Neue Einspielungen zu Ostern

Passionsmusik: Man sitzt da und lauscht atemlos

| Lesedauer: 6 Minuten
Marcus Stäbler
Die italienische Sopranistin Giulia Semenzato ist eine der ganz starken Stimmen bei der aktuellen Einspielung von Pergolesis „Stabat Mater“.

Die italienische Sopranistin Giulia Semenzato ist eine der ganz starken Stimmen bei der aktuellen Einspielung von Pergolesis „Stabat Mater“.

Foto: Zlatko Micic

Trost in schwierigen Zeiten: Viele Komponisten haben Teile des Passionsgeschehens vertont – eine Auswahl der besten Einspielungen.

Hamburg. Ein junger Mann wird von einem seiner besten Freunde verraten, von Soldaten gefesselt und abgeführt. Weil der Lynchmob, angestachelt von religiösen Fanatikern, seinen Tod herbeischreit, befiehlt der örtliche Chef der Besatzungsmacht, diesen jungen Mann zu kreuzigen – und lässt dafür einen Mörder frei.

Das ist, in groben Zügen, der historische Kern der biblischen Passionsgeschichte. Der junge Mann heißt Jesus, er predigt die Liebe und setzt sich für die Armen und Schwachen ein. Dass ausgerechnet er einen so grausamen Tod sterben muss, ist schon kaum zu begreifen. Dass er drei Tage später von den Toten aufersteht, noch schwerer zu fassen.

Trotzdem steht genau dieses Geschehen im Zentrum des christlichen Glaubens – weil es die Hoffnung auf ein Leben über den Tod hinaus vermittelt, die Idee von einem Gott, der uns nicht fallen lässt, auch wenn scheinbar alles verloren und zu Ende ist.

Passionsmusik als Trost zu Ostern

Nicht die Weihnachtstage, sondern Karfreitag und Ostern sind deshalb eigentlich das höchste Fest des Christentums. Umso dringender das Bedürfnis, dieses Fest mit einem Besuch in der Kirche feiern zu dürfen.

Das wird vielen Menschen in der Corona-Zeit nicht möglich sein, Osterruhe hin oder her. Als Trost bleibt neben Online-Gottesdiensten die Musik. Unzählige Komponisten haben Teile des Passionsgeschehens vertont – und dabei sehr ausdrucksvolle Werke geschrieben. Das ist in einer Reihe von neuen Aufnahmen zu spüren.

Giulia Semenzato flüstert im allerzartesten Pianissimo

Etwa beim Stabat Mater von Pergolesi, einem der einflussreichsten Werke der Musikgeschichte. Der lateinische Text kreist um das Bild der Mutter Maria, die den Tod ihres Sohns Jesus am Kreuz beweint. Pergolesi hat das geistliche Gedicht beinahe opernhaft vertont.

Seine Textausdeutung tritt in der Einspielung vom Ensemble Resonanz mit Riccardo Minasi so plastisch wie selten zu Tage. Wenn die Streicher im zweiten Satz ihre Akzente in die Saiten hacken, sieht man das Schwert förmlich vor sich, das die „seufzende Seele“ der Schmerzensmutter durchbohrt.

Am Ende wagt der Dirigent ein gedehntes Tempo

Mit Giulia Semenzato und Lucile Richardot hat Minasi zwei vokale Partnerinnen an der Seite, die diesen Weg mitgehen und dabei Grenzen ausloten. Als Jesus seinen Geist aushaucht, flüstert die Sopranistin Giulia Semenzato ihre letzten Töne im allerzartesten Pianissimo, ohne dass ihr die Stimme bricht. Solche Drahtseilakte muss man nicht nur wollen, sondern auch technisch können.

Minasi treibt den Ausdruck auf die Spitze. Und das verfehlt seine Wirkung nicht. Ganz am Ende, als Pergolesi eine Vision vom Paradies beschwört, wagt der Dirigent ein extrem gedehntes Tempo und scheint fast die Zeit anzuhalten. Aber er hält die Spannung, man sitzt da und lauscht atemlos. Ebenso wie zu Beginn, im ersten Satz, wo Streicher und Soli die schmerzvollen Reibungen auskosten – und die beiden Sängerinnen den Einsatz des Wortes „lacrimosa“ so verzögern, dass einem der Atem stockt.

