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Zwei Blickwinkel auf das neue Buch von Sophie Passmann

| Lesedauer: 8 Minuten
Sophie Passmann, 27,
schrieb schon erfolgreich
über alte, weiße Männer.

Sophie Passmann, 27, schrieb schon erfolgreich über alte, weiße Männer.

Foto: Michael Gottschalk

Thomas Andre (Literaturredakteur, kein Millennial mehr), und Kaja Weber (Volontärin, voll in der Zielgruppe) haben das Werk gelesen.

Hamburg. All die Trendforscher und Soziologen, Letztere mehr als Erstere, sind sehr akkurate Leute. Bevor man etwas über eine Altersgruppe („Alterskohorte“) sagt, lässt man sie erst mal sprechen – in dutzend-, hundert-, tausendfachen Interviews. Shell-Studien lügen nicht. Noch besser als jedes wissenschaftliche Resümee liest sich jedoch ein Buch wie „Komplett Gänsehaut“.

Besseres Deutsch, klarere Formulierungen, erhellendere Beispiele. Am besten ist immer der Gestus der Selbstbezichtigung, das Dissen der eigenen Leute. Im Geist der Kritischen Theorie und mit der spitzen Feder, die nach den Gesetzen des Masochismus einen selbst sticht – perfekt.

Es herrschte nie ein Mangel an Benennungen

Aus den Reihen jenes Soziologiefeuilletons, jener literarischen Diagnostik stammen dann auch meist die plakativen Zuschreibungen. So, wie Passmann sich an den Millennials abarbeitet, die auch „Generation Y“ genannt werden, tat zum Beispiel Florian Illies dies einst mit der sogenannten „Generation Golf“.

Es herrschte nie ein Mangel an Zuschreibungen und Benennungen. Nicht jede hat sich gehalten, nicht jede wird sich halten können: Sagt heute eigentlich noch jemand „Digital Natives“, wo längst die „Millennials“ auf den Plan getreten sind? Was war eigentlich die „Generation Berlin“?

Fokus auf die nachrückende Generation

Im richtigen Leben, abseits jener Welt der schönen Begriffe und praktischen Schubladen, konkurrieren Generationen um die Schalthebel und die besten Plätze in der gesellschaftlichen Arena. Ist schon interessant, aus welchem Holz die geschnitzt sind, die irgendwann die Geschicke lenken.

Auch publizistisch fokussiert sich das Interesse deswegen immer besonders auf die nachrückende Generation. Die, die irgendwann an den Toren der Machtzentralen rüttelt. Was die älteren Generationen angeht: Jubiläen werden gefeiert, siehe unlängst der 50. Geburtstag der 68er. Ob deren Ruhm mit dem Altern und Wegsterben ihrer Repräsentanten nicht langsam verblasst? Anzunehmen.

Großformatiges Rebellentum fällt heute schwer

Aber eine Bezugsgröße bleiben sie in einer Hinsicht. Großformatiges Rebellentum fällt schwer, wenn die Autoritäten schon lange nicht mehr so ätzend und verbohrt sind wie in grauer Vorzeit. Mit dem Problem hatte schon die Generation Golf zu kämpfen, 20 Jahre ist es her. Florian Illies schrieb damals, dass für die jungen Leuten die „Entscheidung zwischen einer grünen und einer blauen Barbour-Jacke“ schwieriger sei „als die zwischen CDU und SPD“.

Gut, heute, bei den Millennials, geht es wohl eher um das neueste iPhone, und die Entscheidung, weder CDU noch SPD, sondern die Grünen zu wählen, ist so schwer nicht. (Klimaaktivismus überlässt man dennoch frohen Herzens der Generation Greta).

Aber die Sache mit den Distinktionsmerkmalen und den feinen Unterschieden, der Selbstdarstellung auch mit den Mitteln der Oberflächenphänomene – diesmal: der richtige Style vor allem in der Einrichtung – siedelt doch verdächtig nah an den Rat- und Sorglosigkeiten der Golfer. Überall nur Spießer und sich in ihrem forcierten, angeblichen Individualismus schrecklich ähnliche Ich-Akteure, hier wie dort!

Generationenlabels sind immer auch werbewirksame Marketingmaßnahmen

Man mag nicht wirklich glauben, dass in Deutschland die krisenhaften historischen Ereignisse (9/11, Finanzcrash) einen negativen Effekt auf die Generation Y hatten. Sie wuchs so behütet auf wie die Alterskohorten vor ihr. Weshalb an dieser Stelle die Behauptung aufgestellt werden soll, dass die Generation Y mentalitätsmäßig genauso drauf ist (man denke nur an die einfach nicht totzukriegende Strategie der Dauerironie!) wie die Generation Golf. Nur halt mit Instagram.

