Theaterkritik

Thalia Theater macht Remmidemmi mit „Pippi Langstrumpf“

| Lesedauer: 6 Minuten
Barbara Nüsse (78) streckt als Pippi Langstrumpf dem Alter die Zunge heraus.

Barbara Nüsse (78) streckt als Pippi Langstrumpf dem Alter die Zunge heraus.

Foto: Armin Smailovic

Zur Wiedereröffnung des Theaters zeigt Jette Steckel eine knallbunte, höchst anarchische Version des Lindgren-Klassikers.

Hamburg.  Was für ein Glück, dass es Krummeluspillen gibt. Sie sehen aus wie Erbsen, sind aber natürlich absolut keine, und wer sie schluckt („Liebe kleine Krummelus, niemals will ich werden gruß!“), bleibt ein Kind. Und das ist ja so ziemlich das Beste, was einem passieren kann. Nun soll es Menschen geben, die glauben tatsächlich, Astrid Lindgren hätte damals offengelassen, ob diese Pillen wirklich wirken, als sie Pippi Langstrumpf und ihre Freunde Annika und Tommy am Ende von „Pippi im Taka-Tuka-Land“ damit versorgte. Unsinn. Selbstverständlich wirken sie. Am Thalia Theater (und höchstwahrscheinlich auch an den allermeisten anderen Bühnen) lagern sie säckeweise auf dem Dachboden!

Nur so ist doch zu erklären, dass Schauspieler sich nicht nur das Kindliche bewahren, sondern es ausleben und weiterreichen und teilen, und dass es natürlich vollkommen egal ist, ob man neun Jahre alt ist oder zum Beispiel 78, wenn man gerade das stärkste sommersprossige rotbezopfte Mädchen der Welt sein kann und Lust hat, ein bisschen rückwärts zu laufen. Die Leute „in Anderswo“ tun das alle naselang.

Pippi Langstrumpf: Was auf der Bühne behauptet wird, ist wahr

Was für ein Geschenk also, dass die Regisseurin Jette Steckel ausgerechnet mit „Pippi Langstrumpf“ das Thalia Theater nach der siebenmonatigen Corona-Schließung wiedereröffnet. Mit einer Figur, deren Leben sich um die Behauptung dreht („In mir blubbern so viele Lügen!“), die sich selbst aber längst aus der puren Behauptung emanzipiert hat (oder meint jemand ernsthaft, dass es Pippi „eigentlich nicht gibt“). Genau darum geht es doch auch am Theater: Was auf der Bühne behauptet wird, ist wahr, wenigstens für den Moment, den man dafür miteinander verabredet hat.

„Liebe Menschen“, begrüßt die Schauspielerin Barbara Nüsse, die sich rasant als Idealbesetzung erweisen wird, das Publikum; mit ihrem nach hinten gebundenen Kopftuch ist sie zunächst unschwer als Astrid Lindgren zu erkennen. Die Verabredung des Abends schnörkelt sie mit Kreide direkt auf den Eisernen Vorhang, hinter dem sich schon bald eben diese auftun wird: „Villa Kunterbunt“. Und was für eine tolle, vollkommen schwedenkitschfreie Nicht-„Villa“ der Bühnenbildner Florian Lösche da erfunden hat! Ein flexibles Spukhaus, ein offenes Labyrinth, eine testbildgestreifte Gummizelle aus elastischen Farbbändern, durch die man hierhin und dorthin entschwindet, die einen verschluckt oder verheddert, und bei der man wie Alice durch den Kaninchenbau ins Wunderland hineinplumpsen kann.

