Norbert Gstrein

Deutscher Buchpreis: Ein Hamburger im Finale

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Norbert Gstrein steht im Finale des Deutschen Buchpreises.

Norbert Gstrein steht im Finale des Deutschen Buchpreises.

Foto: Georg Wendt / dpa

Auch Christian Kracht ist dabei, Heinz Strunk nicht – die Jury hat jetzt die Shortlist des Deutschen Buchpreises veröffentlicht.

Hamburg. Hier kommt eine für manche Zeitgenossen vielleicht schockierende Feststellung: Jede Finalrunde für den glorreichen Deutschen Buchpreis könnte immer ganz anders aussehen als die, die einem die jeweilige Jury (sie wechselt jedes Jahr) vorsetzt. Ja, streng genommen könnte auch die Vorschlussrunde, bestehend aus 20 Titeln, immer komplett ausgetauscht werden. Literatur ist kein Sport, in dem die Besten mit der Stoppuhr gemessen werden.

Dies sei als Hinführung zum einzigen Hamburger auf der diesjährigen, jetzt bekannt gegebenen Shortlist gestattet. Norbert Gstrein, der seit langem an der Elbe lebende österreichische Schriftsteller, ist mit seinem Schauspieler-Roman „Der zweite Jakob“ für den Buchpreis nominiert. Eine schöne Bestätigung für das Schaffen des 60-Jährigen, der mit seinen existenzialistisch gepolten Romanen seit langem zum Inventar des Literaturbetriebs gehört.

Deutscher Buchpreis: Heinz Strunk nicht im Finale

Norbert Gstreins Bruder Bernhard war früher ein erfolgreicher Skirennfahrer, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere eine olympische Silbermedaille gewann. In der Kunst geht es nicht um Schnelligkeit, dort ist Qualität eine schwerer messbare Kategorie. Deswegen sollte sich niemand ärgern, wenn er oder sie nicht auf der sechs Titel umfassenden Shortlist steht. Wobei Spötter sagen, am meisten ärgerten sich eh immer die Literaturkritiker und Literaturkritikerinnen, weil ihre jeweiligen Favoriten unberücksichtigt blieben. So oder so: Das Prozedere des Deutschen Buchpreises ist die vermutlich bestmögliche Einladung, am Gespräch über neue Bücher teilzunehmen.

Die siebenköpfige Jury entscheidet über den Sieger einen Tag vor der für den 18. Oktober terminierten Preisverleihung. Aus Hamburger Sicht bemerkenswert ist neben der Gstrein-Finalteilnahme die Tatsache, dass es Heinz Strunks Roman einer Beziehungskatastrophe („Es ist immer so schön mit dir“) und Georges-Arthur Goldschmidts Bruder-Buch „Der versperrte Weg“ nicht auf die Shortlist schafften. Goldschmidt wurde 1928 als Sohn eines jüdischstämmigen Juristen in Reinbek geboren. Als Kind kam er auf der Flucht vor den Nationalsozialisten mit seinem Bruder nach Frankreich, wo er bis heute als Romancier, Übersetzer und Biograph des eigenen bedrohten Lebens sowie als Zeitzeuge des mörderischen Antisemitismus von einst lebt.

Geschlechter-Proporz und drei Mal Hanser

Neben Gstrein sind in diesem Jahr dessen Landsfrau Monika Helfer („Vati“ – großartige Entscheidung der Jury), Christian Kracht („Eurotrash“), Thomas Kunst („Zandschower Klinken“), Mithu Sanyal („Identitti“) sowie Antje Rávik Strubel („Blaue Frau“) nominiert. Für Proporz-Profis: Drei Frauen, drei Männer. Geschlechtergerechtigkeit, vielleicht. Dagegen gleich drei Mal Hanser-Verlag, da werden einige motzen. Recht so, ohne derlei Schieflagen würde das ganze Gedöns ja überhaupt keinen Spaß machen. In der Jury sind 2021 übrigens die Frauen in der Überzahl, 5:2 lautet hier das Geschlechterverhältnis.

Der bekannteste Autor auf dieser Shortlist, er sollte auch als Favorit für den Buchpreis gelten, ist der Schweizer Christian Kracht. Sein überzeugend selbstreferenzieller Roman „Eurotrash“ stand bereits im Finale des Leipziger Buchpreises und wäre ein klasse Gewinnertitel. Ach, was soll’s – das Abendblatt begibt sich an dieser Stelle nicht in die Beobachterperspektive, es fordert resolut: Gebt Christian Kracht den Buchpreis! „Eurotrash“ ist das lässigste, smarteste und komischste Buch des Jahres.

Deutscher Buchpreis mit 37.500 Euro dotiert

Nach Kracht bekam die auch für den Klaus-Michael Kühne-Preis nominierte 50-jährige Debütantin Mithu Sanyal zuletzt am meisten Resonanz. In „Identitti“, einem Zeitgeistroman reinsten Wassers, erzählt sie anhand einer Professorin für postkoloniale Theorie, die deutscher Herkunft ist, sich aber als Inderin ausgibt, und deren Studentin mit Migrationshintergrund Nivedita amüsant und originell von Identitätspolitik, hysterischen Debatten und Kulturkämpfen. „Identitti“ darf als ein idealtypisches Werk gelten, was die Aktualität der Gegenwartsliteratur angeht. Wobei es um Aktualität keineswegs gehen muss, um den Buchpreis zu gewinnen.

Der deutsche Buchpreis ist mit insgesamt 37.500 Euro dotiert. Der Sieger erhält 25.000 Euro, die anderen Finalisten jeweils 2500 Euro. Im vergangenen Jahr erhielt Anne Weber („Annette, ein Heldinnenepos“) die Auszeichnung. 2019 wurde der Hamburger Saša Stanišić für „Herkunft“ ausgezeichnet.