Konzert

Ein Orchester aus Jerusalem in der Elbphilharmonie

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Verena Fischer-Zernin
Steven Sloane, momentan noch Generalmusikdirektor der Bochumer Symphoniker, übernahm 2020 die Leitung des Jerusalem Symphony Orchestra. Nun spielt das Orchester in der Elbphilharmonie.

Steven Sloane, momentan noch Generalmusikdirektor der Bochumer Symphoniker, übernahm 2020 die Leitung des Jerusalem Symphony Orchestra. Nun spielt das Orchester in der Elbphilharmonie.

Foto: Christoph Fein

Als erstes voll besetztes Sinfonieorchester aus dem Ausland seit der Pandemie gastieren die Musiker am Sonnabend in Hamburg.

Hamburg/Jerusalem. Volles Haus, volle Bühne, keinerlei Einschränkungen, keine Maske weit und breit – ein solches Konzert ist für uns derzeit unvorstellbar, Neustart hin oder her. Anders in Israel. Dort hat das Jerusalem Symphony Orchestra am Mittwoch zum ersten Mal wieder ein Konzert gegeben, wie es vor der Pandemie normal war.

Das Leben ist immer anstrengend in Israel. Aber die zurückliegenden Monate waren extrem. Wesentlich gedrängter als in Deutschland erlebte die Bevölkerung dort das Auf und Ab der Corona-Krise, mit dramatisch gezackten Kurven, unerbittlichem Lockdown und einem beeindruckenden Impf-Sprint. Dazu im Mai der jüngste Gaza-Konflikt, gleichsam eine blutige Kurzfassung des Nahostkonflikts. Doch selbst diese konkrete Bedrohung für Leib und Leben scheint (vorerst) schon Vergangenheit zu sein. Der aktuelle Aufreger ist die neue, buntscheckige Regierung, und auch sonst geht der Alltag im gewohnt hohen Tempo weiter.

Jerusalem Symphony Orchestra auf Deutschlandtournee

Aus seiner wiedergewonnenen Normalität bricht das Jerusalem Symphony Orchestra zu einer Deutschlandtournee auf. Anlass ist das Jubiläum „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Als erstes voll besetztes Sinfonieorchester aus dem Ausland seit der Pandemie gastieren die Musiker am Sonnabend in der Elbphilharmonie. Auf dem corona-kompakten Programm des Doppeltermins (18.30 und 21 Uhr) stehen „Akeda“ von Noam Sheriff aus dem Jahre 1998, Beethovens 4. Klavierkonzert mit der Solistin Elisabeth Leonskaja und Strawinskys „Feuervogel“. Die Leitung hat Chefdirigent Steven Sloane.

Die Elbphilharmonie wollte das Orchester schon länger einladen, aber es war kein Termin frei. Vor drei Wochen ergab sich durch die Absage eines anderen Orchesters die Chance, die Einladung auszusprechen. Was es bedeutet, in so kurzer Zeit für Dutzende von Menschen Flüge und Hotels zu buchen, die Corona-Bestimmungen im Auge zu behalten – das gesamte Orchester ist geimpft, aber dennoch – und die Importbestimmungen für geschützte Materialien, die in den Musikinstrumenten verbaut sein könnten, und vieles andere, das ahnen wohl nur Eingeweihte.

Streng religiöse Mitglieder sind in Hamburg nicht dabei

„Wir fanden es äußerst wichtig, das Konzert mit diesem Programm zu realisieren und die musikalische Qualität des Orchesters zu präsentieren“, sagt Sloane. So wichtig, dass sie den Termin an einem Sonnabend in Kauf nahmen. Auch wenn deshalb die streng religiösen Mitglieder in Hamburg nicht dabei sind. Sabbat ist Sabbat.

Ein Orchester aus Jerusalem, das ist etwas so Besonderes wie die Stadt selbst. Religiöse Juden, säkulare Juden und Muslime leben dort auf wenigen Qua­dratkilometern zusammen, zudem Anhänger zahlreicher anderer Weltreligionen. Es gibt wohl keinen Ort, der mehr Sedimentschichten an Weltgeschichte aufweist. „Jerusalem ist in gewisser Hinsicht die Hauptstadt der Welt“, sagt Sloane, „Ich glaube, wir haben eine Aufgabe als Botschafter.“

Wurzeln des Orchesters reichen zurück bis ins Jahr 1936

Die Wurzeln des Orchesters reichen zurück bis ins Jahr 1936. Damals ging der Palestine Broadcasting Service der britischen Mandatsregierung an den Start, musikalisch unterstützt vom neu gegründeten Chamber Orchestra of the Palestine Broadcasting Service. Über die Jahrzehnte hat sich das Ensemble zum Rundfunk-Sinfonieorchester gemausert, dem heutigen Jerusalem Symphony Orchestra.

