Ausstellung

Vor 120 Jahren: Schöner Wohnen in Hamburg

| Lesedauer: 5 Minuten
Vera Fengler
Um 1900 gestaltete Peter Gustaf Dorén viele Wohnhäuser wohlhabender Hamburger Kaufleute, hier ein Musikzimmer, ganz in Grün.

Um 1900 gestaltete Peter Gustaf Dorén viele Wohnhäuser wohlhabender Hamburger Kaufleute, hier ein Musikzimmer, ganz in Grün.

Foto: Peter Nils Dorén

Das Museum für Kunst und Gewerbe ehrt den schwedischen Raumkünstler Peter Gustaf Dorén mit einer kleinen, feinen Ausstellung.

Hamburg.  Mit der Jahrhundertwende blüht in Hamburg die großbürgerliche Wohnkultur auf: Man lädt zu Gesellschaften ins lavendelfarbene Musikzimmer, die Herren Kaufleute bevölkern die Ton in Ton gehaltenen Salons mit dicken Zigarren und Cognac und goutieren die teuer reproduzierten Malereien, während es sich die Damen im Kaminzimmer auf der Sofagarnitur bequem machen, deren Grünton so wunderbar mit den grauen Wänden und den elfenbeinfarbenen Schleiflackmöbeln harmoniert.

Man speist im feinen Restaurant Fischborn oder trifft sich zum Kaffeeklatsch im Alsterpavillon und bewundert die fantasievolle Deckenmalerei. Abends geht es in die Passage-Lichtspiele an der Mönckebergstraße, in die Neue Oper am Millerntorplatz oder man lässt sich vom blauen Entrée des Thalia Theaters mit seiner Mosaikmalerei und den mahagoni-polierten Türen berauschen.

Kostbare Blätter, Grafiken und Entwürfe

Und wundert sich: „Alles so schön bunt hier!“ Wo auch immer sich die Hautevolee zusammenfindet, ist sie von der Ästhetik eines Mannes umgeben, der es sich auf die Fahnen geschrieben hatte, „die Farbe wiederzuentdecken und die Wand zu erobern“, sagt Caroline Schröder.

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Sie hat für das Museum für Kunst Gewerbe (MK&G) die kleine, feine Ausstellung „Peter Gustaf Dorén. Ein Hamburger Raumkünstler um 1900“ kuratiert. Anhand von kostbaren Blättern, Grafiken, Entwürfen und Fotografien aus dem privaten Nachlass, die zum ersten Mal öffentlich gezeigt werden, fächert sie das Leben und Wirken dieses besonderen Talents auf, das der Stadt „eine Farbkur verpasste“.

Rundum-Sorglos-Paket fürs schöne Wohnen

Der aus Schweden stammende Peter Gustaf Dorén (1857–1942) ließ sich um 1900 als Dekorationsmaler an der Elbe nieder und gründete wenige Jahre später sein eigenes Unternehmen, das zu Hochzeiten in einem Kontorhaus am Pulverteich residierte und an die 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigte.

Dorén, der die Entwicklung in der Stadt aufmerksam beobachtete und fotografisch dokumentierte (den Bauboom, die Um- und Neuansiedlung ganzer Quartiere), sich bei seinen Entwürfen von internationalen Dekorations- und Kunstausstellungen inspirieren ließ, erspürte wie kein anderer das Bedürfnis wohlhabender Bürger nach Komfort, aber auch nach Repräsentation, und spezialisierte sich mit seinen „Werkstätten für Wohnungskunst“ schon bald auf die komplette Einrichtung von Wohnungen und Häusern.

Er machte farbliche Vorschläge für Wände, Decken und Friese, fertigte kunstvolle Tapeten mithilfe einer Schablonentechnik, lieferte Stoffe für Polster und Vorhänge ebenso wie Drucke, bevorzugt von Hamburger Künstlern. Ein klassizistisches Rundum-sorglos-Paket fürs schöne Wohnen – vorausgesetzt, man hatte das nötige Budget dafür. Die Aufträge kamen von Kaufleuten, Rechtsanwälten und Reedern, die ihre Stadtvillen an der Alster oder in den Elbvororten hatten.

Dorén stattet auch das Hotel Vier Jahreszeiten aus

Zur selben Zeit machte er sich als Dekorateur und Einrichter öffentlicher Gebäude einen Namen und engagierte sich im Deutschen Werkbund sowie in der Justus-Brinckmann-Gesellschaft, um Kontakte zu knüpfen.

Für das Hotel Vier Jahreszeiten etwa, das 1911/12 einen Erweiterungsbau erhielt, übernahm der Schwede die Ausmalung des Hauses und stattete die vornehme Halle, die zu der Zeit zum Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens avancierte, mit Vorhängen und Möbelstoffen aus. Im Auftrag von Direktor Justus Brinckmann restaurierte Dorén außerdem historische Wandmalereien und ein ganzes Biedermeier-Zimmer im Museum für Kunst und Gewerbe.

Digitale Kurzführung via YouTube

Zurzeit ist die Schau nur durch eine digitale Kurzführung via YouTube zu erleben. Oder indem man durch ein wunderschön gestaltetes Buch blättert. Peter Nils Dorén, der Urenkel des bis vor Kurzem noch unentdeckten Malers und Inneneinrichters, hat dessen Lebenswerk aufgearbeitet.

„Gestaltung zog sich durch das gesamte Familienleben“, berichtet der in Berlin lebende Grafiker. Besonders erstaunt war Peter Nils Dorén von der Zielstrebigkeit, mit der sein Urgroßvater seinen Weg ging. „Dabei sprach und schrieb er nicht mal fehlerfrei Deutsch.“

Kindliche Begeisterung für Farben und Formen

Als Kind eines Bauern, das im ehemaligen Haus eines Künstlers aufwuchs, seien es seine kindliche Begeisterung für Farben und Formen und „sein Drang, Höheres zu erreichen“ gewesen, die dazu führten. „Bei aller Begeisterung für die gestalterischen Ideen des Jugendstils, passte sich Peter Gustaf Dorén sehr pragmatisch dem Geschmack des Hamburger Bürgers an“, heißt es in dem Buch.

Besonders ein Projekt ist hervorzuheben: Der bis Anfang der 2000er-Jahre bestehende „Schümanns Austernkeller“ war die erste Adresse in Hamburg. Und Dorén sorgte für das exquisite Ambiente, indem er die Séparées individuell gestaltete, vom komplett grün gehaltenen Heine-Zimmer bis zur modernen, an der Neuen Sachlichkeit orientierten Zeppelin-Koje. Das Interieur hat einst der Roncalli-Chef Bernhard Paul aufgekauft und eingelagert.

Von Doréns Entwürfen ist außer ein paar Einrichtungsgegenständen und Kunstwerken aus dem Privathaus in der Lüneburger Heide leider nichts erhalten geblieben. Und so sind Ausstellung und Buch kostbare Zeugnisse einer Ära, die Hamburg so viel Stil verlieh.

„Peter Gustaf Dorén“ bis 30.5. im MK&G, Film über www.mkg-hamburg.de abrufbar. Das gleichnamige Buch ist bei Hatje Cantz erschienen (224 Seiten, 400 Abbildungen, 48 Euro).