Hamburger Kunsthalle

Zwischen Monet und Degas im Impressionismus schwelgen

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„Abend am Uhlenhorster Fährhaus“ von Max Liebermann (1847–1935), Öl auf Leinwand, 77 x 96 cm (Archivbild).

„Abend am Uhlenhorster Fährhaus“ von Max Liebermann (1847–1935), Öl auf Leinwand, 77 x 96 cm (Archivbild).

Foto: Daniel Bockwoldt dpa

Die Kunsthalle zeigt mit einer neuen Hängung in der Lichtwark-Galerie, wie sehr die Kunstströmung auch in der Hansestadt populär war.

Hamburg. Claude Monets berühmtes Porträt der „Waterloo-Brücke“ in diesigem Licht, die Anmut in Edgar Degas’Balletttänzerin“ oder seiner etwas entrückten Dame „Vor dem Spiegel“. Die pastellenen Farben, der feine, pointierte Pinselstrich, die gefälligen Landschaftsmotive – sie evozieren große Vertrautheitsgefühle bei den Betrachtenden. Wer im Impressionismus schwelgen will, ist in der Hamburger Kunsthalle, die einen großen Bestand aus dem 19. Jahrhundert beherbergt, an der richtigen Adresse.

Neu an der Ausstellung in der Lichtwark-Galerie ist nun, dass französische und deutsche Künstler aufeinandertreffen und in einen Austausch treten. Zu verdanken ist es einer Kooperation, die ungewöhnlich für das Museum am Glockengießerwall ist. Die Leiterin der Sammlung Klassische Moderne und der Leiter der Sammlung 19. Jahrhundert präsentieren erstmals gemeinsam Werke aus ihren jeweiligen Sammlungsbereichen. Schönes, Wohlgefälliges, Highlights der Sammlung, aber auch Perlen aus dem Depot.

Hamburger Kunsthalle: Deutsch-französische Begegnungen im Impressionismus

„Mit der Zusammenschau eröffnen wir neue Dialoge und ermöglichen einen ganz neuen Blick auf unsere Sammlung“, formuliert es Markus Bertsch, der aus seinem Bereich unter anderem zahlreiche Werke Max Liebermanns zeigt. Karin Schick versammelt wunderbare Max Slevogts und Lovis Corinths, großformatige Werke, viele davon lange nicht mehr ausgestellt. Aber auch zwei Gemälde von Max Beckmann. Die „Idee der Durchdringung“ sei von „ikonischen Bildpaaren“ ausgegangen wie etwa Édouard Manets „Nana“ und „Charlotte Corinth am Frisiertisch“ von Lovis Corinth.

Im ersten Raum unter „Ansichten der Stadt“ hängt die bereits genannte „Waterloo-Brücke“ (1902) in direkter Nachbarschaft zu Corinths „Blick auf den Köhlbrand“ (1911). Paul Cézannes „Am Quai de Bercy in Paris“ aus dem Jahr 1875/76 steht Max Liebermanns Ölbild „Abend am Uhlenhorster Fährhaus“ von 1910 sowie Pierre Bonnards „Lampionkorso auf der Außenalster“ von 1913 gegenüber. Die Gegenüberstellung zeigt, dass die Impressionisten nicht bloß „satte grüne Wiesen“ malten. Leopold von Kalkreuths Gemälde „Heimkehrende Werftarbeiter auf der Elbe“ von 1894 erzählt von der Zeit vor dem Elbtunnel, als Arbeiter nach der Schicht nach Hause rudern mussten – ein impressionistisches Werk als Zeitdokument.

„Transnationaler Dialog“ in Hamburg

Dass ausgerechnet Hamburg eine zentrale Rolle spielt, ist dem ersten Kunsthallen-Direktor Alfred Lichtwark zu verdanken, der im Impressionismus eine wegweisende Stilrichtung sah und Maler damit beauftragte, auch die Hansestadt ins rechte Licht zu rücken.

