Museen

Die Hamburger Deichtorhallen auf neuen Missionen

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Vera Fengler
Im September wird der Künstler Tom Sachs sein „Space Program“ in der Halle für aktuelle Kunst installieren.

Im September wird der Künstler Tom Sachs sein „Space Program“ in der Halle für aktuelle Kunst installieren.

Foto: Tom Sachs

Von Aby Warburg bis Tomi Ungerer, vom Familienporträt bis zur Weltraum-Installation – die Ausstellungen 2021 sind künstlerisch vielschichtig.

Hamburg.  Manchmal wird auch ein vorausdenkender Museumsmacher von der Realität eingeholt. So im Fall von Dirk Luckow. Der Deichtorhallen-Intendant hatte vor ein paar Tagen per Video über die (hoffentlich bald) zu eröffnenden Ausstellungen seiner drei Häuser berichtet und die noch laufenden Ausstellungen über William Kentridge und Katharina Sieverding angepriesen („Manches wartet hinter verschlossenen Türen auf die Besucher ...“), da war die Wiedereröffnung bereits beschlossene Sache, und der 12. März auf einmal so nah. Nun also auf in die eigentliche Saison 2021!

Die aufwendigst installierte Schau über das südafrikanische Multitalent Kentridge konnte bis in den Spätsommer verlängert werden. Im Anschluss daran, mit einem Jahr Verspätung, landet die lang ersehnte Weltraum-Installation „Space Program: Rare Earth“ von Tom Sachs in der Halle für aktuelle Kunst (19. September bis 10. April 2022). Der US-amerikanische Künstler zeigt die eigens für die Deichtorhallen konzipierte Fortsetzung seiner spektakulär inszenierten Reisen zum Mond, Mars und zu Jupiters eisigem Mond Europa, die bislang in Los Angeles, New York und San Francisco gezeigt wurden.

Familie ist auf der ganzen Welt anders und doch gleich

Auf 3800 Quadratmetern Fläche nimmt Sachs die Besucherinnen und Besucher mit auf seine Mission, die sich den Themen Imperialismus und Kolonialismus sowie Technikbegeisterung und der Suche nach Kontemplation widmet.

Im „Indoctrination Center“ werden sie auf die Reise vorbereitet – Interaktion ist ausdrücklich gewünscht bei diesem Ausstellungsexperiment, das mit der Bricolage-Technik arbeitet, das bedeutet, dass in den Objekten und Installationen durch materielle Wiederverwertung und künstlerische Verfremdung eine Umdeutung des ursprünglichen Gegenstands erfolgt.

Tradierte und neue Rollenbilder

Das Haus der Photographie startet am 2. April mit der Ausstellung „Family Affairs – Familie in der aktuellen Fotografie“ (Laufzeit bis 4. Juli 2022). Ingo Taubhorn hat darin 20 ausgewählte künstlerische Projekte aus aller Welt versammelt, die zum einen die unterschiedlichen fotografischen Herangehensweisen an das Thema und zum anderen die verschiedenen familiären Modelle und Lebensweisen zeigen.

Es geht um tradierte und neue Rollenbilder, intime Momente des Elternseins und des Älterwerdens, und natürlich geht es um Gefühle: Überforderung und Chaos werden ebenso thematisiert wie Liebe, Halt und Verzweiflung an der eigenen Familie.

Manchmal ist die eigene Familiengeschichte Ausgangspunkt der fotografischen Arbeit, manchmal ist es der ironisch-amüsierte Blick auf andere. Den Wechsel von subjektiver Erfahrung und objektiver Betrachtung versteht der Kurator als „transkontinentalen Diskurs“. Oder, anders formuliert: Familie ist auf der ganzen Welt anders und doch gleich.

Fotograf August Sander blickt auf sein Werk zurück

Nicht minder spannend dürften die drei folgenden Foto-Projekte werden, die vom 2. Juli bis zum 26. September im Haus der Photographie präsentiert werden: Da ist der britische Autodidakt Jack Davison, Jahrgang 1990, der bei seinen Werken auf historische Vorlagen zurückgreift und sich von Online-Communitys wie Flickr inspirieren lässt.

Oder der israelische Künstler Omer Fast, geboren 1972, der seine zwischen Fakt und Fiktion changierende Videoinstallation „August“ vorstellt: Im Zentrum steht der bedeutende deutsche Fotograf August Sander am Ende seines Lebens; dieser blickt auf die Entstehung seiner Porträtreihe „Menschen des 20. Jahrhunderts“ zurück.

Frida Orupabo (geboren 1986), Sozialarbeiterin mit norwegisch-nigerianischen Wurzeln, verknüpft Bilder aus dem Internet, Musikvideos, afroamerikanische Medien, kolonialgeschichtliche Dokumente und private Aufnahmen bei Instagram zu einem umfangreichen digitalen Archiv. Es dient als Grundlage, um das koloniale Erbe zu verstehen, zu verarbeiten und neu zu ordnen.

Im Herbst gibt es die 17. Ausgabe des wichtigsten deutschen Nachwuchs-Fotografiepreises „gute aussichten 2020/2021 – junge deutsche Fotografie“. Vom 16. Oktober bis 16. Januar 2022 werden die neun Preisträgerinnen und Preisträger mit ihren Arbeiten im Haus der Photographie ausgestellt.

Warburgs Bilderatlas und Ungerers originelle Zeichnungen

In der Sammlung Falckenberg, die von Sonntag an bis zum 25. Juli die renommierte Künstlerin Katharina Sieverding mit ihren Fotografien, Projektionen und Installationen von 1966 bis 2020 zeigt, folgt darauf ein berühmter Hamburger: „Aby Warburg: Bilderatlas Mnemosyne. Das Original“ (21. August bis 31. Oktober).

Der Kunsthistoriker Warburg entwickelte diesen Bilderatlas, um die Einflüsse der Antike auf die Renaissance und weit darüber hinaus sichtbar zu machen. In der Ausstellung ist die letzte dokumentierte Originalversion aus dem Jahr 1929 mit 971 Abbildungen und damit zum ersten Mal seit seinem Tod sein unvollendetes Hauptwerk zu erleben.

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Die letzte Ausstellungseröffnung des Jahres wird dem großen Zeichner Tomi Ungerer zu seinem posthumen 90. Geburtstag in der Sammlung Falckenberg gewidmet (27. November bis 27. März 2022). Bekannt wurde Ungerer mit Kinderbuchklassikern wie „Die drei Räuber“.

Eine Auswahl aus einem mehr als 300 Werke umfassenden Konvolut aus dem Nachlass Ungerers sowie Werken aus dem Straßburger „Musée Tomi Ungerer“ zeigt einen Querschnitt seines künstlerischen Schaffens, von der Kindheit bis zu späten Collagen und Objekten. Auch stellt die Ausstellung Verbindungen zwischen Motiven aus seinen Kinderbüchern zu seinen politischen und biografischen Büchern her und präsentiert bisher unveröffentlichte Werke und Werkgruppen.