Konzertkritik

Ingo Metzmacher: Wiedersehen in der Elbphilharmonie

| Lesedauer: 5 Minuten
Marcus Stäbler
Dirigent mit Maske: Ingo Metzmacher beim Livestreamkonzert in der Elbphilharmonie.

Dirigent mit Maske: Ingo Metzmacher beim Livestreamkonzert in der Elbphilharmonie.

Foto: Claudia Höhne

Philharmonisches Staatsorchester und früherer Hamburger Generalmusikdirektor traten ohne Publikum auf – mit einer eindringlichen Musik.

Hamburg. Seine Haare sind ein bisschen grauer geworden. Und er dirigiert jetzt mit Brille. Aber die musikalische Handschrift von Ingo Metzmacher ist dieselbe geblieben. So, wie wir sie aus seiner Zeit als Generalmusikdirektor in Hamburg von 1997 bis 2005 in Erinnerung haben.

„Für mich ist das 20. Jahrhundert immer der Ausgangspunkt“, sagt Metzmacher im Pausengespräch des Livestreamkonzerts am Sonnabend, mit dem er seine Rückkehr zum Philharmonischen Staatsorchester feiert. Leider ohne Publikum im Großen Saal der Elbphilharmonie, aber mit einem tollen Programm.

Es beginnt mit einer Fuge aus dem Musikalischen Opfer von Johann Sebastian Bach, bearbeitet von Anton Webern, der das Original sozusagen nachkoloriert hat. Er instrumentiert Bachs Partitur mit der Farbpalette des großen Orchesters, indem er die Motive zerkleinert und auf mehrere Stimmen verteilt.

Konzert in der Elbphilharmonie: Ingo Metzmacher

Die Bildregie folgt diesem Prozess. Wir sehen und hören, wie die Partikel weitergereicht und verbunden werden: von der Posaune zum Horn und zur Trompete, von der Geige zur Klarinette und zurück. So entsteht ein kammermusikalischer Dialog, viele Orchestermitglieder tragen solistische Verantwortung, bestärkt durch den Sicherheitsabstand zu den Kolleginnen und Kollegen. Ihre Konzentration ist mit Händen zu greifen.

Ingo Metzmacher dirigiert in der Elbphilharmonie

Ingo Metzmacher verwebt die Fäden zu einem engmaschigen Geflecht und formt dichte Spannungsbögen. Beim mächtigen Tutti am Schluss fährt die Kamera hoch und zeigt das Orchester in der Totale. Ein majestätischer Auftritt – und ein starker Auftakt zu einem Konzert, dessen Stückauswahl gedankliche Verbindungen offenlegt.

Bei Hanns Eisler schimmert Hoffnung auf

So wie Johann Sebastian Bach oft die Tonfolge B-A-C-H in seine Werke einkomponiert hat, so rückt Dmitri Schostakowitsch das Anagramm D-ES-C-H ins Zentrum seines achten Streichquartetts. Eine persönliche Botschaft, chiffriert als dunkle Melodie. Offiziell hatte Schostakowitsch das Stück 1960 „Im Gedenken an die Opfer des Faschismus und des Krieges“ geschrieben – doch es ist zugleich auch eine Trauermusik in eigener Sache, geprägt von leidvollen Erfahrungen mit der Terrorherrschaft Stalins.

Die Herzensdüsternis, die ohnmächtige Wut und Verzweiflung: All das war auch in der packenden Aufführung der Philharmoniker mit der Streichorchesterfassung des Stücks zu spüren. In der gehetzten Energie des Allegro molto, die Metzmacher teilweise mit geballten Fäusten ins Orchester hineinboxte, aber auch im vierten Satz, mit seinen brutalen Akkordschlägen, die an Gewehrsalven erinnern. Eine eindringliche, aber auch sehr heftige Musik. Keine Hoffnung, nirgends.

Der eigentümliche Zauber der Lieder rückt ins Zen­trum

Die schimmert in den Ernsten Gesängen von Hanns Eisler zumindest vorsichtig auf. 1962, kurz vor seinem Tod, lastet auch auf ihm eine dunkle Schwere. Deprimiert von den Verbrechen des Stalin-Regimes, wird der überzeugte Kommunist von Zweifeln befallen. Hanns Eisler, gefeierter Schöpfer von Massenchören und DDR-Hymne, zieht sich in die Intimität des Lieds zurück, er vertont Texte von Dichtern wie Friedrich Hölderlin, die ein Grundgefühl der Einsamkeit und der Trauer artikulieren.

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Trotzdem soll der Sänger „durchweg freundlich, höflich und leicht singen“, wie Eisler ausdrücklich wünscht. Das gelingt Georg Nigl in der Elbphilharmonie phänomenal. Der Bariton führt sein edles Timbre traumwandlerisch sicher durch die weiten Intervallsprünge und meistert die Lagen- und Farbwechsel mit einer Nonchalance, als wäre es ein Kinderspiel.

Sprachsensibel rückt Nigl den eigentümlichen Zauber der Lieder ins Zen­trum. Sie changieren zwischen Zwölftonstrenge und spätromantischer Sinnlichkeit, zwischen dem gespenstischen
Ticken eines Marschrhythmus und Momenten von zarter Schönheit. So wie im ersten Lied, das die tröstende Kraft der Musik beschwört: „Sei du, Gesang, mein freundlich Asyl.“

Ingo Metzmacher versprüht eine diebische Musizierfreude

Nach der Seelenschwärze bei Schostakowitsch und Eislers Herbststimmung setzt das Programm noch einen knackigen Kontrast: mit der Suite aus Kurt Weills Dreigroschenoper für Blasorchester, in der auch Ohrwürmer und grelle Jahrmarktfarben ihren Platz haben.

Wissenswertes zur Elbphilharmonie:

  • Die Elbphilharmonie ist ein Konzerthaus, das als neues Wahrzeichen von Hamburg gilt
  • Sie wurde im Januar 2017 offiziell eröffnet
  • Das 110 Meter hohe Gebäude liegt in der HafenCity in Hamburg und soll mit seiner Form an Wellen, Segel und Eisberge erinnern
  • Wo heute die Elbphilharmonie steht, befand sich früher der Kaiserspeicher A
  • Das Konzept der Elbphilharmonie stammt von Projektentwickler Alexander Gérard und wurde bereits 2001 vorgestellt. Der Bau dauerte von 2007 bis Ende 2016
  • Die Baukosten betrugen 866 Millionen Euro

Ingo Metzmacher versprüht eine diebische Musizierfreude – und inspiriert das hier 17-köpfige Ensemble des Philharmonischen Staatsorchesters zu einer schmissigen Aufführung. Da hätte man gern ein paar Bravos hinterhergerufen.

Aber das wäre zu Hause vor dem Bildschirm dann sicher doch etwas albern.