Die populären Vertreter der bedeutenden Kunstströmung, die gemeinhin in Frankreich ab Mitte des 19. Jahrhunderts verortet wird, werden in der Neupräsentation der Sammlung „Impressionismus. Deutsch-französische Begegnungen“ in der Lichtwark-Galerie mit deutschen Protagonisten (allen voran die Trias Liebermann-Corinth-Slevogt) gepaart. Dieser „transnationale Dialog“, der die Strahlkraft, die von Paris ausging, aber auch den jeweiligen geschichtlichen Hintergrund einbezieht, ermöglicht einen neuen Blick auf den Impressionismus. Er offenbart Gemeinsamkeiten und Unterschiede. „Die französischen Maler waren radikaler, was die Auflösung der Konturen betrifft, die deutschen blieben deutlicher dem Gegenständlichen verhaftet“, so der Kurator.

Impressionismus: Künstler malten besonders gerne Porträts

Karin Schick und Markus Bertsch ist mit den deutsch-französischen Begegnungen eine richtige „Feel good“-Ausstellung gelungen, die fulminanten Blumenbouquets, zarten Porträts und urbanen Szenen sind Balsam für Augen und Seele. Anhand der Wandtexte lassen sich Geschichten zu den Gemälden auffächern. Die neue Anordnung der Werke lässt aber ebenso Raum für eigene Betrachtungen und die Herstellung von Bezügen. Wer sich in einzelne Kapitel vertiefen möchte, dem sei der umfassende Katalog zur Ausstellung empfohlen, der im Wienand Verlag erschienen ist.

Neben Landschaften und Stillleben waren es vor allem Porträts, die die impressionistisch arbeitenden Maler auf die Leinwand brachten. Wobei der Trend weg vom rein Repräsentativen, hin zu mehr Natürlichkeit ging und bestenfalls der Charakter der Porträtierten eingefangen werden sollte. Die Konturen begannen sich aufzulösen und die Pinselstriche wurden freier, expressiver. Ivo Hauptmann, Mitglied der Hamburgischen Secession, brachte in seinem „Bildnis Marie Hauptmann“ (1905) durch ein auffälliges Tapeten- und Teppichmuster Bewegung in die Szenerie und vermied es nicht, den offensichtlich skeptischen Gesichtsausdruck seiner Mutter abzubilden. Lovis Corinth, der ohnehin einen großen Auftritt in der Ausstellung hat, ist mit seinem dynamisch-flächigen Frauenporträt „Flora“ (1923) und dem Stillleben „Chrysanthemen“ (1922) vertreten.

Kunsthalle: Abschluss aus Pastellen auf Papier und Karton

Eine faszinierende Sichtachse haben die Kuratoren zum nächsten Kapitel, „Auftritt und Inszenierung“, geschaffen: Schon von Weitem zieht das großformatige Ölgemälde „Morgendlicher Ausritt im Bois de Boulogne“ (1873) von Pierre Auguste Renoir die Blicke auf sich, das von Pierre Rodins Bronze „Pierre de Wissant“ aus dem Jahr 1885 gekreuzt wird. Neben den Salons, wo sich die „Upper Class“ präsentierte, waren Theater und Oper Quelle der Inspiration für viele Maler, gut sichtbar bei Max Slevogts „Der schwarze d’Andrade“ (1903). Aber auch die neu gegründeten Zoos boten mit wilden, exotischen Tieren dankbare Motive. So verewigte Lovis Corinth 1911 „Carl Hagenbeck in seinem Tierpark“ – mit dem obligatorischen Walross.

Den Abschluss der Ausstellung bilden Pastelle auf Papier und Karton, die Lichtwark als moderne, zukunftweisende Technik bezeichnete und daher vermehrt sammelte, darunter Liebermanns „Die Polowiese im Jenischpark“ von 1902, Eduard Vuillards „Löschplatz an der Außenalster“ (1913) und „Die Themse in London mit der Charing Cross Bridge und Cleopatra’s Needle“ (1926) von Lesser Ury. Obwohl zeitlich und örtlich deutlich voneinander entfernt, fallen besonders in diesem Kapitel die stilistischen Gemeinsamkeiten auf: das spezielle Licht der Naturstudien, in denen sich die Grenzen zwischen Himmel und Landschaft aufgelöst haben, der Mensch, der in dieser Szenerie aufgeht. Letztlich ist es diese besondere Atmosphäre, die den Impressionismus so reizvoll macht. Immer wieder aufs Neue.

„Impressionismus. Deutsch-französische Begegnungen“ bis 31.12.2023, Hamburger Kunsthalle (U/S Hbf), Glockengießerwall 5, Di-So 10-18.00, Do 10-21.00, Eintritt 14/erm. 8,-