Simone Buchholz

„Die Hälfte meiner Freundinnen wurde vergewaltigt“

| Lesedauer: 14 Minuten
Die Krimi-Autorin Simone Buchholz will künftig erst mal keine Krimis mehr schreiben.

Die Krimi-Autorin Simone Buchholz will künftig erst mal keine Krimis mehr schreiben.

Foto: Marcelo Hernandez

Ihre Bücher sind Bestseller und irre unterhaltsam. Die Krimi-Autorin erklärt, weshalb sie sich bisher immer mit Gewalt beschäftigte.

Hamburg. Es sind hochsymbolische Nieselregenfäden, die auf den Wohlerspark niedergehen. Aber auch allerschönste Wettermetaphorik geht irgendwann in die Klamotten. Und außerdem ist Simone Buchholz gar nicht Chastity Riley, jene taff-zarte und, wenn’s hart auf hart kommt, ein wenig von Einsamkeit umwehte Staatsanwältin aus ihren Hamburg-Krimis, zu deren gelegentlichen Seelenzuständen das Grau des Spätjahrtages ganz gut passen könnte.

Also gibt’s den Marsch vom grünen Flecken an der Grenze von Schanze und Altona in Richtung St. Pauli. Dort wird sich ein trockenes Café finden. Wir treffen, noch bevor wir in der Thadenstraße sind, einen Streifenpolizisten. „Wie geht’s Dir?“, fragt Simone Buchholz.

Simone Buchholz ist vertraut mit der Hamburger Polizei

Es ist eine Szene wie bestellt: Die überzeugte St. Paulianerin und dort wenn nicht welt-, so doch gutbekannte Schriftstellerin im vertrauten Gespräch mit dem Uniformierten. Der ist anders als sie HSV-Fan, scheint sich aber auch an der guten Saison des Rivalen vom Kiez zu erfreuen. Jetzt hilft er Simone Buchholz erst mal, ihren soeben defekt gegangenen Regenschirm, einen knallroten („Hat mir eine Freundin aus China mitgebracht“), zu zerkleinern und zu entsorgen. Ab in den Mülleimer mit dem Ding. Zuletzt war der Schwund im Hause Buchholz beachtlich, erst auf der Buchmesse ist sie eines weiteren Schirms verlustig gegangen. Da war also ein wenig Unglaube im Spiel, als sie jetzt plötzlich, lässig mit Fluppe im Mund, mit dem kaputten Ding hantieren musste.

Kurz darauf erzählt sie, wie es einmal bei ihr klingelte: „Aufmachen, Polizei!“. Das waren zwei Streifenpolizisten. Täglich hatte man sich gesehen in den Monaten zuvor, beim jeweiligen Gang durch die Straßen des Viertels. Buchholz schwanger, mit größer werdendem Bauch. Und dann tauchte sie ein paar Tage nicht auf. „Dann kamen sie halt bei mir vorbei, um sich das Baby anzuschauen“, erinnert sich Buchholz.

Im Jahr 2008 erschien der erste Roman

Das ist eine gute Geschichte. Die etwas aussagt über die Krimiautorin Buchholz, wie auch nicht: Was Leute erzählen und warum, erklärt sie oder zumindest manche Aspekte ihres Wesens. Später wird Buchholz noch ernsthafter und nicht anekdotisch von jenem krassen Jahr 2008 berichten, als nicht nur ihr Sohn geboren wurde, sondern auch ihr erster Roman erschien. Sie befand sich in einer Rush Hour des Lebens, es kam ganz schön viel zusammen. Jetzt erstmal geht es aber darum, dass Simone Buchholz mindestens das Gegenteil von kontaktscheu ist. Und dass sie, in deren Romanen es von im Staatsdienst tätigen Verbrechensbekämpfern wimmelt, auch im echten Leben mit diesen zu tun hat. Sie statten ihr sogar Besuche ans Wochenbett ab.