Einen Schwerpunkt im Repertoire bilden Werke aus Israel. Noam Sheriff (1935-2018) war einer der führenden Komponisten des Landes. Seine Musik verbindet Einflüsse aus Ost und West; Sheriff verstand sich als Vermittler zwischen Klängen der Mittelmeerländer, die ihre Wurzeln in der Antike haben, und der klassischen abendländischen Musik.

Für Elisabeth Leonskaja ist es der erste Auftritt mit dem Orchester

„Akeda“, das in der Elbphilharmonie erklingt, heißt übersetzt „Die Opferung Isaaks“. Sheriff schrieb es in Erinnerung an den 1995 von einem religiösen Eiferer ermordeten Ministerpräsidenten und Friedensnobelpreisträger Jitzchak Rabin. Am Ende flüstern die Orchestermusiker die Bitte um „pacem“ (Frieden). In Israel ist eine solche Bitte nicht wohlfeil, sondern bringt die Not der ganzen Region auf einen Begriff.

Für die Solistin des Beethoven-Konzerts Elisabeth Leonskaja ist es die erste Zusammenarbeit mit dem Orchester. „Ich freue mich sehr darauf, mit Kollegen aus Israel zu musizieren“, sagt sie. „Es gibt viele russische Musiker dort. Russische Schule, das ist das Feinste vom Feinsten.“ Selbst Russin mit jüdischen Wurzeln, bezieht sich die Pianistin auf eine faszinierende Eigenheit des kleinen Landes: Es bewahrt bis heute Traditionen, die die Menschen aus ihren Herkunftsländern mitbrachten.

Religion ist im Orchesterleben präsent

Im Jerusalem Symphony Orchestra spielen Musiker, die in Israel geboren und aufgewachsen sind, aber auch Einwanderer aus vielen Ländern der Welt. Dass zurzeit keine arabischen Musiker dabei sind, ist dem Dirigenten Sloane zufolge reiner Zufall: „Wir sind offen für Musiker jeglicher Herkunft und religiöser Orientierung.“

Genauso heterogen wie die Herkunft sind die Glaubensrichtungen und Weltanschauungen der Musiker. Säkular, nationalreligiös oder ultraorthodox sind nur grobe Unterteilungen. „70 Leute, 80 Strömungen“, kommentiert die Konzertmeisterin Jenny Hünigen und lacht. Religion sei im Orchesterleben ganz selbstverständlich präsent: „Es ist normal, dass manche Musiker zwischendurch beten, in Probenpausen etwa oder im Orchesterbus.“

Vielfalt zeichne das Jerusalem Symphony Orchestra aus

Was am Jerusalem Symphony Orchestra anders ist, kann Hünigen aus der Innenansicht beurteilen, denn sie hat den Vergleich. Sie kommt aus Berlin. Dort hat sie studiert und als junge Musikerin bei den Berliner Philharmonikern und der Staatskapelle Berlin gespielt, bevor sie sich 2004 beim Jerusalem Symphony Orchestra bewarb. „Die Stelle musste ich unbedingt haben“, erzählt sie. „Israel hat mich schon immer fasziniert mit all den unterschiedlichen Einflüssen, die hier wirken.“

Diese Vielfalt zeichne auch das Jerusalem Symphony Orchestra aus. „Weil die Musiker so unterschiedliche Hintergründe haben, gibt es keine einheitliche Schule und keinen einheitlichen Spielstil, sondern ein riesiges Spektrum an klanglichen und stilistischen Vorstellungen. Das ist eine Herausforderung für die Gestaltung, aber es führt auch zu einem großen Klangreichtum und einer enormen Anpassungsfähigkeit.“ Klingt, als wären da viel Temperament und Spontaneität im Spiel. Und genau darum geht es doch – auch – in der Musik.