St. Pauli Theater

Nach 30 Jahren: Tim Fischer gibt wieder die Zarah Leander

| Lesedauer: 9 Minuten
Stefan Reckziegel
Rote Lippen, rote Perücke, schwarze Federboa: Tim Fischer (48) verwandelt sich für sein neues Programm komplett in die Diva Zarah Leander.

Rote Lippen, rote Perücke, schwarze Federboa: Tim Fischer (48) verwandelt sich für sein neues Programm komplett in die Diva Zarah Leander.

Foto: Foto: Tine Acke

Kurz vor dem 40. Todestag der Film-Diva schlüpft der Chansonnier zum zweiten Mal in die Rolle von Zarah Leander.

Hamburg.  Im Hof weist ein Schild darauf hin, dass ab 22 Uhr Ruhe zu herrschen habe. Hier, zwischen Spielbudenplatz und Kastanienallee, gleich hinter dem St. Pauli Theater, ist schon nach so mancher Premiere angestoßen worden. An diesem Nachmittag herrscht erstmals seit Langem an und in Hamburgs ältestem Privattheater wieder reges Treiben. Mit Wasser, Kaffee und Zigaretten.

Techniker und Musiker treffen ein, Tim Fischer und Dania Hohmann treten heraus. Der künstlerische Leiter Ulrich Waller fehlt zwar noch, doch gemeinsam haben sie etwas ausgeheckt. Etwas Altes und zugleich Neues. Es dreht sich um Zarah Leander.

Die Rolle der Zarah Leander war Tim Fischers Durchbruch

Mit einem Programm über die frühere Ufa-Ikone hatte der junge Tim vor 30 Jahren gleich nebenan im alten und engen Schmidt Theater erste Erfolge gefeiert. Mehr noch: „Zarah ohne Kleid“ war für den gerade einmal 17-Jährigen der Durchbruch als Chansonnier. Ohne Maskerade, Verkleidung, allenfalls mit etwas rotem Lippenstift und mit dem typischen dunklen Timbre der Leander ließ der androgyne Jüngling aus der niedersächsischen Provinz hier aufhorchen, ehe ihn seine keinesfalls nur steile Karriere nach knapp zwei Jahren in der Hansestadt weiter nach Berlin führte.

In den vergangenen Monaten hat sich der gereifte Künstler Fischer noch einmal Zarah Leander (1907–1981) gewidmet. Jener schwedischen Schauspielerin und Sängerin, die als Filmdarstellerin ein Star im Nazi-Deutschland war.

Tim Fischers Neustart auf der Bühne musste länger auf sich warten lassen

Als das St. Pauli Theater im Frühherbst 2020 anfragte, ob er wieder hier auftreten wolle, zeichnete sich ab, dass die Corona-Pandemie nicht vorbei sein würde und nur Produktionen mit kleiner Besetzung und großem Abstand möglich sein würden.

Sein gefeiertes Premieren-Gastspiel im von Ulrich Waller und Thomas Collien betriebenen Hansa-Theater als „Cabaret“-Conférencier hatte der Schauspieler und Sänger im März vorigen Jahres abbrechen müssen. Nun hat es noch länger gedauert als erwartet bis zu Fischers Neustart auf einer Bühne. Doch hat nicht auch ein Star wie die Leander immer mal wieder gern auf sich warten lassen?

Im St. Pauli Theater findet Zarah Leanders fiktive Konzertprobe statt

Vom Freitag, 11. Juni, an heißt es für Tim Fischer „Ich bin die Leander – Zarah auf Probe“. Ein schönes kleines doppeldeutiges Wortspiel. Die fiktive Konzertprobe im Hamburg des Jahres 1948 bildet den Rahmen für einen szenischen Liederabend, für ein Stück Musiktheater, mit dem alle Beteiligten versuchen wollen, neue Blicke auf den Star von anno dazumal zu werfen. Dass sich Leanders Todestag am 23. Juni zum 40. Mal jährt, ist ein weiterer passender historischer Aufhänger.

„Es war uns wichtig, dass Tim den ganzen Abend in der Figur bleibt“, sagt Dania Hohmann, die das Stück mit Waller realisiert. Das Programm solle weder pure Nostalgie noch flapsige Parodie sein, ergänzt Fischer. Zarah Leander, die eigentlich Sara Stina Hedberg hieß, war von 1942 an in „Zwangsquarantäne“, wie es Tim Fischer ausdrückt. „Sie war Bühnengift.“ Nach ihrem letzten Drehtag für einen Film am 10. November 1942 hatte die Leander Deutschland verlassen und war von Berlin aus nach Schweden zurückgekehrt.

"Ich bin die Leander – Zarah auf Probe" hat einen realen Hintergrunde

Wie erging es der einst Gefeierten nach dieser langen Bühnenpause? Das haben sich Fischer und sein Co-Autor Ulrich Heissig gefragt, in Kleinkunstkreisen bekannt mit seiner musikkabarettistischen Figur Irmgard Knef, der fiktiven Schwester der großen Diva Hilde­gard Knef.

Die Leander arbeitete nach dem Zweiten Weltkrieg meist als Sängerin in Schweden, Deutschland und Österreich. Eine Urgroßmutter aus der väterlichen Linie stammte aus Hamburg. Und hier steht Zarah nun – das als realer Hintergrund – vor ihrer Tournee im Nachkriegs-Deutschland.

