Ausstellung Hamburg

„Kunst und Pop-up-Yoga“ im Bucerius Kunst Forum

| Lesedauer: 3 Minuten
Vera Fengler
Kunst und Yoga mit Anja Ellenberger (l.) und Jennifer Helbing.

Kunst und Yoga mit Anja Ellenberger (l.) und Jennifer Helbing.

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Nach einer Führung durch die Ausstellung „Moderne Zeiten“ geht es in den Lichthof auf die Matte – eine ideale Verbindung.

Hamburg.  In Sneakern, Leggins und bauchfreien Tops ins Museum zu gehen ist eigentlich ein No-Go. Oder zumindest nur in Zeiten des hochsommerlichen Schwitzens erlaubt. An diesem Septemberabend im Bucerius Kunst Forum aber ist der sportliche Auftritt erwünscht, das Ausstellungshaus hat zu „Kunst und Pop-up-Yoga“ geladen. Wobei ein Umstand schon im Vorfeld geklärt werden sollte: Yoga wird hier nicht mitten in der Ausstellung praktiziert (so wie es etwa das New Yorker MoMa oder das Barberini in Potsdam anbieten), sondern im Lichthof ein Stockwerk höher.

So inspirierend es sein mag, sich im Angesicht eines echten Andreas Gursky oder Walker Evans in die Pose des „friedlichen Kriegers“ zu biegen – die licht- und feuchtigkeitsempfindlichen Gemälde und Originalfotografien dürfen nun mal nicht etwaigen Körperausdünstungen ausgesetzt werden. Und schließlich solle die Kunst auch nicht als bloße Kulisse dienen, so Sprecherin Ineke Klosterkemper, sondern bewusst wahrgenommen werden.

Kunst und Pop-up-Yoga: Straffer Ritt durch rund 250 Jahre europäische Geschichte

Die ersten 30 Minuten führt Anja Ellenberger durch die Ausstellung „Moderne Zeiten. Industrie im Blick von Malerei und Fotografie“. Es ist ein straffer Ritt durch rund 250 Jahre europäische Geschichte, aber der Kunstvermittlerin gelingt es, ihr Publikum, bestehend aus zwölf Frauen und einem Mann, durch geschickte Akzentuierung durch den Parcours zu lotsen, ohne dabei zu überfordern. Angefangen bei den „Ölschinken“ des frühen 19. Jahrhunderts, die mächtige Fabrikanlagen und ameisenkleine Arbeiter darstellen, über die Arbeiterporträts von Georg Friedrich Zundel bis zur stilprägenden Formensprache von Bernd und Hilla Becher.

Akkurat gestapelte Container und eine scheinbar keimfreie Arbeitswelt im Serverpark – im white cube, dem lichten, größten Ausstellungsraum, ist die Industrialisierung in der „cleanen“ Phase des 21. Jahrhunderts angekommen. Die „Drecksarbeit“ ist von Europa in fernere Länder ausgelagert worden. Das belegen Fotografien von der Ölkatastrophe auf der Plattform „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko, vom verlassenen Tschernobyl und von eingestürzten Fa­briken in Bangladesch. An der Zerstörung von Umwelt und Mensch durch die Industrie hat sich nichts geändert.

Der Yoga­lehrerin gelingt der Brückenschlag zum anschließenden Praxisteil

Auch wenn das Fazit der Ausstellung niederdrückend ist, gelingt der Yoga­lehrerin der Brückenschlag zum anschließenden Praxisteil. Denn im Yoga geht es um mehr als einen gesunden, geschmeidigen Körper, „es geht darum, achtsam und bewusst zu leben und dazu beizutragen, dass jeder Mensch ein besseres Leben führen kann“, sagt Jennifer Helbing zu Beginn des gut einstündigen Yoga-Flow-Kurses. Tatsächlich wirken die Eindrücke aus der Ausstellung während der Asanas (Übungen) nach, ob im „herabschauenden Hund“ oder in der „kleinen Kobra“. Und es tut gut, die Energie aus dem Kopf in den Körper zu leiten.

An diesem Abend verdecken Jalousien die Fenster über dem Lichthof; ein freier Blick in den Himmel wäre wie die kandierte Kirsche auf der Sahne gewesen. So guckt man von der Matte aus an den verglasten Büroetagen hoch und lauscht den Fahrstühlen, die auch nach 20 Uhr stetig auf- und absausen. Dort Yoga machen, wo andere arbeiten – moderne Zeiten eben.

„Kunst und Popup Yoga“ in der Ausstellung „Nolde und der Norden“: Di, 9.11., 18.20–20:30, Mi, 5.1.2022, 18.20–20.30, Yoga und Führung 25,-, www.buceriuskunstforum.de