinnen und Buchautorinnen Caroline Kraft und Susann Brückner würden sicher nicht davon abraten. Verdrängungstechniken stehen sie beim Thema „Tod“, einem Tabu in westlichen Gesellschaften, dagegen kritisch gegenüber.

Verdienstvoll ist ihr Trauer-Podcast, nun erscheint das beherzte und wichtige Buch dazu: „Endlich. Über Trauer reden“ (Goldmann, 17 Euro) ist ein persönliches und aufs Allgemeine zielendes Buch über die Bewältigung von Sterbefällen in Familie und Freundeskreis. Ohne allzu penetrant in den Duktus derjenigen Ratgeberliteratur zu fallen, die immer genau weiß, was wann zu tun ist, versucht sich dieses Buch darin, falsche und richtige Strategien der Trauer von­einander zu scheiden.

Dabei gehört zu den therapeutischen Ansätzen, die von bekannten Sentenzen („Die Realität des Verlustes anerkennen“) ausgehen und im Reden ihr Hauptwerkzeug finden, die Lektüre dieses Buchs selbst. Die Verluste, die die Autorinnen erlitten haben, und ihre Erfahrungen im Umgang mit jenen stehen als Erzählungen neben Einblicken in die Erkenntnisse der Trauerforschung. Ein lesenswertes, hilfreiches, auch gut geschriebenes Buch.

Fremd unter Fremden

„Said Al-Wahid hat seinen Reisepass überall dabei, egal wohin er geht“, heißt es in Abbas Khiders Roman „Der Erinnerungsfälscher“ (Hanser, 19 Euro). Und das hat seinen Grund, denn der Reisepass, der ihm einen Aufenthalt in Deutschland und Reisefreiheit ermöglicht, ist sein wertvollster Besitz. Unendlich hohe bürokratische Mauern musste Said nach seiner Flucht aus dem Irak überwinden, um ihn zu bekommen – jetzt braucht er ihn, der eine neue Heimat gefunden und in der Fremde eine Familie gegründet hat, um in den Irak zurückzukehren, wo seine Mutter im Sterben liegt. Ein Land, an das er viele Erinnerungen hat und auch wieder nicht – vieles Erlebte ist aus seinem Gedächtnis wie gelöscht. Das kann belasten, aber auch eine Gnade sein.

Abbas Khider, der als politischer Gefangener im Irak in Haft saß und seit 2000 in Deutschland lebt, erzählt hier eine Geschichte, die an die eigene angelehnt ist: Said möchte Schriftsteller werden, hat erste Erfolge und wird doch immer wieder von der Vergangenheit eingeholt. In einem Land, das ihm misstraurig gegenübersteht, im bärtigen Iraker erst einmal grundsätzlich eine terroristische Gefahr sieht.

„Der Erinnerungsfälscher“ erzählt von dem Gefühl, überall ein Fremder zu sein, sehr ernsthaft, aber auch immer wieder mit Lakonie und Wortwitz. Ein großer Wurf.

( tha )