Umdenken bei Dreharbeiten

"Grüner drehen": Wie Kino und TV umweltfreundlicher werden

| Lesedauer: 7 Minuten
Der NDR „Tatort: Tödliche Flut“ entstand unter Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsaspekten. Hier ein Foto von den Dreharbeiten auf Norderney mit Franziska Hartmann (Imke Leopold), Wotan Wilke Möhring (Thorsten Falke) und Franziska Weisz (Julia Grosz).

Der NDR „Tatort: Tödliche Flut“ entstand unter Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsaspekten. Hier ein Foto von den Dreharbeiten auf Norderney mit Franziska Hartmann (Imke Leopold), Wotan Wilke Möhring (Thorsten Falke) und Franziska Weisz (Julia Grosz).

Foto: NDR/Christine Schröder

Green Film Production soll das ökologische Umdenken der Branche verstärken. In Hamburg entstand eines der ersten Siegel.

Hamburg. Kameras, Kulissen, Requisiten: Film- und Fernsehproduktionen sind aufwändige Angelegenheiten. Wo ohnehin schon viel zu bedenken ist, fällt es nicht immer leicht, auch auf Nachhaltigkeit zu achten. So genannte „Green Consultants“ sollen dabei helfen, Film- und Fernsehproduktionen „grüner“ zu machen.

Philip Gassmann aus München arbeitet seit 30 Jahren als Regisseur und Producer, seit sechs Jahren betreut er Produktionen als „Green Consultant“ und bildet inzwischen auch Kollegen aus. „Es geht darum, eine möglichst nachhaltige, ökologische Produktion umzusetzen. Wirklich zu prüfen, in welchen Bereichen Umweltbelastungen auftreten. Im Prinzip der Dreiklang: CO2, umweltbelastende Substanzen und das Thema Müll“, sagt er über „Green Film Production“.

"Grüner drehen": Wo große Studios CO2 sparen können

Ansetzen kann man dabei an ganz verschiedenen Stellen: beim Catering beispielsweise, beim Transport oder der Beleuchtung. Bei PKW und LKW bedeute das zum Beispiel auf Hybrid-Antriebe, Erd- oder Biogas umzustellen. Beim Bau der Kulissen kann man konsequent auf die Materialien achten, dafür die verwendet werden. Durch LED-Lampen lässt sich Strom einsparen.

„Das Schöne ist, dass man in allen Bereichen etwas tun kann. Besonders im Transport- und Energiebereich kann man viel erreichen. Das fängt ganz banal dabei an, dass man vom deutschen Strommix auf Ökostrom umstellt. Das ist bei vielen großen deutschen Studios mittlerweile der Fall. Allein das sind zehntausende Tonnen CO2, die jedes Jahr eingespart werden“, erklärt Gassmann, der unter anderem mit Constantin Film und ProSiebenSat1 arbeitet.

Grünes Produzieren muss nicht automatisch teurer sein

Als „Green Consultant“ geht er so früh wie möglich mit allen Produktionsbereichen in die Planung – auch in Bezug auf die Story und wie man sie am besten „grün“ umsetzen kann. Außerdem vermittelt er Dienstleister, Technologien oder Experten für die Realisierung.

Gassmann achtet bei Produktionen außerdem darauf, eine Ökobilanz aufstellen. So lässt sich vergleichen, wie groß der CO2-Ausstoß unter konventionellen Bedingungen gewesen wäre und wie er stattdessen mit neuen Technologien aussieht. „Auch, um zu beweisen, dass grünes Produzieren nicht automatisch teurer sein muss und wirklich etwas bringt.“

Der 61-Jährige beschäftigt sich schon sein Leben lang mit ökologischen Themen, in den letzten zehn Jahren vermehrt in der Filmindustrie. Er habe damals festgestellt, „dass da auch noch viel zu wenig getan wurde. Was mich sehr gewundert hat, weil in dieser Branche ja auch viele kreative Menschen unterwegs sind und wir sehr im Fokus stehen. Ich habe mich gefragt: Wie kann es sein, dass die Film- und TV-Industrie im Vergleich zu anderen noch hinterherhinkt?“

Vorreiter ist die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein

Vorreiter in Sachen grüne Produktion ist die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (FFHSH). Hier hat auch Gassmann seine ersten Seminare veranstaltet. Bereits seit 2012 vergibt die FFHSH den „Grünen Drehpass“ als Siegel für nachhaltige Dreharbeiten. Auf freiwilliger Basis mit diesem Pass gearbeitet haben unter anderem die norddeutschen „Tatort“-Produktionen mit Wotan Wilke Möhring und Franziska Weisz, „Notruf Hafenkante“ und „Die Pfefferkörner“. Bis heute wurden nach FFHSH-Angaben mehr als 190 Produktionen mit diesem Siegel ausgezeichnet.