Generationenlabels sind immer auch werbewirksame Marketingmaßnahmen. Es gilt wahrscheinlich doch die alte Feststellung, dass es wichtiger ist, welcher Gesellschaftsschicht man angehört als welcher Generation. Thomas Andre

Man fühlt sich stellenweise ertappt – und verstanden

„Die Millennials“ gibt es wohl genauso wenig wie „die Medien“ oder „die Deutschen“. Es sind Kategorien, in die man fallen kann, die einen aber nie völlig beschreiben. Trotzdem schafft Sophie Passmann es als überspitzende Erzählerin in „Komplett Gänsehaut“, Gefühle und Beobachtungen in Worte zu fassen, die man wahrscheinlich gut kennt, wenn man in den 1980ern oder 1990ern geboren wurde. Zumindest wenn man weiß, weiblich und studiert ist.

Man fühlt sich stellenweise ertappt, stellenweise verstanden, wenn man durch die knapp 170 Seiten Kritik an der eigenen Generation liest. Etwa wenn es um Dinge geht, die man zwar lang reflektiert und eingeordnet hat, bei denen einem die Sozialisation im Alltag aber doch wieder einen Strich durch die Rechnung macht. Beispiel Schönheitsideale: Tragen wir Make-up ins Büro oder abends an der Bar? Und womöglich sogar gern?

Wir leben Kapitalismus, obwohl wir es besser wissen

„Insgeheim wissen wir, dass uns niemand abstechen würde, wenn wir einfach aussehen würden, wie wir aussehen, wir haben ja alle die Essays gelesen (...) wir einigen uns darauf, dass wir es nächstes Jahr vielleicht noch mal versuchen mit der gelebten Geschlechtergerechtigkeit, es ist einfach sehr schwer“, schreibt Passmann.

Wir definieren uns zu oft über das, was wir haben oder nicht haben, wir leben Kapitalismus, obwohl wir es besser wissen („die Möbelpacker tragen Kisten die Treppen hoch, all den Krempel, der mich zu der macht, die ich bin, einfach toll“). Und mindestens die Menschen, die sich täglich in den sozialen Medien herumtreiben, sind „oft fassungslos oder auch unendlich traurig, wahnsinnig verletzt“ und können Debatten sehr emotionalisiert führen. Insgesamt nehmen wir alles sehr ernst.

Als „Millennial“ steht man vor den großen Problemen dieser Welt

Aber ist das spezifisch „Millennial“? Wahrscheinlich nicht. Dann vielleicht schon eher, dass wir Gespräche oft in die unangenehme Richtung lenken, wie Passmann schreibt, die sozialkritischere – wenn auch nur, um uns zu beweisen, dass wir es können. Selbst wenn man wie die Erzählerin in „Komplett Gänsehaut“ eigentlich nur von Trennungen auf seinem Balkon berichten möchte: „Jetzt schnell der einfühlsame Hinweis, das nötige Klassenbewusstsein quasi, dass natürlich nicht jeder Mensch einen Balkon hat, das ist natürlich wahr, und das ist empörend, ich jedenfalls habe einen.“

Als „Millennial“ steht man vor den großen Problemen dieser Welt – etwa Rassismus, Sexismus und Klimawan­del – man hat sie erkannt und möchte etwas dagegen tun. Und hat trotzdem oft das Gefühl, dass man das System nicht ändern und damit nur (zu) wenig tun kann. Also achtet man zumindest minutiös auf seine Sprache und das Reflektieren des eigenen Handelns.

Erzählen ohne Punkte, dafür mit vielen Kommata

Und scheitert an den Ansprüchen, die „im Internet“ alle haben, wie Passmann beschreibt: Beim Fleisch, das man sich dann doch gönnt, den Mehrwegkaffeebechern, die man zu Hause vergisst, und der Political Correctness, die man theoretisch beherrscht, aber mindestens in den eigenen vier Wänden nicht immer durchhält.

In den langen Sätzen (ja, teilweise mehr als eine Seite lang), die Passmann nutzt, dem Erzählen ohne Punkte, dafür mit vielen Kommata, kann man auch die Schnelllebigkeit sehen, der man sich als junger Mensch 2021 oft verpflichtet fühlt. Andere Dinge bringt die Autorin einfach kurz und bündig auf den Punkt: „Pathos und Scham. Wenn man diesen beiden Gefühlen Sneaker anzieht, hat man jede Jugend.“

Eine ganze Generation kann wohl kein Buch abbilden, auch mit einem einzelnen Milieu wird es schon schwer (bei Passmann sind das die Globalisierungs- und Systemgewinner, die Mittelstandskinder, Architektenpaare und Zahnarztsöhne). Das ist in „Komplett Gänsehaut“ auch nicht der Anspruch. Trotzdem fängt Passmann sehr unterhaltsam ein, wie es sich anfühlt, heute 27 zu sein. Kaja Weber