Hamburger Kunsthalle

Wenn Alte Meister auf Lars Eidinger und Stefan Marx treffen

| Lesedauer: 5 Minuten
Annette Stiekele
Beschwert sich Adriaen Brouwer (1605/06–1638, „Der bittere Trank“, Öl auf Eichenholz) etwa über die „Klasse Gesellschaft“? Zu sehen in der Hamburger Kunsthalle.

Beschwert sich Adriaen Brouwer (1605/06–1638, „Der bittere Trank“, Öl auf Eichenholz) etwa über die „Klasse Gesellschaft“? Zu sehen in der Hamburger Kunsthalle.

Foto: bpk / Städel Museum

Die Ausstellung "Klasse Gesellschaft" kombiniert die Holländer des 17. Jahrhunderts mit Lars Eidinger und Stefan Marx.

Hamburg. Das Paar steht vor einem Schaufenster und betrachtet hochwertige und mutmaßlich hochpreisige Preziosen. Am Boden neben ihnen ruht ein Obdachloser. Das Paar scheint ihn gar nicht zu bemerken, so sehr fesselt es der Anblick des Geschmeides. Die 2018 in Paris aufgenommene Fotografie bringt disparate Lebenswelten auf irritierende Weise zusammen. Manch einer mag hinter dem beliebten Schauspieler Lars Eidinger („Jedermann“, „Tatort“) eine vielleicht übersteigerte Selbstwahrnehmung vermuten, was vielleicht an seinen gelegentlich exzentrischen Auftritten liegt.

Die Ausstellung „Klasse Gesellschaft. Alltag im Blick niederländischer Meister. Mit Lars Eidinger und Stefan Marx“, die bis zum 27. März 2022 in der Hamburger Kunsthalle zu sehen ist, erzählt vom Gegenteil.

Hamburger Kunsthalle: "Alter Meister" neu in Szene gesetzt

Eidinger (Jahrgang 1976) ist hier – ebenso wie der Künstler Stefan Marx (Jahrgang 1979), bekannt für seine meist in Schwarz-Weiß gehaltenen Typographien in Acryl auf Leinwand – als kluger Beobachter von Alltagsmomenten zu erleben. Eidingers Foto- und Videoarbeiten setzen fein sezierte gesellschaftliche Schlaglichter und nehmen auf ungewöhnliche Weise Bezug auf die gewichtige Sammlung der Hamburger Kunsthalle an Genremalerei niederländischer und flämischer Meister.

Die „Alten Meister“ wurden um hochkarätige Leihgaben unter anderem aus der Eremitage St. Petersburg und dem Metropolitan Museum New York sowie Zeichnungen und druckgraphische Arbeiten ergänzt. Insgesamt kommen stolze 200 Werke in der Schau zusammen.

Sie öffnen ein Fenster in den Alltag der Vergangenheit. Feiern aber auch den Moment im Damals wie im Heute. Die Magie des Gegenwärtigen. Die gemalten Alltagsszenen aus dem 17. Jahrhundert erfreuen sich seit jeher großer Beliebtheit. Das Publikum schätzt die schönen Interieurs und Familienszenen der Delfter Feinmaler um Pieter de Hooch (1610-1690), der alleine mit 20 Gemälden vertreten ist.

Reflexion alter und neuer Gesellschaftsbilder

Besonders großen Zuspruch aber erfahren stets die derben, ironischen Szenen von feiernden, zechenden und rauchenden Bauern, die dabei mitunter ihre Erziehung vergessen. Jan Havicksz. Steen (1626-1679) hat das bäuerliche Leben etwa in der Kartenspiel-Szene „Herz-Ass“ (undatiert) meisterhaft eingefangen. Auf seinen Gemälden gibt es eine Vielzahl aparter Details zu entdecken.

Die von Sandra Pisot, Leiterin der Sammlung „Alte Meister“, stringent kuratierte und in acht lebensnahe Kapitel gegliederte Schau zeigt Frauendarstellungen ebenso wie soziale Ungleichheiten, Spiele und Zeitvertreib oder auch Winterstücke. Sie greift aber noch tiefer. In ihrer Reflexion über Gesellschaftsbilder damals und heute nimmt sie Bezug auf die aktuelle „Klassismus“-Debatte. Davon kündet schon das große Eingangstriptychon von Stefan Marx mit dem von der Band Velvet Underground entlehnten Schriftzug „I’ll be your mirror“ (2021).

Ausstellung: Lars Eidinger sieht den perfekten Moment

Denn die Schau hinterfragt die Motivationen hinter inszenierten Darstellungen und hält damit auch dem Besucher einen Spiegel vor. Im 17. Jahrhundert inszenierten sich die Bürger so, wie sie sich selbst am liebsten sahen, bei gepflegten Beschäftigungen wie der Übergabe von Briefen und im Kreise der Familie. Das bäuerliche Milieu und die Welt der einfachen Leute dagegen unterliegen einem voyeuristischen Blickwinkel aus einer vermeintlich erhabenen Position heraus, wie man ihn heute auch aus dem Privatfernsehen kennt.

Die Foto- und Videoarbeiten von Lars Eidinger, die jüngsten entstanden während Dreharbeiten für einen Kinofilm in den USA, sind nicht inszeniert. Vielmehr zeugen sie von dem äußerst genauen und sensiblen Blick des Künstlers für den perfekten Moment. Und der erzählt wie die Kapitel der „Alten Meister“ ebenfalls von Widersprüchen in der Realität. Manchmal zeigen die Arbeiten scheinbar nebensächliche Dinge, etwa den Verlauf einer Pfütze. Häufig offenbaren sie soziale Gegensätze, etwa wenn das Porträt eines Obdachlosen auf dem Frankfurter Flughafen der Szene „Betrunkene Bauern in einem Gasthaus“ (um 1625/26) von Adriaen Brouwer zur Seite gestellt ist.

„Alte Meister“ in neuem, gegenwärtigem Licht

Eidinger und Marx haben je eigene Bereiche, jedoch sind ihre Arbeiten auch mit denen der „Alten Meister“ thematisch verschränkt. Marx’ meist in fetten Lettern Weiß auf Schwarz aber auch auf Grün und Rosa angefertigte Schriftgemälde wirken in der Zusammenschau – etwa das Werk „This is so not what I wanted“ (2021) – wie ironische Kommentare. Gleichzeitig bringt er die „Alten Meister“ regelrecht zum Sprechen.

Die auf diese Weise sehr entschieden und klug komponierte Schau ermöglicht überraschende Einblicke und Reibungen, die die „Alten Meister“ in neuem, gegenwärtigem Licht erscheinen lassen. Nicht nur wegen herausragender Meisterwerke wie „Ein Dorf im Winter“ von Joos de Momper d.J. aus der hochkarätigen Sammlung der Hamburger Kunsthalle sollte man sich die Schau in diesem Winter keinesfalls entgehen lassen.

„Klasse Gesellschaft“ – Alltag im Blick niederländischer Meister. Mit Lars Eidinger und Stefan Marx, 26.11. bis 27.3.2022, Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall 5, Di bis So 10 bis 18 Uhr, Do 10 bis 21 Uhr, www.hamburger-kunsthalle.de