Theaterkritik

Jelinek-Premiere in Hamburg: Hüttn-Gaudi und Sauerei

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Hüttn-Gaudi mit ausgelassener Sauerei: In „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“ zeigt die Menschheit auf der Bühne des Schauspielhauses ihr wahres Gesicht.

Hüttn-Gaudi mit ausgelassener Sauerei: In „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“ zeigt die Menschheit auf der Bühne des Schauspielhauses ihr wahres Gesicht.

Foto: Matthias Horn

Uraufführung von Elfriede Jelineks „Lärm“ im Schauspielhaus als effektvolle Groteske. Das Publikum jubelt – und trägt Schutzmasken.

Hamburg.  Düstere Zeiten. Stockduster, um genau zu sein. Sogar die grün leuchtenden „Exit“-Lämpchen über den Rangtüren werden – während sich doch alle nach einem Ausweg aus dieser Krise sehnen! – mit blickdichten Kästen abgedeckt. Dass das Deutsche Schauspielhaus zur Uraufführung eines neuen Theatertexts von Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, inszeniert von der Intendantin Karin Beier, coronabedingt nicht mal zur Hälfte besetzt sein darf, ist nicht mehr zu sehen.

Auch nicht die trauerschwarzen Hussen über den leer bleibenden Plätzen oder die neongelben Armbändchen, die alle Geimpften, Genesenen und Getesteten am Einlass bekommen, sobald sie ihr Zertifikat vorzeigen. Der über Monate schmerzlich vermisste Theatersaal – im Black. Dann legt sie los, die geballte Corona-Kakophonie.

„Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“ in Hamburg

„Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“ heißt der Abend, und tatsächlich geht es erst einmal ums Hören. Geraune, Gewisper, Geplapper füllen den Raum: „Glauben Sie keinen Gerüchten“, und immer wieder schreit Jack Nicholson eines der bekanntesten Zitate der Filmgeschichte ins Dunkel: „Sie können die Wahrheit doch gar nicht vertragen!“

Bloß – was ist denn die Wahrheit? Verbirgt sie sich hinter Verlockungen wie „Tauchen Sie Ihr geneigtes Ohr lieber bei uns ein!“ oder hinter Satzanfängen wie „Ich bin kein Coronaleugner, aber...“? Findet die neueste Unverschämtheit des früheren Verfassungsschutzchefs Maaßen auf der Bühne statt, oder hat man das („Zufall oder Chiffre?“) auf dem Hinweg auf Twitter gelesen? „Man muss sich mit den Beschäftigungslosen beschäftigen“, heißt es jedenfalls bei Jelinek. Ihr Stück ist wie ein (wenn auch wenig sentimentales) Zappen durch ein zu neuem Leben erwecktes Fotoalbum der vergangenen anderthalb Jahre. Manche Querdenker-Groteske (Jana aus Kassel) hatte man schon fast vergessen, heraufbeschworen im archaischen Tanzritual wird nun alles von Männern in Strohmasken.

Laschet, Spahn und Merkel auf Bildschirmen

Corona – und was dann geschah. Laschet, Spahn, Merkel (tatsächlich in dieser Reihenfolge), Drosten mit Laseraugen auf großen Bildschirmen. Abgedriftete Popbarden, vegane Köche und Schlagerfuzzis. Die banale Erkenntnis „Einkaufen wird zum Abenteuer“, das Klatschen für stille Helden, die antisemitischen Ausfälle. Schon für die Pest wurden die Juden verantwortlich gemacht, jetzt fallen die Blicke in dieselbe Richtung. Kneipengelaber in holzvertäfelten Après-Ski-Hütten, die schon aussehen wie Ställe (und manchmal auch so heißen), kein Wunder, dass sie sich irgendwann mit Sauereien füllen.

