Ausstellung Hamburg

Söntke Campen: Malen mit dem inneren Feuer

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Vera Fengler
Söntke Campen in seinem Atelier.

Söntke Campen in seinem Atelier.

Foto: Söntke Campen

Der Künstler sorgt im Bargheer Museum im Jenischpark mit der Ausstellung „Prinzip Zufall“ für Furore.

Hamburg. War es Schicksal oder Zufall, dass Dirk Justus, Leiter des Bargheer Museums, im vergangenen Jahr auf der Suche nach talentierten Stipendiaten durch die Ateliers der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg streifte und dort eben jenen Maler entdeckte, der nun für Furore im Jenischpark sorgt? Nennen wir es einfach das „Prinzip Zufall“, so wie Söntke Campen seine aktuelle Ausstellung im Bargheer Museum betitelt.

Der 1991 im nordrhein-westfälischen Geldern Geborene ist der erste lebende Künstler, den das kleine, dem Hamburger Maler Eduard Bargheer (1901-1979) gewidmete Privatmuseum zeigt. Und es scheint genau der rechte Moment dafür, wie eine Frischzellenkur, ein „Wir sind wieder da!“, dass ausgerechnet Campen, aktuell Stipendiat der Eduard Bargheer-Stiftung zur Förderung junger Künstler, die neue, zwischen Hoffen und Bangen schwankende Ausstellungssaison dort eröffnet. Mit einer Malerei, die verblüfft und verzaubert, mit kunsthistorischen Bezügen überrascht, auch mal abstößt, dabei aber immer mitten ins Herz trifft.

Ausstellung von Söntke Campen in Hamburg: Paradiesisch anmutendes Farbenspektakel

Das Entree macht das wandfüllende Ölgemälde „Schwanengesang“: Auf den ersten Blick ist das zentrale Werk ein großes, paradiesisch anmutendes Farbenspektakel; bei näherer Betrachtung treten nacheinander Figuren heraus, die sich perspektivisch voreinander schieben. Aus dem zentralen weißen Klecks formt sich ein Schwanenkörper, und sogleich entdeckt man einen zweiten, der gerade kopfüber ins Wasser taucht. Daneben tummelt sich ein Entenpärchen, und ein Fasan steigt flatternd in den Himmel.

Faszinierend sei, wie Söntke Campen nur durch die Andeutung von Körperlichkeit es schaffe, dass wir Betrachtenden daraus etwas Reales zusammensetzen, sagt Museumsleiter Dirk Justus. „Es ist nur eine Vase zu erkennen, und schon macht unsere Wahrnehmung aus der darüberliegenden Farbexplosion Blumen.“ Ausgangspunkt mögen die Erinnerungen und Eindrücke des Künstlers sein; die durch ihn geschaffenen Bilder sind dabei aber so frei und flüchtig, dass sie Bezüge zur jeweils eigenen Geschichte herstellen. Das macht sie so zeitgemäß und emotional erlebbar.

Freude am Schaffensprozess

In seinem Leipziger Atelier oder an der HAW in Hamburg, wo sich Söntke Campen im Illustrationsstudiengang eingeschrieben hat, ist es vor allem „die Freude am Schaffensprozess“, die seine Bilder zu dem machen, was sie sind: Campen arbeitet mit Acryl- und Ölfarben, aber auch mit Sprühfarbe, Lacken und Kreide, er benutzt grobe Baumarktpinsel und die Hände, die Leinwand wird umgedreht, auf den Boden geworfen oder auch mal mit Wasser übergossen. „Dann folgt ein Moment der Ruhe und Betrachtung. Erste Figurationen werden entdeckt und ausgearbeitet oder wieder zerstört. Es kommt der Zufall hinzu. Dieser wird zur Absicht, wenn ich etwas stehen lasse.“ Er nennt es „das gewaltige Jetzt festhalten“.

Seinen Expressionismus bezeichnet Campen „als eine Geisteshaltung, die ihren Weg über die Bewegung und über den Körper findet“ – eine Parallele zu Eduard Bargheer, der in seinem Frühwerk ebenfalls expressionistisch malte. Der malerische Akt als verdichtetes Leben, ein Schwebezustand, bei dem der Künstler die Fäden aus der Hand gibt, ihm etwas entweicht, er von der Abstraktion in die Figürlichkeit gleitet. Campen nutzt die außenstehende Position, die Malerei heute in einer Welt hat, in der alles rational zu erklären scheint, um innere Bilder zu kreieren. „Wahrheit, Realität und Wirklichkeit sind subjektiver denn je“, so Campen.

Großen Raum in der Ausstellung nehmen die Kofferbilder ein

Großen Raum in der Ausstellung nehmen die sogenannten Kofferbilder ein: Vorlage für diese intim scheinenden Porträts waren historische Fotografien, die der Maler zufällig in einem Koffer auf einem Dachboden im ostfriesischen Aurich entdeckte. So wird etwa das vergilbte Bild einer Fußballmannschaft zum großformatigen Gemälde mit dem anspielungsreichen Titel „Elf Millionäre sollt ihr sein“.

Stilistisch nähern sich diese Bilder deutlich Gerhard Richter an, der ebenfalls fotografische Vorlagen benutzte. In „Beuys“ wird eine andere Malerpersönlichkeit ganz gezielt verbildlicht: Die signifikante Silhouette mit Hut schälte sich erst zufällig heraus, dann habe er sich an die Fernseh-Talkrunden der 1980er erinnert und diese leicht ausformuliert, so Campen.

Wieder andere Arbeiten sind betont abstrakt und ziehen die Betrachtenden durch Farbintensität und Komposition hinein, etwa „End Of The World Of Fashion“, „Köstliche Intelligenz“ oder „Der Traum vom Fliegen“.

Eine feste Galerie hat Söntke Campen nicht

Eine feste Galerie, die ihn vertritt, hat Söntke Campen nicht. Obwohl noch in der Ausbildung befindlich, hat der Maler schon einige öffentliche Aufträge erhalten: 2019 wurde in der St. Magnus Kirche in Tating das Tryptichon „Apotheosis“, das er zusammen mit der Künstlerin Kasia Kohl geschaffen hat, installiert. In Leipzig wurde kürzlich sein verstörendes Bild „Battaglia“ auf das Völkerschlachtdenkmal projiziert.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Es sei gerade eine „Zeit des Neuanfangs und des Aufbaus, wie sie nach epochalen Großereignissen und Umbrüchen eine besondere Blüte entfalten kann“, sagt der Künstler mit Blick auf die Pandemie. Mittels der Bildschaffung wolle er „die Wirklichkeit in Frage stellen und so erweitern. Das klingt ambitioniert, doch es ist mein Weg, das innere Feuer nach außen zu tragen. Ich bin erst am Anfang. Das wahrhaftigste Bild habe ich noch nicht gemalt.“

„Söntke Campen. Prinzip Zufall“, bis 10.10., Bargheer Museum, Hochrad 75 (Jenischpark), Di-So 11.00-18.00, bargheer-museum.de