Buchholz war mal Journalistin. Lernte auf der Henri-Nannen-Schule, arbeitete in etlichen Redaktionen. Keine Frage, dass sie für jeden ihrer Chastity-Riley-Fälle mit der Polizei sprach. Eine Freundin arbeitete da, sie war jedoch nicht die einzige Gewährsfrau. „Aber es ergibt keinen Sinn, einfach bei der Pressestelle der Polizei anzurufen und sich irgendjemanden vermitteln zu lassen, da muss schon jemand Lust haben, über Hintergründe und alte Fälle zu reden“, sagt Buchholz.

Ein beruflicher Wendepunkt steht bevor

Ihr Glück: Mit einer Schriftstellerin sprechen die in den verschiedensten Abteilungen der Strafverfolgungsbehörden Beschäftigten viel lieber als mit einer Journalistin. Kann aber sein, dass Buchholz, die 1972 in Hanau geboren wurde und im Spessart aufwuchs, für eine ganze Weile nicht mehr, vielleicht auch nie wieder, in den Reihen der Polizei für ihre Bücher recherchiert. Es soll jetzt Schluss sein mit den Krimis. Weswegen dies genau der richtige Zeitpunkt ist, sich mit dieser Frau zu treffen. Es könnte mal wieder ein kleiner Wendepunkt in ihrem Leben sein, beruflich.

Über ihr aktuelles literarisches Projekt, einen Roman mit ganz anderen Themen als den Verbrechen in einer großen deutschen Stadt, soll es später noch ausführlich gehen. Aber bevor ein neuer Weg beschritten wird, arbeitet der Mensch, bei Buchholz ist das jedenfalls so, das Alte durch. Guckt sich an, woher man gekommen ist. Bei Buchholz, deren Romane süffige Titel wie „Knastpralinen“ und „Bullenpeitsche“ tragen, ist es das Interesse an Gewalt, das sich in seiner Bedeutung für ihre Antriebe vielleicht jetzt erst, im Nachhinein, vollständig offenbart.

Wie kommt Gewalt in die Welt?

Es gehe in ihren Büchern immer um die Frage, sagt Simone Buchholz, „wie die Gewalt in die Welt kommt“. Welche Strukturen, mafiöse, familiäre, braucht Gewalt? Was macht sie mit den Menschen, die von ihr profitieren oder unter ihr leiden, die sterben, die ausbrechen aus ihr? „Das ist ein klassisches Narrativ, purer Shakespeare: Der Riss in der Welt, den man nicht flicken kann“, erklärt Buchholz. Flicken, das gehe nur im Märchen, „im neorealistischen Krimi aber nicht“.

Eine Selbstaussage über das eigene Schreiben sind diese Sätze, eine implizite Formulierung des Anspruchs, den ein guter Kriminalroman haben muss. In einer ungeahnten – vom männlichen Gesprächspartner in diesem Fall – Logik führen sie Simone Buchholz zu Feststellungen, die in jederlei Hinsicht beunruhigend sind. Was zum Zeitgeist passt, dem #Metoo-Diskurs, der Debatte über Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt: Wir leben in einer Gegenwart, in der er endlich Anklägerinnen gibt, die gehört werden. Buchholz sagt: „Der Grund für mein Bedürfnis, mich mit Gewalt zu beschäftigen, für mein bisheriges Schreiben ist mir lange verschlossen geblieben, er ist die für eine Frau meiner Generation als normal empfundene Erfahrung sexueller Gewalt.“

Buchholz schreibt frech und mit Humor

Buchholz schreibt mit frechem Schliff und unerschrocken in ihren Formulierungen; man schätzt ihre Bücher auch wegen des Humors. Und sie ist vermutlich auch das zugänglichste, offenherzigste Gesprächsgegenüber, das man sich denken kann. Wobei genau daher dieser von ihr bewusst grell ausgeleuchtete Moment kommen könnte, der den Blick unmissverständlich auf den Mann, das Schwein, lenkt. Es kommt einem ja alles überhaupt nicht weit hergeholt vor, was sie mit nicht mal feministischer, sondern viel eher auch die nachträgliche Resignation beinhaltender Wut erzählt.