Amüsiergewohnte Kerle, die wahrscheinlich schon in früheren Jahren „mit Skiern aufgebrochen und mit einer Krankheit zurückgekommen“ sind, treffen auf eine glamouröse Eva Mattes als rothaarige Glitzer-Trash-Circe („Eine Göttin, ein Weib, ein Virus!“) und diverse willige Plastikpüppchen. Jelinek überschreibt das Tiroler Superspreader-Treiben der jüngsten Vergangenheit mit Homers antiker „Odyssee“. Ekstase ohne Anstand und Abstand (verblüffenderweise auch auf der Bühne), Dekadenz und Orgien, die gnadenlos bestraft werden. Bei Homer und im wahren Leben.

Hüttn-Gaudi-Architektur wandelt sich zu Schlachthof

Anspielungen auf Aluhüte finden sich auch optisch in den dickgesteppten Alujacken und geschmacklos glänzenden Silberanoraks und Moonboots (Kostüme: Wicke Naujoks). Den entfesselten Männern (laut Mythologie von Circe verwandelt) wachsen alsbald rosige Rüssel und Schweineöhrchen. Das Innere kehrt sich nach Außen. Jelinek spielt wie stets ein munteres Assoziationsspiel, und Beier lässt ihr bald schweißgebadetes Ensemble dabei ausgelassen zum Blasmusik-Techno feierwüten, schließlich hängt doch alles mit allem zusammen, hier und sowieso: „Ischgl – Disco – Rudern – Griechen – Odyssee“. Na bitte!

Doch der Hades wartet schon. Und Duri Bischoffs heimelige Hüttn-Gaudi-Architektur, auf der man schon vorher reichlich nacktes Fleisch bewundern konnte, wandelt sich endgültig zum Schlachthof. Die ungezügelte Menschheit zeigt ihr wahres Gesicht, die Partymeute ist endgültig zu Schweinen mutiert, und für die ist (da wären wir nahezu zeitgleich bei den Ausbeuter-Arbeitsbedingungen von Tönnies und Orwells „Animal Farm“) wahrlich kein schönes Schicksal vorgesehen. Lustvoll durchwühlt Circe den Hack-Trog, die schockierend ausführlichen Schlachtfabrikszenen (Video: Severin Renke) sind eher nichts für schwache Nerven. Aber was soll man machen, das war die Hölle ja noch nie.

Sexpuppen geht die Luft aus

Dass den Sexpuppen beim Malträtieren und Löcher-Suchen (der Ischgl-Schuppen hieß tatsächlich „Kitzloch“) irgendwann die Luft ausgeht, mag bei all dem souverän komponierten Irrsinn zwar auch ein Sinnbild für manche Länge des Abends sein, der (allerdings klug und effektvoll) reproduziert, was in den vergangenen Monaten sattsam durchanalysiert wurde. Vor allem aber ist es – zumal in der verblüfften Zärtlichkeit, mit der Ernst Stötzner die erschlaffte Körperhülle hält – eine Erinnerung daran, worum es bei dieser Pandemie von Beginn an ging: Menschenleben. „Die Luft ist raus, auch aus ihren Lungen.“

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Die Groteske, der ein ausnahmslos glänzendes, spielwütiges Ensemble (neben Eva Mattes und Ernst Stötzner auch Josefine Israel, Angelika Richter, Lars Rudolph, Maximilian Scheidt, Jan-Peter Kampwirth, Julia Wieninger) Zucker gegeben hat, dreht sich noch einmal.

Hamburger Publikum jubelt mit Masken

Die Aufgeblasenheit des Anfangs, das grenzenlose Geschnatter wird zum ersterbenden Röchel-Chor. Die Live-Musiker in Lederhosen (Lukas Fröhlich, Sebastian John und Stefan Pahlke) simulieren an Trompete, Posaune und Tuba Beatmungsgeräte. Julia Wieninger predigt furios über die „Vertreibung aus dem Paradies“ und gibt Heidegger zumindest eine Teilschuld.

Und die Kulissen entschweben, die Bühne löst sich auf. Das Publikum jubelt – und trägt Schutzmasken. Das ist nicht nur ein Theaterabend, das ist auch dokumentierte, anhaltende Wirklichkeit.

„Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“ am Deutschen Schauspielhaus, Kirchenallee, wieder am 10. und 11.6., jew. 19.30 Uhr, Restkarten unter T. 24 87 13, www.schauspielhaus.de

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