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Dass die Leander in den 50er-Jahren mehrmals im legendären Varieté-Theater Haus Vaterland am Ballindamm auftrat – heute Standort der Europa-Passage – und Thomas Colliens Großvater Kurt ihr 1968 mit „Wodka für die Königin“ ein satirisches Musical für das Operettenhaus auf den recht kleinen Leib schreiben ließ, soll im neuen Programm indes keine Rolle spielen.

Tim Fischer sagt: "Zarah war meine dritte Großmutter"

Woher aber rührt Fischers Interesse, seine Bewunderung für die Diva Leander? „Zarah war meine dritte Großmutter“, sagt er. „Und meine norwegische Großmutter war für mich ein Ufa-Star.“ Der Mehrfach-Enkel zückt sein Smartphone und zeigt ein Foto von sich in seinem Kinderzimmer – umgeben von Zarah-Leander-Postern und -Bildern. Schon ungewöhnlich für einen damals 13-Jährigen!

Beim Abstecher in die Garderobe des St. Pauli Theaters weist Fischer auf das rote Sofa. Ein historisches Möbelstück, aber noch nicht ganz durchgesessen. Darauf habe schon Marika Rökk Platz genommen, erzählt er. Und die ungarische Filmdiva, Sängerin und Tänzerin habe er noch selbst im St. Pauli Theater erlebt, weil ihm seine Mutter zu seinem 15. Geburtstag den Wunsch nach einer Eintrittskarte erfüllte.

Marika Rökk hatte sich bekanntlich mit den nationalsozialistischen Machthabern arrangiert; die Leander sah sich immer als unpolitische Künstlerin, meint Fischer. Für den homosexuellen Texter Bruno Balz jedoch habe sie sich zusammen mit dem Komponisten Michal Jary eingesetzt. Balz schrieb für Leander Welterfolge wie „Der Wind hat mir ein Lied erzählt“, „Kann denn Liebe Sünde sein?“ und „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“.

Corona-Regeln: Singen darf Tim Fischer nur von weiter hinten

Zwei Paar schwarze Pumps stehen in der Garderobe für Fischer bereit, das Kleid für die Bühne indes fehlt noch. Von draußen ist plötzlich die „Wunder“-Melodie zu hören. Pianist Mathias Weibrich spielt sich schon mal warm – an diesem Nachmittag steht der erste Soundcheck im Theatersaal an.

Kontrabassist Oliver Potratz und zwei weitere Musikerkollegen haben auf der erhöhten Bühne Platz genommen. Fischer vertraut dem musikalischen Leiter. Mit ihm und einem großen Orchester hat er vor einem Jahr in der Hauptstadt sein famoses Album „Cabaret Berlin“ eingespielt. Dania Hohmann hat derweil im Saal Platz genommen. „Wir haben bei der Planung immer darauf geachtet, dass alle auf der Bühne genug Abstand zueinander haben“, erläutert die Co-Realisatorin. Singen darf Tim Fischer nur von der erhöhten hinteren Bühne, sprechen auch von der vorderen, so ist er näher beim Publikum.

21 aus mehr als 400 vorgeschlagenen Zarah-Leander-Songs im Programm

Im Saal sind Sitze noch mit Plastikplanen abgedeckt, auch wenn bei „Ich bin die Leander“ das sogenannte Schachbrettmuster gelten wird. „Dreiundzwanzig!“, „Vierundzwanzig!“ Der Zahlencode, den die Techniker durch den Saal rufen, steht für bestimmte Lichteinstellungen des geplanten Abends.

Und, wer bietet mehr? „Achtundzwanzig!“, ruft eine Lichttechnikerin aus dem zweiten Rang. Immerhin 21 Lieder haben Hohmann, Waller und Fischer für das neue Stück Musiktheater erwählt. Mit 400 Leander-Songs war der Chanson-Star auf das Duo zugekommen. Es war nur eine Auswahl ihres Repertoires.

Tim Fischer wird die vielen Facetten der Zarah Leander zeigen

Fischer hat die Maske abgelegt. Noch ohne Kostüm steht er vorm Retro-Mikrofon und redet sich warm. Mit dem typischen dunklen Leander-Timbre begrüßt er die Vier-Mann-Band um den musikalischen Leiter Potratz. „Es ist mir eine Ehre, mich von solchen Musikern begleiten lassen zu dürfen.“ Er schwadroniert – um gleich danach noch etwas böser zu werden: „Es ist schön, hier zwei Flügel zu sehen. In meiner Villa in Dahlem stand nur noch der West-Flügel ...“ Diese bittere (Selbst-)Ironie soll nur einen Teil des Theaterabends ausmachen. Die Leander hatte viele Facetten.

Fischer wird sie zeigen, gewiss. 30 Jahre nach seiner Bühnen-Premiere nebenan im alten Schmidt hat der begnadete Chansonnier die Diva noch mal neu kennengelernt.

„Ich bin die Leander – Zarah auf Probe“ Uraufführung 11.6., bis 20.6., und 1. bis 5.9., jew. 19.30, St. Pauli Theater (S Reeperbahn), Spielbudenplatz 29/30, Karten zu 36,90 bis 46,90 in der Abendblatt-Geschäftsstelle, Gr. Burstah 18-32, Karten: T. 30 30 98 98