Das gestürzte Genie

James Levine - Star-Maestro und Skandal-Dirigent

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James Levine (2006).

James Levine (2006).

Foto: dpa

Der langjährige Music Director der New Yorker Met ist tot. Am Ende seiner Karriere standen Machtmissbrauchs- und Missbrauchsvorwürfe.

Palm Springs. Plácido Domingo ist inzwischen nicht mehr denkbar ohne James Levine – und das nicht, weil beide auf einzigartige Welt-Karrieren und jahrzehntelange Verhalbgötterung zurückblicken durften.

Bei allem Respekt vor den künstlerischen Lebensleistungen, trotz aller Unschuldsvermutungen abseits von juristischen Bewertungen: Beide Namen, beide Stars stehen exemplarisch für selbstverschuldete Abstürze aus dem Klassik-Olymp ins Dubiose. Für Ausflüchte, Machtmissbrauch und Missbrauchsvorwürfe, unangemessenen Umgang mit jüngeren Menschen, deren Karrieren mit einer Daumenbewegung gemacht oder beendet werden konnten.

James Levine startete als Wunderkind am Klavier

Begonnen hatte Levines steiler Aufstieg mit einer rasanten Wunderkind-Phase am Klavier, die Erweiterung der Ausdrucksmöglichkeiten durchs Dirigieren erhöhte das Karriere-Tempo noch. Sein Lebenslauf, den er als „everybody’s Jimmy“ begann, ist vor allem mit einer Adresse verbunden: der New Yorker Metropolitan Opera.

Im Opernhaus der Stars amtierte er rekordverdächtige 40 Jahre lang, von 1976 bis 2016, als Musik Director sehr kurz vor der päpstlichen Unfehlbarkeit und dirigierte rund 2500 Vorstellungen. Dazu kamen Hunderte Platteneinspielungen. Außerdem und nebenbei: Dauerpräsenz bei allen großen Orchestern, an allen ersten Adressen, Stammgast in Salzburg und Bayreuth, you name it. Ein Über-Maestro.

Levine saß an einflussreichen Schalthebeln der US-Klassikbranche

Die Chef-Zeit als Celibidache-Nachfolger bei den Münchner Philharmonikern war nur kurz; im Anschluss, von 2004 bis 2011, war Levine dann lieber Chef des Boston Symphony Orchestra, er saß also in jenen Jahren an zwei der einflussreichsten Schalthebeln der US-Klassikbranche.

Bis durch die investigativen Recherchen unter anderem der „New York Post“ und der damaligen „Washington Post“-Musikkritikerin Anne Midgette ans Tageslicht kam, was jahrzehntelang hinter kaum noch vorgehaltener Hand immer wieder unumwunden zu hören gewesen war: Levines Vorliebe für junge Jungen und seine offenbar jahrelange toxische Behandlung junger Männer.

Levines musikalische Qualitäten waren epochal allumfassend

Zunächst wurde er suspendiert, nach einem zweijährigen erbitterten Streit trennten sich Levine und die Met endgültig im Bösen: Levine bestritt alles, klagte und forderte eher symbolische 5,8 Millionen Dollar als Schadensersatz von seinen ehemaligen Arbeitgebern für den Absturz. Man einigte sich etwa ein Jahr später. Die Met überwies 3,5 Millionen Dollar. Levines Nachfolge übernahm der Kanadier Yannick Nézet-Séguin.

Die musikalischen Qualitäten des Dirigenten und Pianisten Levine, der lange, schwere gesundheitliche Krisen durchmachte und zuletzt vom Rollstuhl aus seine Orchester befehligt hatte, waren epochal allumfassend: Wagner, Strauss, Maler, Mozart, Schönberg, das gängige Orchester-Repteroire rauf und runter, neben den Klassikern vor allem Brahms, Schubert, Schuman etc. pp., und dazu das energische Eintreten für Zeitgenössisches.

Auch dieser Teil seiner einzigartigen Karriere wird in Erinnerung bleiben. Wie jetzt bekannt wurde, ist James Levine am 9. März im Alter von 77 Jahren in Palm Springs gestorben.