2020 führte die Filmförderung außerdem den „Grünen Filmpass“ ein, der für alle von ihr geförderten Projekte verpflichtend ist. Und, mehr noch, für alle Stadien, vom Drehbuch über die Dreharbeiten bis zur Kinoauswertung. Projekte, die auf dem neuen Pass basieren, befinden sich aktuell noch in Entwicklung oder Produktion. Sie müssen am Ende nachweisen, dass sie den entsprechenden Kriterienkatalog umgesetzt haben. Das bedeutet zum Beispiel, Flugreisen erst ab einer Entfernung von 500 km zu buchen, oder mindestens die Hälfte des Caterings regional oder bio zu beziehen.

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Derzeit sind 24 zertifizierte „Green Consultants“ im Einsatz

Der Einsatz eines ausgebildeten „Green Consultant“ ist mit dem „Grünen Filmpass“ im Bereich Produktion inzwischen verpflichtend. 24 zertifizierte „Green Consultants“ sind nach Angaben der FFHSH derzeit bundesweit registriert, Gassmann ist einer von ihnen. Er sagt: „Ein Green Consultant kann eine große Unterstützung sein. Weil es eben um Pionierarbeit geht, etwas völlig Neues, das wir so in der Branche noch nicht hatten.“ Der Pass steht jedoch auch Projekten offen, die nicht von der FFHSH gefördert wurden, aber trotzdem ökologisch nachhaltig produzieren wollen.

2013 schloss die Filmförderung eine Kooperation mit der Hamburg Media School (HMS), die auf dem Vorgängersiegel „Grüner Drehpass“ beruht. „Das heißt, alle Produktionen der Filmstudenten und -studentinnen werden nachhaltig und ökologisch produziert“, berichtet Sprecherin Claudia Hartmann.

HMS-Absolventin möchte Freude in das Thema bringen

Nach den Vorgaben des „Grünen Drehpasses“ hat auch die HMS-Absolventin Sarah Fürstenberg gearbeitet. Die 25-Jährige hat im vergangenen Jahr ihren Abschlussfilm „#TheOtherVulva“ gedreht, in dem eine Protagonistin zum Thema Genitalverstümmelung informiert. Eine kleine Produktion war es, an nur einer Location mit 15 Crew-Mitgliedern. Die sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Dreh gekommen, sie haben den Müll getrennt und das Catering selbst zu Fuß beim Restaurant auf der anderen Straßenseite abgeholt.

Die Drehübersichten wurden nur einmal für alle ausgedruckt, zum Frühstück gab es Hafermilch. „Das sind die kleinen Details, aber die sind wichtig für das große Ganze“, sagt Fürstenberg. „Die Filmbranche hat zwei Prozent am gesamten Weltausstoß für CO2. Das empfinde ich als sehr viel. Da muss sich jetzt sofort was ändern.“ Fürstenberg möchte bei ihren eigenen Produktionen Freude und Leichtigkeit in das Thema „Green Production“ bringen, „Alternativen bieten statt Restriktionen“.

„Grünes Drehen“ soll zum Umdenken anregen

Auch der „Green Consultant“ Gassmann wünscht sich, dass beim „grünen Drehen“ nicht direkt an einengende Beschränkungen gedacht wird: „Das Umdenken geht nicht zulasten der Qualität. Im Gegenteil: Es gibt eine Menge neue Technologien, die umweltfreundlich sind und neue kreative Möglichkeiten bieten. Wir können mit LED beispielsweise Dinge machen, die wir bis jetzt mit keiner anderen Lichttechnologie möglich waren: die Gestaltung der Farben, feinere Einstellungen für Lichtwerte und weitere Parameter.“

Nachhaltigkeit werde oft banal mit Mülltrennung oder Catering assoziiert. Mit „Green Storytelling“ könne aber auch vor der Kamera noch viel Potenzial ausgeschöpft werden: „Wir stehen vor kolossalen Herausforderungen, um dem Klimawandel mit guten Lösungen zu begegnen. Es müssen sich viele Dinge gravierend verändern, in Bereichen des täglichen Lebens und in der Industrie. Da schlummern noch viele spannende Themen und Geschichten.“