Wie man sich vorm Sportunterricht drücken musste, weil der Lehrer den Mädchen immer grabschende „Hilfestellungen“ beim Bockspringen gab. Wie sich ein Mann vor der 18-Jährigen im Zug einen runterholte. Wie die Polizisten, die der Vater der Teenagerin mit dem Zwischenfall konfrontierte, nicht mal eine Anzeige aufnahmen. Wer lässt schon seine Tochter allein in den Zug? Buchholz wusste sich übrigens, so schildert sie es, stets zu wehren. Mit blauen Flecken und zerrissenen Jeans kam sie dennoch manchmal nach Hause.

„Die Hälfte meiner Freundinnen ist vergewaltigt worden“

„Die Hälfte meiner Freundinnen ist vergewaltigt worden“, sagt Simone Buchholz, „und Gewalt gehört halt zu einem Frauenleben, das ist ein matter of fact, das wussten wir schon lange vor #Metoo – jede von uns saß schon mal bei einer Freundin und hielt ihre Hand“.

Ganz schön küchenpsychologisch wäre es, in ihrem literarischen Werk die positiv besetzten Hauptfiguren – der „Schutzmann“ als Sympathieträger – als immer präsentes, unbewusstes Gewalt-Gegenmittel zu begreifen. Andererseits: Auch fiktive Gestalten können ja eine tröstliche Wirkung auf das bedrohte Selbst haben.

Buchholz beschreibt keine Gewalt gegen Frauen

Überhaupt kein Zufall dagegen ist es, dass die auch in dieser Bezeichnung so berühmte „toxische Männlichkeit“ in den Buchholz-Krimis zwar beständig anzutreffen ist (wie soll Crime in einer immer noch männlich dominierten Welt auch sonst funktionieren?). Dass gleichzeitig aber so gut wie keine Gewalt gegen Frauen beschrieben wird. „Es gibt in meinen Büchern ohnehin keinen Voyeurismus“, erklärt Buchholz.

Und auf ihren Lesungen nie Langeweile. Man muss sich diese Frau unbedingt als das Gegenteil der einsam in der Dachstube sitzenden Dichterin vorstellen. Als soziales Wesen, das zwar in seinem alten Beruf nur als Freischaffende reüssieren konnte, weil eine Festanstellung in einer Redaktion auf Dauer zu sehr eingeengt hätte; im Romaneschreiben hat sie, die früher laut eigener Aussage ein „Adrenalin-Junkie“ gewesen sei, ihre Berufung gefunden. Auf ihren Sohn, erzählt Buchholz, müsse sie dennoch bisweilen sehr gequält gewirkt haben, wenn der sie beim Schreiben beobachtet habe. Dabei mache ihr das, was sie da tue, nichts als Spaß, „anders gesagt, es liegt mir halt“.

Der Sohn begleitet seine Mutter gerne zu Lesungen

Ihr Sohn. Ein Teenager mittlerweile, der gerne zu ihren Lesungen mitkommt, zumindest wenn sie im Uebel Gefährlich sind. Der Ehemann von Simone Buchholz arbeitet im Versicherungsgeschäft, „so sieht unser Sohn, dass man auf verschiedene Weisen glücklich werden kann, wenn man in einer klassischen Branche arbeitet oder in einer crazy Branche wie ich“.

Was die Sache mit dem Glück angeht, ist es auch bei Buchholz so: Mal ist es da, mal nicht so. Wobei heute, wo sie eine viel gelesene Autorin – bei Suhrkamp! – ist, Preise bekommen hat, das Level des guten Befindens hoch sein müsste. Zu Beginn ihrer Schriftstellerinnenkarriere war das anders. Mit dem ersten Buchvertrag kam die Verpflichtung, gleich mal drei Krimis in einer bestimmten Zeit abzuliefern. Buchholz hatte ein Baby zu versorgen, und dann machte ihr der Arbeitgeber ihres Mannes einen Strich durch die Rechnung.