Krimmel gibt der Figur des Jesus menschliche Züge

Eine sensationelle Aufnahme und ein Höhepunkt unter den aktuellen Einspielungen mit Musik zur Passions- und Osterzeit. Darunter auch selten aufgeführte Werke wie Händels Passion auf ein Libretto des Hamburger Ratsherrn und Dichters Barthold Heinrich Brockes. Der gereimte Text – im 18. Jahrhundert schwer angesagt – kommt uns heute schwülstig vor.

Doch darüber lässt sich hinweghören, wenn die Brockes-Passion so geschmackvoll aufgeführt wird wie unter Leitung von Jonathan Cohen. Sein Ensemble Arcangelo spielt mit einer schlanken Besetzung, in die zwei Lautenisten mit ihren Arpeggien eine besondere Färbung einträufeln. Der Tenor Stuart Jackson schildert die Leidensgeschichte lebendig, der Bariton Konstantin Krimmel gibt der Figur des Jesus menschliche Züge – und sorgt mit seinem balsamischen Timbre für die schönsten Momente der Aufnahme.

Stück von Anton Schweitzer zum ersten Mal auf CD

Ähnlich farbenreich klingt das Osteroratorium des wenig bekannten Komponisten Anton Schweitzer, einem Zeitgenossen von Joseph Haydn. Inspiriert von einem Text seines Dienstherrn, Herzog Ernst-Friedrich III. von Sachsen-Hildburghausen, feiert Schweitzer die Auferstehung Jesu in seinem Oratorium aus dem Jahr 1776 buchstäblich mit Pauken und Trompeten.

Er kontrastiert diese Freude jedoch mit nachdenklichen und schmerzvollen Momenten, in denen die Begegnung mit dem Grauen des Krieges ihre Spuren hinterlassen hat. Wenn der Tenor einen „Tag voller Schrecken“ besingt, führt Schweitzer sein Publikum durch die Kirchentür auf die Opernbühne, mit griffigen Rhythmen und Ohrwurmmelodien. Kein Wunder, dass Mozart den Komponistenkollegen sehr geschätzt hat.

Das Stück von Anton Schweitzer ist zum ersten Mal auf CD zu erleben – ganz anders als die Passionsmusiken von Johann Sebastian Bach. Sie sind schon zigfach eingespielt. Dass es sich trotzdem immer wieder lohnt, einen neuen Anlauf zu nehmen, demonstriert Hans-Christoph Rademann mit seiner Produktion der Matthäus-Passion.

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Obwohl sie unter coronabedingten Sicherheitsabständen entstanden ist, finden Vokal- und Instrumentalstimmen seiner Gaechinger Cantorey zu einer geschlossenen Einheit zusammen. Sei es in den dramatischen Volksszenen oder in den Chorälen, in denen das Geschehen reflektiert wird. Mit dem exzellenten Evangelisten Pa­trick Grahl formt Rademann eine dichte Erzählung des Leidenswegs Jesu, eng verzahnt mit den Arien der Solisten.

Dass sie nicht alle dasselbe Maß an Intensität, gestalterischer Freiheit und Wohlklang erreichen, ist der einzige Einwand gegen die Aufnahme. Dafür singt die Sopranistin Isabel Schicketanz umso berückender, wie in der Arie „Aus Liebe“. Eine zutiefst anrührende Musik, auch für Menschen, die sich nicht als christlich oder religiös begreifen.

Pergolesi: Stabat Mater Giulia Semenzato, Lucile Richardot, Ensemble Resonanz, Riccardo Minasi. (Harmonia Mundi) Händel: Brockes-Passion Sandrine Piau, Stuart Jackson, Konstantin Krimmel, u. a., Arcangelo, Jonathan Cohen. (Alpha Classics) Schweitzer: Die Auferstehung Christi Thüringer Bach Collegium, Gernot Süßmuth. (Capriccio) Bach: Matthäus-Passion. Isabel Schicketanz, Patrick Grahl, Peter Harvey, u. a., Gaechinger Cantorey, Hans-Christoph Rademann. (Accentus Music)