Umstrittene Live-Clubs

Docks und Große Freiheit wollen Corona-Plakate nicht abbauen

| Lesedauer: 6 Minuten
Tino Lange
Polizeikräfte vor der Fassade der Großen Freiheit 36 mit den umstrittenen Corona-Plakaten. Sie sichern eine Pressekonferenz der „Ärzte für Aufklärung“.

Polizeikräfte vor der Fassade der Großen Freiheit 36 mit den umstrittenen Corona-Plakaten. Sie sichern eine Pressekonferenz der „Ärzte für Aufklärung“.

Foto: Roland Magunia

Plakate werben für Pandemie-Leugner. Club-Chefs wehren sich gegen Boykott der Konzertveranstalter und bitten um "Verständnis".

Hamburg.  Eine Woche nach der kontrovers diskutierten Ankündigung nahezu sämtlicher Hamburger Konzertagenturen, keine Veranstaltungen mehr in Docks und Großer Freiheit 36 zu planen, haben die beiden größten Livemusik-Clubs der Stadt jetzt eine Stellungnahme veröffentlicht.

„Wir sind in den Fokus geraten, weil wir Meinungen an unseren Fassaden eine Plattform geboten haben, ob wir diese nun teilen oder nicht. Diese Meinungen wenden sich gegen die politischen Maßnahmen in der Corona-Politik. Das Thema Corona und der Umgang damit, wird innerhalb der Belegschaft und auch der Eigentümer kritisch diskutiert. Nicht jeder Einzelne, auch innerhalb unseres Teams, ist mit jeder Veröffentlichung einverstanden. Wir sind uns aber alle einig, dass man die Meinung des Anderen tolerieren muss“, heißt es in dem Schreiben, das dem Hamburger Abendblatt vorliegt.

Gezeichnet ist es von dem Kieler Veranstalter Karl-Hermann Günther (Gründer und Betreiber von Docks und Große Freiheit 36), Susanne Leonhard (Geschäftsführerin Docks) und Benjamin Steinicke (Geschäftsführer Große Freiheit 36).

Plakate an Docks und Großer Freiheit sorgen schon lange für Streit

Seit Juni und Juli 2020 vermieten Docks und Große Freiheit 36, zu denen auch die kleineren Bühnen von Prinzenbar und Kaiserkeller gehören, ihre Frontfassaden für Plakate, mit denen kritischen und alternativen Stimmen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie eine Öffentlichkeit geboten werden soll. Einige Plakate sorgten bereits beim Start der Aktion, aber auch in den letzten Wochen für Diskussionen, weil sie nicht nur die Corona-Maßnahmen, die Berichterstattung der dort so genannten „Mainstream-Medien“ oder Gesundheitsrisiken infrage stellten, sondern sogar die Pandemie insgesamt.

„Corona – ein globaler Staatsstreich“ hieß es auf einem Plakat, weitere verwiesen auf umstrittene Persönlichkeiten wie dem nach antisemitischen Äußerungen vom rbb gekündigten Radiomoderator und Verschwörungmythologen Ken „KenFM“ Jebsen.

Konzertveranstalter distanzieren sich von Docks und Großer Freiheit

In einem offenen Brief distanzierten sich zuletzt FKP Scorpio, Karsten Jahnke Konzertdirektion, STP Hamburg Konzerte und viele weitere namhafte Agenturen von den international bekannten Clubs, die seit mehr als zwei Jahrzehnten Karrierestationen ungezählter beliebter Bands und Superstars waren: „Veranstaltungen unter eurem Dach kommen unter diesen Bedingungen für uns nicht infrage – den daraus entstehenden Schaden für alle Gäste und den Kulturstandort der weltoffenen Stadt Hamburg werden wir dafür in Kauf nehmen.“

In den Kommentarspalten der Auftritte der Agenturen in den sozialen Netzwerken sammelten sich teilweise über 1000 zumeist zustimmende, aber auch kritische Beiträge.

Kultursenator freut sich über Haltung der Konzertveranstalter

Auch Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD) schaltete sich in die Debatte ein: „Um es mit dem Songschreiber und Musiker Danny Dziuk zu sagen: ,Man darf in diesem Land beinah alles sagen. Nur muss man aber dann auch das Echo ertragen.‘ Insofern kann ich das Echo der Veranstalter gut verstehen und freue mich, dass sie so eindeutig Haltung in einer schwierigen Krise zeigen. Eine Musikstadt Hamburg ohne Docks und Große Freiheit 36 kann und mag ich mir trotzdem nicht vorstellen. Insofern hoffe ich, dass bei allem verständlichen Frust, auch hier die Vernunft siegt und diese Orte zwar Mythen bleiben, aber nicht mehr Verschwörungsmythen Vorschub leisten“, sagte er dem Abendblatt.

