Reeperbahn Festival

Stundenlanges Anstehen für 45 Minuten Musik

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Tino Lange

Sting eröffnet das Reeperbahn Festival in Hamburg

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Ausdauerprüfung ohne Einlassgarantie: Reeperbahn Festival stellt Publikum dieses Jahr auf eine besonders harte Geduldsprobe.

Hamburg. „Hundertdreizehn, hundertvierzehn, hundertfünfzehn ...“ - immer wieder gehen am Donnerstag Ordner leise Zahlen murmelnd an der Schlange vor dem Mojo Club entlang, die vom Eingang des Kiezclubs bis zur Helgoländer Allee reicht. Knapp 500 Menschen wollen die Berliner Sängerin Dillon beim Reeperbahn Festival sehen. „120 passen rein“, flüstert ein Schlangennachbar.

90 Minuten geht das Zittern an Hamburgs zugigster Stelle vor den Tanzenden Türmen, eine düstere Regenwand zieht auf, entlädt sich über dem Kiez und über den geduckten Köpfen. Der Einlass am Mojo Club beginnt, noch 20 Meter, noch 15 Meter - „Wir sind voll, tut mir leid“. Alles für den Club? Alles für die Katz.

Das ist das Reeperbahn Festival 2021: Stundenlanges Anstehen für 45 Minuten Musik von zumeist unbekannten Bands. Schon seit Jahren verlangt das Festival seinem Publikum viel Geduld ab, aber die aktuellen Pandemiebedingungen treiben es noch auf die Spitze. Mehr als 20.000 Tickets wurden verkauft, dazu kommen 1500 Branchen-Delegierte, die sich auf 250 Konzerte sowie Film-, Kunst- und Literatur-Angebote verteilen sollen.

Reeperbahn-Festival: Publikum braucht viel Geduld

Nur denken die im Traum nicht daran, die fantastische Dokumentation „Summer Of Soul“ im Zeise zu sehen oder bei zwölf Grad und Regen die Freiluft-Konzerte von Betterov oder Mavi Phoenix in Planten un Blomen oder auf dem Heiligengeistfeld zu besuchen. Alles will in die Clubs.

Dort haben 40, 50, 100 Fans Platz, entweder auf Stühlen oder stehend auf am Boden aufgeklebten Punkten. Einzeln werden sie in den Saal geführt und platziert und nach Konzertende entlassen. Umbauen, durchlüften und die nächste Gruppe darf für die nächste Band reinkommen. Das Reinschnuppern, das spontane Clubhopping, was die ersten Jahre des Festivals geprägt hatte und für stetige Bewegung an Ein- und Ausgängen sorgte, ist dieses Jahr wie schon 2020 nicht möglich.

Das machte den Konzertbesuch bereits im Vorjahr zum Geduldsspiel, als sich nur 8000 Menschen auf St. Pauli verloren. Am Donnerstag hingegen ist es nahezu zermürbend. Vor dem Molotow geht traditionell schnell gar nichts mehr, aber auch vor Moondoo, Headcrash, Indra und Gruenspan ist eine Stunde Anstehen das Mindeste. Und in den Schlangen gibt es nur ein Gesprächsthema: Wer hat wo wie lange für nichts gewartet.

Sting sang bei Eröffnungsgala im Operettenhaus

Die Anfangseuphorie und die Vorfreude des ersten Festivaltags am Mittwoch, als Sonne und tolle Konzerte der Berliner Retro-Rock-Zausel Kadavar auf dem Heiligengeistfeld und der belgischen Filigran-Songwriterin Meskerem Mees im Nochtspeicher begeisterten, sind einen Abend später verflogen. „How my poor heart aches with every step you take“, sang Sting bei der Eröffnungsgala im Operettenhaus. Jetzt schmerzen nicht das Herz, sondern Rücken und Füße bei jedem Schritt, beim Auf- und Abmarschieren der Reeperbahn auf der Suche nach einem Club mit halbwegs übersichtlichem Andrang.

Das vor zwei Jahren in Uwe unbenannte Ex-Kukuun im Klubhaus St. Pauli am Spielbudenplatz zum Beispiel ist noch nicht allen geläufig. Dort überzeugt am Donnerstag die Italienerin Hån, nicht zu verwechseln mit der Schweizer Black Metal Band, mit emotionalem Dream-Pop. Optisch hat sich die Sängerin mit dicker Daunenjacke den Gegebenheiten angepasst, aber sie gerät kaum ins Schwitzen, nach 25 Minuten ist ihr Auftritt vorbei.

Also wieder raus und 70 Minuten in die Schlange vor dem Moondoo für die Show der dänischen Band Communions. Fatalismus und Galgenhumor prägen die Gespräche der Umstehenden. „Das ist wie in der DDR“, sagt einer, „man stellt sich in jede Schlange, ohne zu wissen, was es überhaupt gibt. Keine Bananen gibt es da drüben, hier gibt es nur keine Pfirsiche“. Gelächter. „Nützt ja nix.“ Und der Synthie-Rock-Pop von Communions ist dann auch eher guter Durchschnitt. Aber immerhin: etwas gesehen.

Reeperbahn Festival: Eröffnungsrede von Peter Tschentscher

Umstände unter 3G-Bedingungen sind schwierig

Natürlich sind die Umstände unter 3G-Bedingungen schwierig, und die Freude, wieder Livemusik erleben zu können, bleibt spürbar. Aber den Preis, den nicht nur die Organisatoren mit beschränkten Kapazitäten und Unmengen von Regelungen zahlen, ist beachtlich. Ein Viertages-Ticket kostete 105 Euro im Vorverkauf. Dafür bekommt man, wenn man Clubshows bevorzugt, vielleicht acht Newcomer-Konzerte geboten. Man braucht schon viel guten Willen und Solidarität gegenüber den Veranstaltenden und den Bühnen, um den Gegenwert angemessen zu finden.

Und Mittwoch und Donnerstag sind die „entspannten“ Tage des Festivals. Am Freitag und am Sonnabend ist das lange Elend vor den Türen noch länger. Man ist wirklich gut beraten, trotz Hamburger Wetters die Randgebiete des Festivals zu erkunden. Im Musikpavillon in Planten un Blomen ist vor der „Draußen im Grünen“-Bühne bislang immer Platz gewesen. Dort spielen am Sonnabend Black Sea Dahu und die bereits Festival-erprobte Band Isolation Berlin. Auch die Arte Concert Stage, die große Freiluft-Bühne auf dem Heiligengeistfeld, lädt zum Stehen und Wippen mit Antje Schomaker, Balbina und Muff Potter ein. In der Hauptkirche St. Michaelis lohnt sich ein Fußmarsch zu Die Höchste Eisenbahn und Tom Odell.

Wenn das Reeperbahn Festival 2021 etwas zeigt, dann die große Lust auf Livemusik. Aber auch auf Begegnung. Der Molotow-Innenhof wird am Donnerstag nach dem Konzert von Keep Dancing Inc. freigeräumt. Statt 3G-Konzert ist 2G-Aftershow-Party angesagt, nicht als Teil des Festivals, aber kostenlos mit Festivalbändchen. Schnell füllt sich der Platz, in der Mitte wird bis spät in die Nacht ausgelassen getanzt. Eine Zeitreise in das Jahr 2019, so faszinierend wie ungewohnt. Und jeder, der in den Hof tritt, macht Augen wie ein Kind bei der Bescherung. Fest statt Festival.