Elternzeit des Mannes wurde nicht bewilligt

Die gewünschte Elternzeit wurde nicht bewilligt. Was aus dem daraus resultierenden Produktionsstress in der Schreibwerkstatt folgte, das Buch musste ja trotz ausbleibender Erziehungsentlastung geschrieben werden, war eine langwierige Viruserkrankung. Die damals vorherrschenden patriarchalischen Strukturen in Unternehmen hätten sie drei Jahre ihres Lebens gekostet, sagt Buchholz und klingt dabei fast bitter, „es ging mir echt beschissen“.

Die Chastity-Riley-Reihe
Mit „Revolverherz“ ging die Saga um die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley 2008 los, noch im Droemer-Verlag. „Ein Hamburg-Krimi“ stand da  im Untertitel: Regionalkrimis waren der Hit damals. Seit „Blaue Nacht“ erschien die Reihe im Suhrkamp-Verlag. 2017 erhielt Buchholz für diesen Fall den Deutschen Krimi-Preis. Jetzt, mit „River Clyde“ (Band zehn), ist Schluss mit der Reihe.

Aber die Plackerei der frühen Jahre hat sich wenigstens gelohnt. Wenn Staatsanwältin Chastity Riley nun hat nach zehn Büchern ihren Job gemacht hat, hat auch ihre Erfinderin abgeliefert: Simone Buchholz besitzt nun einen Namen im Literaturgeschäft. Weitere Fälle interessieren sie aber nicht mehr, „ich bin durch mit dem Thema Ermittlungen“. Sie habe sich den Weg freigeschossen zu etwas anderem, sagt Buchholz bildlich und sehr richtig. Im Frühjahr muss sie ihr Manuskript abgeben.

Neuer Roman inspiriert von letzter Lesereise

Was sie verrät, ist folgendes: Der neue Roman wird auf einem Schiff im Nordatlantik spielen, einem Fliegenden Holländer. Bevölkert mit einer utopischen Gesellschaft, Unsterbliche halt. Dann kommen Sterbliche dazu, und die Geschichte nimmt ihren Lauf. Mystery, inspiriert von einer Lesereise auf einem Schiff vor zwei Jahren. Klingt so, als könnte es ein Hit werden.

Buchholz sagt bezüglich ihres neuen Projekts noch, man könne demnächst angesichts anderer, durchaus ähnlicher Stoffe von einer „neuen deutschen Fantastik“ sprechen, „und die hat bestimmt mit der Pandemie zu tun“. Und dann, nach einem kurzen Bericht über das Anstrengende von Lesereisen („Nach einer Woche ist man fix und fertig, wie viele Schriftsteller bin ich ohne Filter gebaut, ich nehme alles wahr“) erzählt sie abschließend etwas wirklich Überragendes. Etwas Unerwartetes, aber das nur, weil man sich über im Ausland stattfindende Literaturveranstaltungen deutscher Autorinnen und Autoren nicht ständig Gedanken macht. Sie werde oft gebeten, mal eine Seite auf Deutsch zu lesen, „und das ist dann europäische Graswurzelarbeit“.

Simone Buchholz freut sich das Interesse an der Sprache

Es ist nämlich so, dass sie in Frankreich und Großbritannien dann merken, wie schön Deutsch klingen kann, jedenfalls nicht nach Nazi-Geplärre. Man könnte sich nun auch über blöde Vorurteile ärgern. Aber ihr wäre das wohl eh fremd. Nein, sie freut sich über jene schönen Momente.

Und außerdem denkt Simone Buchholz angesichts der literarischen Völkerverständigung immer, dass sie etwas verdammt richtig gemacht hat.