Thomas und Annika sind ziemlich überspannt

Genau das passiert Annika und Thomas, und sie haben es durchaus nötig. Nicht „wohlerzogen“, bürgerlich und zurückhaltend sind diese Nachbarsgeschwister nämlich, sondern ziemlich überspannt. Maja Schöne gibt als Annika eine markant-verdruckste Exzentrikerin im knallroten Einteiler, Ole Lagerpusch überdreht als Tommy derart hingebungsvoll, dass er es, Achtung Ebenenwechsel, raffiniert auf Corona schiebt und dafür Szenenapplaus kassiert: „Was soll ich denn machen, meine letzte Vorstellung war am 11. März 2020!“

„Tideldipamm“, hält Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Ephraimstochter Langstrumpf der Aufregung gelassen dagegen, und das klingt von Beginn an nach der richtigen Einstellung. Dieses Mädchen ficht so schnell nichts an. Sie ist – trotz oder gerade wegen der brillanten Besetzung mit einer Schauspielerin, die sogar älter ist als die literarische Vorlage, die also Pippi und deren Schöpferin in einer Person verkörpert – alterslos und altersweise zugleich.

Sie ist unbekümmert, aber (das ist vielleicht der größte Unterschied zu Buch und Film) strahlt doch eine Melancholie, eine Herbheit aus. Die schmale, burschikose Barbara Nüsse erlaubt dem stärksten Mädchen der Welt eine durchscheinende Zerbrechlichkeit, die Botschaften auf ihren Kitteln (Kostüme: Sibylle Wallum) sind „Love – Hug“, eine der Konvention ausgestreckte Strick-Zunge, aber auch „Fragile“. Sie bezwingt ihre Monster nicht, sie lebt mit ihnen. Und wie!

Jette Steckel erzählt hier kein erbauliches Kindermärchen (nicht, dass „Pippi Langstrumpf“ jemals nur das gewesen wäre). Sie lädt mit musikalischer Unterstützung von Deichkind, Inga Humpe und anderen (arrangiert und live begleitet von Arne Bischoff und Felix Weigt) zu „Remmidemmi“ und „Spunk für alle“ ein, einer anarchischen Version der wohlbekannten Geschichte, die dadurch nur stellenweise etwas ausleiert. Aber das stört keinen großen Geist.

SWAT-Team statt Kleinstadtwachtmeister

Die berühmte Titelmelodie wird nur ganz kurz zitiert, lieber tanzen alle entfesselt im Viereck und lehnen sich gegen die Obrigkeit auf, die mal als Dame von der Volksfürsorge, mal als vertrottelte Dorfsheriffs daherkommt. Wobei – statt schwedischer Kleinstadtwachtmeister schickt Jette Steckel ein vollausgerüstetes SWAT-Team in den pädagogischen Nahkampf. Wo Betulichkeit drohen könnte, bricht sie diese Gefahr gewissenhaft. Und wenn es doch mal altjüngferlich zugehen darf, dann mit Karacho: Frau Prysselius wird von Julian Greis als moralische Dampfwalze mit herrlich knalliger Komik gespielt.

Diese „Pippi“-Inszenierung ist wie ein Kindergeburtstag auf Speed und auch ein Fest für die (vermeintlichen) Nebendarsteller. Bernd Grawert zieht als Kleiner Onkel das Keyboard hinter sich her, André Szymanski hat kaum Text, zeigt als Herr Nilsson aber volle körperliche Präsenz. Die Ganoven kommen als smarte Warhol-Wiedergänger in Tarnstreifenanzügen daher, eine „staarke“ Näselnummer von Ole Lagerpusch. Seinen stärksten Solo-Auftritt allerdings zeigt Lagerpusch („Ich hab’ so Bock!“) mit dem sensationell gerappten „Lied vom Spunk“. Das hätte man als Zugabe gern noch einmal gehört. Dafür hat Jan Plewka noch einen „Pippi Song“ über und eilt nach dem Schlussapplaus für ein gefeiertes Überraschungs-Live-Ständchen aus der Loge auf die Bühne.

Es ist für alle das erste Mal, nach vielen Monaten der Stille. Das Publikum, junges wie gereifteres, ist selig, das Ensemble ist es auch, und die belebende Wirkung der Krummeluspillen hält auch am Folgetag noch spürbar an.

„Pippi Langstrumpf“ am Thalia Theater (ab 8 Jahre) läuft wieder am 20.6., Restkarten unter T. 328 14-444 und www.thalia-theater.de