Buchkritik

Ein Gemälde, das den Nazis entkam

| Lesedauer: 3 Minuten
Alena Schröder ist die Autorin von „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“.

Alena Schröder ist die Autorin von „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“.

Foto: Gerald v. Foris

Der Bestseller von Alena Schröder: Familien- und Frauenroman, Emanzipationsroman und ein Roman über die Nazizeit.

Jede Saison hat ihre Überraschungshits. Der in dieser trägt den überragend schönen Titel „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ und stammt von der bislang vor allem als Sachbuchautorin in Erscheinung getretenen Alena Schröder.

Wer zu den Zeitgenossen zählt, die Klappentexte ignorieren, ist beim Reinlesen in den Bestseller, der seit Wochen wie blöd gekauft wird, auch gleich beim grundsätzlichen Thema der Handlung. Denkt man zumindest, wenn man im ersten Kapitel von Hannah liest, der etwas konfusen Germanistin, die ihre schlecht gelaunte Großmutter im Altenheim besucht. An welchen Fenstern wird Hannah wohl bald herumstehen, wen wird ihr blaues Kleid bezirzen?

Roman über die Nazizeit

Niemanden, wie sich dann recht schnell in diesem rasant geschriebenen Erzählwerk klärt, das Familien- und Frauenroman ist, tragischer Emanzipationsroman, eine 100 Jahre umspannende deutsche Geschichte – und deswegen eben auch ein Roman über die Nazizeit, über den Holocaust.

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Vier Frauen: Hannah ist die in der Erzählgegenwart in eine stupide Verliebtheit in ihren (doch sehr auf Klischee gebürsteten) eitlen Doktorvater verstrickte Twentysome­thing-Berlinerin. Silvia ihre im New Age hängen gebliebene Esoterik-Mutter. Evelyn wiederum das verlassene Kind, das bei der Tante aufwuchs, weil die Mutter nicht Mutter sein wollte. Diese Mutter, sie heißt Senta, ist die ungewöhnlichste und interessanteste Figur des Romans.

Schröder zeigt vergiftete Atmosphäre

Senta flüchtete einst aus der Enge Mecklenburg-Vorpommerns und der Mutterschaft. Nach Berlin, die in den 1930er-Jahren auch unter den dunklen Vorzeichen der Hitler-Diktatur pulsierende Reichshauptstadt. In jenem Erzählstrang, der in der Vergangenheit spielt, zeigt Schröder, die wie Takis Würger von Haus aus Journalistin ist, beherzt und in grellen Farben die vergiftete Atmosphäre, die mit der Naziherrschaft heraufzog.

Senta, die ihre Tochter verließ und bei der Hitler begeistert hinterherlaufenden Schwägerin in Obhut gab, ist selbst in Berlin bald vom Glück verlassen. Ihr zweiter Ehemann Julius Goldmann entstammt einer jüdischen Familie, die schon bald von den Mächtigen unerbittlich verfolgt wird. Julius’ Eltern, als Kunsthändler klassisches Berliner Bildungsbürgertum, werden später im KZ sterben. Julius und Senta fliehen rechtzeitig nach Nordeuropa.

Verbindung zur Gegenwart mit Gemälde von Jan Vermeers

Die Verbindung zur Gegenwart ist ein Gemälde Jan Vermeers, „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“. Evelyn, Hannahs Großmutter, ist die Frau mit der schwierigen, zerrissenen Kindheit, die mit dem Vergangenen nichts zu tun haben will. Also muss Hannah selbst anfangen zu graben, als sie in Omas Altenheimzimmer auf einen Brief aus Israel stößt. Man will Evelyn bei der Restitution enteigneter Kunstwerke helfen. Erst so erfährt Hannah vom angeheirateten jüdischen Zweig ihrer Familie.

Alena Schröder, die zu ihrem Debüt erklärtermaßen von der Geschichte der eigenen Familie inspiriert wurde, hält als Erzählerin die Fäden stets fest in der Hand. Das mag zulasten eines ästhetisch avancierteren Verfahrens gehen, mithilfe dessen der Zivilisationsbruch der Nazis auf verstörendere Weise ins Werk gesetzt hätte werden können. So verhält es sich bei Schröder wie bei Würger: Von gräulichen Dingen wird mit den Mitteln des Unterhaltungsromans erzählt. Das ist, berechtigter Einwände zum Trotz, manchmal eine gute Strategie.

( tha )