Erstes Konzert

Elbphilharmonie: Persönliche Überraschung für das Publikum

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Helmut Peters
Nach monatelanger Zwangspause kehrt das Publikum wieder in den Großen Saal der Elbphilharmonie zurück (Archivbild).

Nach monatelanger Zwangspause kehrt das Publikum wieder in den Großen Saal der Elbphilharmonie zurück (Archivbild).

Foto: imago images/imagebroker

Die Musiker des NDR Elbphilharmonie Orchesters hatten sich für ihr "Premieren"-Publikum etwas Besonderes ausgedacht.

Hamburg. Das ist ja auch mal eine schöne und überraschende Geste zur Begrüßung eines lang vermissten Publikums. Alle Besucherinnen und Besucher des ersten Publikumskonzerts vom NDR Elbphilharmonie Orchester am Donnerstag, die sich beim Eintritt in den Großen Saal der Elbphilharmonie ein Programmheft griffen, fanden darin eine persönlich unterschriebene Grußkarte.

Die Musiker und Musikerinnen des Residenzorchesters hatten die Idee zu dieser Aktion, zeichneten Herzen über den Satz „Endlich wieder in Ihre erwartungsvollen Gesichter blicken zu dürfen, macht mich glücklich…!“ und nannten Name und Instrument.

NDR Elbphilharmonie Orchester hat noch mehr Überraschungen in petto

Die nächste Überraschung folgte dann gleich auf dem Fuße. Eigentlich sollte der Abend mit der Suite aus Gabriel Faurés Schauspielmusik „Pelléas et Mélisande“ beginnen. Anstelle des ganzen Orchesters trat aber erst mal ein Blechbläserensemble zusammen mit dem französischen Gastdirigenten Stéphane Denève auf und stimmte eine wuchtig-feierliche Intrada an. Ein selbstkomponiertes Stück des Solo-Posaunisten vom NDR Elbphilharmonie Orchester Simone Candotto, wie sich später herausstellte.

Jenem Bläser und Komponisten in Personalunion, der 2019 zusammen mit dem Berliner Kreativstudio Kling Klang Klong und seinen Orchesterkollegen das Stück „Four Seasons“ geschaffen und uraufgeführt hatte. Seine am Donnerstag gespielte „Jentrada“ - der friaulische Begriff stammt aus Candottos norditalienischer Heimat - hatte der Posaunist einst für das Jugendorchester des SHMF komponiert und nun für die erneute Aufführung in der Elbphilharmonie um einige Bläserstimmen erweitert.

„Pelléas et Mélisande“ fordern mehr Zurückhaltung vom Orchester

Weit zurückhaltender ging es danach mit vollem Orchester in Faurés Suite aus der Schauspielmusik zu Maurice Maeterlincks Theaterstück „Pelléas et Mélisande“ zu. Jener bittersüßen, sagenhafte Geschichte vom tragisch endenden Konkurrenzkampf zweier Brüder um die geheimnisvolle, feenhafte Mélisande.

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Dem Musikdirektor des Brussels Philharmonie und St. Louis Symphony Orchestra Stéphane Denève gelang es gleich bei den schwebend-zarten Streicherklängen zu Beginn des Prélude, das Wesen der zerbrechlichen jungen Mélisande einzufangen. Nach einem von den Flöten unterstützten Cellosolo von Christopher Franzius’ ließ er die emotionalen Wellen dann aber gleich höher schlagen und setzte überhaupt auf starke dynamische Kontraste.

Das Drehen eines Spinnrades fing Fauré im zweiten Satz „Die Spinnerin“ mit rauschenden Geigenläufen ein, dem die Soloharfenistin Anaëlle Tourret helle Harfenakzente entgegensetzte. Viel zu tun hatte auch der Solo-Flötist Wolfgang Ritter, der im berühmten Sicilienne einmal mehr seine tonlichen Qualitäten, vor allem in der sonoren tiefen Lage unter Beweis stellen konnte.

Ein Violinkonzert auf einer fast 300 Jahre alten Stradivari

Der eigentliche Star des Abends in Sachen Klangschönheit blieb aber natürlich die Stradivari aus dem Jahr 1734, die der griechische Geiger Leonidas Kavakos bei Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert e-Moll op. 64 spielte. Vorwärtsdrängend und energisch leitete er die ersten Takte ein und war entschlossen, viel Gefühl, aber sicher kein Pathos zuzulassen.

Die empfindlichen Sprünge aus der Tiefe in die Flageolett-Höhen saßen perfekt und manch Pianissimo klang bei ihm wie gehaucht, wenn es nicht mit einem Bogen gestrichen worden wäre. Die unglaubliche Virtuosität von Kavakos bei den extrem schnellen Tempi in den Ecksätzen, aber auch diese Noblesse in der Gestaltung und sein Wille, nichts zu überfrachten, sind ein großer Vorzug dieses Solisten.

Eine letzte Überraschung beendet den gelungenen Start in der Elbphilharmonie

Die letzte Überraschung bildete dann die Ouvertüre „Le Carnaval romain“ von Hector Berlioz, ein Stück, das man üblicherweise zu Beginn eines Konzertabends, aber nicht als Rausschmeißer spielt. Obwohl es in seiner unkonventionellen Wildheit und Ausgelassenheit für einen furiosen Abschluss ja mehr als geeignet ist.

Das Orchester und ihr Maestro Denève waren außer sich vor Begeisterung und Freude. Ein gelungener Start in der wiedererwachten Elbphilharmonie.