Buchkritik

Familienroman: Damals, als Dresden noch in der DDR lag

| Lesedauer: 4 Minuten
Michael Göring: „Dresden - Roman einer Familie“, Osburg Verlag, 300 Seiten,  24 Euro.

Michael Göring: „Dresden - Roman einer Familie“, Osburg Verlag, 300 Seiten, 24 Euro.

Foto: Osburg Verlag

In seinem neuen Buch erzählt Michael Göring, Chef der Hamburger „Zeit“-Stiftung, vom Schwanken zwischen Loyalität und Ablehnung.

Hamburg.  Das Buchcover ist, wie vieles, was aus der Vergangenheit zu uns herüberwinkt, schwer nostalgisch. Weil die Patina des Früher fast immer oder zumindest sehr oft wirkt. Warum auch nicht im Falle eines Fotos aus der DDR? Michael Görings neuer Roman „Dresden. Roman einer Familie“ ziert eine Straßenszene des Dresdener Schillerplatzes aus dem Jahr 1984. Natürlich mit Trabis. Und auch einer Verkehrspolizistin: Die ausübenden Organe des Staates spielen in dem Roman keine unbedeutende Rolle.

Da ist zum Beispiel Kai, der Sohn einer im Bürgertum verankerten Familie. Sein Vater Ekki ist Ingenieur und Hochschullehrer und glaubt an das Sein und Werden seines Landes. Kai, gerade noch ein Teenager, will aber raus aus dem Gefängnis ohne Reise- und Entscheidungsfreiheit.

Michael Göring lebt schon lange in Hamburg

Er versucht eine Flucht über die Elbe, wird eingefangen – und muss als gescheiterter Republikflüchtling für anderthalb Jahre ins Gefängnis. Fabian, der Student aus Köln, ist überrascht und getroffen, als er davon erfährt. Es sind die 70er-Jahre, er war gerade zum Auslandssemester in Cardiff und zum Kurztrip auch mal in London. Schrieb immer brav und naiv Karten; kein Wunder, dass der DDR-Teenie da auf Gedanken kam.

Michael Göring, der 1956 in Westfalen geborene und seit Langem in Hamburg (wo er im Hauptberuf Chef der „Zeit“-Stiftung ist) lebende Autor, erzählt in seinem Roman von Ost und West, von fremden Erfahrungswelten – und vom Implodieren eines Staates, der von Anfang an dem Untergang geweiht war. Angesiedelt ist seine kleine Geschichte der späten DDR in den Jahren 1975 bis 1989; anderthalb Jahrzehnte also, in denen viele den Glauben verloren, aber dennoch ein eigentümlicher Reiz blieb.

DDR-Zeit wird zum Leben erweckt

Auch für den Helden, für „Fabi“, der einst aus Neugier zu Freunden seiner Tante nach Dresden fuhr. Die Gersbergers wurden dann seine Freunde, die er fast jährlich besucht. Eine heimliche Liebesgeschichte mit Tochter Anne ist die Grundierung seiner Ost-Trips, aber es ist eine innige Verbindung mit der gesamten Familie, die über die Jahre entsteht.

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Dem versierten Erzähler Göring gelingt es, eine inzwischen mehr als vier Jahrzehnte zurückliegende Zeit zum Leben zu erwecken: die DDR mit ihrer Mangelwirtschaft, der Stasi, den Grenzern, den unbeugsam nach Freiheit dürstenden Bürgern, die kreativ manche Verbote umgehen. Er zeichnet ein umfassendes und differenziertes Bild der mentalen Verfassung jenes fernen Landes, in dem die Menschen zwischen Loyalität und Ablehnung schwanken.

Hauptfigur Fabian ist ein Suchender

Den Weg der sozialistischen deutschen Republik hin zur Massenflucht des Jahres 1989 vollzieht er in vielen Zeitsprüngen nach. Seiner Hauptfigur gibt er das Profil eines Suchenden: Fabian entstammt einer Familie, in der er die Nähe und Geborgenheit der Gersbergers stets vermisste.

Vom Vater erhoffte er sich stets eine Anerkennung, die er nie bekam. Auf diese Weise wird „Dresden“, dieser tatsächliche „Roman einer Familie“, zur Würdigung eines Staates, in dem (notgedrungen) die kleinste gesellschaftliche Einheit auf bemerkenswerte Weise funktionierte.

Roman endet, als DDR-Bürger zu „Ossis“ werden

Ein Teil dieses Buchs erzählt von Kais endlich erfolgreicher Ausreise aus dem Staat, den er am Ende vor allem hasste. Er sitzt in einem der Züge, die nach Genschers Prager Botschaftsrede von den DDR-Organen unbehelligt nach Westdeutschland einreisen können.

Erst ganz am Ende dieser Reise übermannen ihn die Gefühle, weil er ja glaubt, seine Heimat und Familie lange Zeit nicht wiedersehen zu dürfen. Der Roman endet, bevor neue Probleme sich auftun, als die DDR-Bürger zu „Ossis“ werden und unter anderem den distanzierteren Familienkonzepten der „Wessis“ wahrscheinlich oft ratlos gegenüberstehen.

( tha )