Literaturfestival

Harbour Front Hamburg: "Literatur ist immens nachhaltig"

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Petra Bamberger ist seit 2019 im Festival-Leitungsteam.

Petra Bamberger ist seit 2019 im Festival-Leitungsteam.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Unter anderem sind Luisa Neubauer und Frank Schätzing zu Gast. Die Macherin über Literatur und Umweltschutz, Corona-Vorgaben und mehr.

Hamburg. Vom 9. September bis 24. Oktober findet die 13. Ausgabe des Harbour Front Literaturfestivals statt. Es ist wieder eine unter den Vorzeichen von Corona, wie schon im vergangenen Jahr. Aber die Umstände sind doch besser: In diesem Jahr sind ausländische Schriftstellerinnen und Schriftsteller in großer Zahl zu Gast. Das Abendblatt sprach mit Festivalmacherin Petra Bamberger über Literatur und Umweltschutz, die diesjährigen Themenschwerpunkte und eine zufällige Dominanz der Frauen.

Hamburger Abendblatt: „Harbour Front Future“ heißt eine Reihe des diesjährigen Festivals. Unter anderem treten Frank Schätzing, Maja Göpel und Luisa Neubauer in Hamburg auf. Mit dem Thema „Nachhaltigkeit“ lassen sich derzeit Bücher und Veranstaltungstickets verkaufen. Und ein Literaturfest ist ein zusätzlicher Resonanzverstärker für ein wichtiges Thema. Wie optimistisch sind Sie, dass Reihen wie diese am Ende dabei helfen, tatsächlich die Welt zu retten?

Petra Bamberger Das stimmt, es gibt zahlreiche Bücher zum Thema, es gibt aber vor allem viele Informationen und Nachrichten, die auf uns einprasseln. Und dabei fühlen wir uns doch vor allem oft hilflos und man denkt sich: Was kann ich allein denn schon ändern? Wir möchten mit Harbour Front Future Autorinnen und Autoren eine Bühne bieten, die sich intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt haben, die aber auch ganz praktisch sagen können: So geht es! Das kann jeder einzelne machen! So können wir gemeinsam etwas erreichen!

Stargast bei der Festivaleröffnung ist Frank Schätzing, der zuletzt auch ein Buch zum Thema geschrieben hat.

Frank Schätzing hat vor einigen Jahren zusammen mit dem Physiker und Wissenschaftsmoderator Rangar Yogeshwar ein Experiment zum menschlichen Schwarmverhalten durchgeführt. Das Ergebnis: Wenn ein gewisser Prozentsatz einer Gesellschaft sein Verhalten ändert, ohne dabei zu missionieren oder darüber zu sprechen, beeinflusst das die gesamte Gruppe. Im Falle des konkreten Experiments reichten zehn Prozent nonverbales Handeln aus, um die restlichen 180 Teilnehmer zum selben Bewegungsablauf zu bringen. Wenn die Festivalgäste das ein oder andere mitnehmen und umsetzen, werden sie einen Beitrag dazu leisten, dass wir gemeinsam uns darum kümmern, unsere Umwelt zu schützen. Wir sind an einem Punkt, wo jeder einzelne etwas tun muss. Und mit Harbour Front Future können wir konkret dazu beitragen - durch Informieren und Motivieren.

Wie nachhaltig ist denn das Festival?

Unser Mobilitätspartner ist BMW Hamburg. Wir haben zwei Hybridfahrzeuge in der Kernzeit des Festivals, die unsere Mitwirkenden von A nach B bringen. Viele Mitwirkenden laufen aber auch vom zentral gelegenen Hotel zu den Veranstaltungen. Alle inländischen und die meisten europäischen Gäste reisen mit dem Zug. Und übrigens: Literatur an sich ist ja immens nachhaltig. Sie prägt, bewegt, verändert.

Wie sehr begreift sich das Festival als Akteur im gesellschaftlichen Dialog?

Letztendlich greifen Bücher immer einen gesellschaftlichen Dialog auf und spiegeln die Themen, die uns bewegen. Bei Sachbüchern mit aktuellen Debattenfragen liegt das auf der Hand. Aber auch in der Belletristik werden Geschichten erzählt, die uns angehen und ein Teil eines gesellschaftlichen Dialoges sind. Tom Hillenbrand ist sehr erfolgreich mit seinen Sci-Fi-Romanen. Darin behandelt er auch sehr aktuelle Themen. Mit Stefan Schmitt wird er bei uns darüber sprechen, ob man überhaupt Zukunftsromane schreiben kann, ohne auf die Zerstörung der Umwelt einzugehen. Jenny Erpenbecks Roman „Kairos“ spielt in der Wendezeit. Und ist daher, 60 Jahre nach dem Bau der Mauer, ein Beitrag zur deutsch-deutschen Geschichte. Andreas Kossert hat mit „Flucht. Eine Menschheitsgeschichte“ ein sehr wichtiges Buch geschrieben, das er zusammen mit Olga Grjasnowa und dem bosnischen Musiker Damir Imamović bei Harbour Front Sounds vorstellt. Die Musik, die Damir spielen wird, ist von Geschichten von Geflüchteten beeinflusst. Gerade diese Wechselwirkung von Literatur und Musik kann sehr intensiv sein. Insofern begreifen wir uns im Sachbuchbereich, aber auch bei den Veranstaltungen mit belletristischen Büchern auch als einen Spiegel relevanter Themen.