Docks und Große Freiheit: "Wir werden die Wände nicht abbauen"

„Vielleicht waren nicht immer alle Plakate ausgewogen, angemessen oder allgemeingültig. Vielleicht waren die Plakate teilweise einseitig. Vielleicht hat ein Autor in einem anderen Kontext Äußerungen getätigt, die mit unserer Auffassung, den Auffassungen unserer Besucher oder Auffassungen unserer Geschäftspartner nicht vereinbar sind“, schreiben die Club-Betreibenden jetzt in ihrer Antwort, „vielleicht kann man eine Quelle als ,rechtspopulistisch‘ oder ,verschwörerisch‘ ansehen, weil dort auch solche Inhalte möglicherweise veröffentlicht wurden. Selbstverständlich distanzieren wir uns von Rassismus, Nationalismus, Faschismus, Extremismus und Gewalt.“

Lesen Sie auch:

Die Plakatwände sollen allerdings weiterhin an den Clubfassaden bleiben, wenn auch mit einem anderen Konzept: „Wir bieten ein Forum für Meinungen, die sonst keinen Platz mehr bekommen. Dies war und ist im Wesentlichen unser Antrieb. Wir werden die Wände nicht abbauen. Wir werden die Wände weiterhin als Plattform benutzen, um die Meinungspluralität unserer liberalen Gesellschaft zu erhalten."

"Wir werden aber nunmehr als deutliches Zeichen dafür, dass wir für Toleranz, Meinungspluralität und friedlichen Diskurs stehen, die Wände für die Meinungen von Maßnahmenbefürwortern und Maßnahmenkritikern öffnen. Jeder zweite Rahmen steht für Veröffentlichungen, die von Maßnahmenbefürwortern an uns herangetragen werden, zur Verfügung. Jeder darf bei uns entsprechende Vorschläge machen und wir sind gerne bereit, diese zu veröffentlichen.“

Docks und Freiheit werben um "Verständnis und Unterstützung"

Wie die Konzertagenturen und die aufgebrachten Konzertfans und Künstlerinnen und Künstler, die sich in den vergangenen Tagen zu Wort meldeten, jetzt reagieren werden, spielt eine wichtige Rolle für die beiden Clubs, die mit jeweils 1500 Plätzen die wichtigsten mittelgroßen Konzertbühnen der Musikstadt sind – und bei einem zukünftigen Neustart des Konzertgeschäfts schwer verzichtbar.

„Unabhängig davon, ob man die Corona-Maßnahmen für sinnvoll oder sinnlos hält, wir alle leiden unter den Maßnahmen, wenn auch unterschiedlich stark. Eine solche Phase sollte geprägt sein von Verständnis und Unterstützung. Meinungsunterschiede sollten in diesen schweren Zeiten nicht mit schädigenden Handlungen einhergehen“, schreiben Docks und Große Freiheit 36, „unsere Clubs stehen auch weiterhin jedem Künstler offen, der für Toleranz, Sorgsamkeit und Vielfalt einsteht.“

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 2311 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 430.228), 465 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 44), 2373 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1435,3 (Stand: Sonntag).
  • Schleswig-Holstein: 1362 Corona-Fälle (477.682), 623 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 39). 2263 Todesfälle (+5). Sieben-Tage-Wert: 1453,0; Hospitalisierungsinzidenz: 7,32 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 12.208 neue Corona-Fälle (1.594.135), 168 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 7952 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1977,6; Hospitalisierungsinzidenz: 16,3 (Stand: Sonntag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 700 neue Corona-Fälle (381.843), 768 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 76), 1957 Todesfälle (+2), Sieben-Tage-Wert: 2366,5; Hospitalisierungsinzidenz: 11,9 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 1107 neue Corona-Fälle (145.481), 172 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 14), 704 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 1422,6; Bremerhaven: 2146,1; Hospitalisierungsinzidenz (wegen Corona) Bremen: 3,88; Bremerhaven: 7,04 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzen getrennt nach beiden Städten an).