Corona-bedingt ist auch diese Festivalausgabe sicher keine reine Freude, was die Organisation angeht. Helfen die Erfahrungen vom vergangenen Jahr?

Ja, wir haben es schon einmal geschafft und glückliche Künstlerinnen sowie Künstler und ein freudiges Publikum trotz Abstandsregeln und Belegungsbeschränkungen der Säle sicher zusammengebracht. Das gibt Stärke und die Gewissheit, dass wir sehr viel bewerkstelligen können. Und natürlich sind wir jetzt auch Experten darin, wie das alles geht, Hygienemaßnahmen, Nachverfolgungslisten, Saalpläne, Reisebestimmungen. Aber es bleibt trotzdem kompliziert und anstrengend.

In Hamburg fand zuletzt der „Kultursommer“ im Rahmen der pandemischen Möglichkeiten großen Anklang. Inwiefern spürten Sie als Festivalmacherin auch die Verpflichtung, Corona zu trotzen?

Trotz ist es nicht. Eher die Entscheidung für eine Unbedingtheit: Kultur trotz Corona oder besser Kultur mit Corona. Wir brauchen diesen besonderen Austausch, die Auseinandersetzung mit Themen, manchmal auch einfach Genuss und Zerstreuung. Das muss trotz allen Behinderungen und Einschränkungen möglich sein. Und Formate wie der „Kultursommer“ zeigen ja, dass es geht.

Unter den Finalisten für den Klaus-Michael Kühne-Preis sind in diesem Jahr sieben Frauen und nur ein Mann. Zufall?

Das Auswahlverfahren verteilt sich auf zwei Jurys. Die sogenannte Vorjury, sie besteht aus drei Frauen und zwei Männern, wählt die acht Romane für die Teilnahme an den Debütantensalons nur aufgrund der Texte aus. Es spielen weder das Geschlecht noch die Namhaftigkeit von Autor oder Autorin eine Rolle, auch nicht der Verlag oder ein Buchcover. Es geht ganz allein um die literarische Qualität. Die Hauptjury wählt dann aus den acht Teilnehmern den besten Debütroman des Jahres aus. Sie ist bei den Salons anwesend, hat also nicht nur die mittlerweile gedruckten Bücher gelesen, sondern sieht auch, ob da ein Mann oder eine Frau auf der Bühne sitzt, hört sie lesen und erlebt sie im Gespräch. Insofern ist es nicht nur Zufall, sondern vor allem auch interessant, dass sieben der acht Texte von Frauen geschrieben sind und in den Augen der Vorjury die besten Debütromane des Jahres verfasst haben.

Spielten denn geschlechterspezifische Überlegungen bei der Planung des Festivals zuletzt eine größere Rolle als unter Umständen noch vorher?

Wir achten sehr genau darauf, dass die Autorinnen und Autoren und ihre Gesprächspartner gut zusammen passen. Wir besetzen so, dass es interessante, inspirierende Paarungen sind. Auch bei den Sprecherinnen und Sprechern ist es uns wichtig, dass sie jeweils den Text so präsentieren können, wie er gemeint ist. Die Besetzung dieser Parts spielt eine große und wichtige Rolle. Ich wage zu behaupten, dass sich dabei eine recht heterogene und ausgewogene Verteilung ganz von selbst ergibt.

Die Kollaboration mit der Elbphilharmonie hat sich im vergangenen Jahr als erfolgreich herausgestellt. Auch 2021 konnten Sie namhafte Akteure wie Ferdinand von Schirach, PeterLicht, Peter Sloterdijk, Willy Vlautin und Carolin Emcke gewinnen. Wird das Musik-Literatur-Doppel künftig fester Bestandteil des Harbour Front Festivals sein?

Das wünschen wir uns sehr. Harbour Front Sounds ist eine großartige Möglichkeit, verschiedene Kunst-Sparten zusammenzubringen. Literatur und Musik ergänzen und bereichern sich. Die Programmfindung und die Planungen dafür sind sehr kreativ und machen allen Beteiligten große Freude. Wir haben das Gefühl, dass sich das auf das Publikum überträgt. Harbour Front Sounds löst auch deswegen große Begeisterung aus, weil viele der Veranstaltungen speziell fürs Festival entwickelt werden und insofern nur bei uns zu erleben sind. Und das noch dazu in den großartigen Sälen von Elbphilharmonie und Laeiszhalle. Das zieht auch Künstlerinnen und Künstler nach Hamburg, die sonst nicht sehr „veranstaltungsaffin“ sind.

Wie weit nach vorne kann das Festival derzeit planen?

Eines vor allem haben wir bei den Planungen unter Pandemie-Bedingungen gelernt: Schritt für Schritt. Jetzt machen wir dieses Festival. Und dann kommt das nächste.