Filmfestival

„Das Gefühl für das Festival geht mir verloren“

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Volker Behrens
Die Hamburger Regisseurin Monika Treut

Die Hamburger Regisseurin Monika Treut

Foto: imago images / APP-Photo

Die Berlinale läuft in diesem Jahr anders ab als sonst. Welche Eindrücke nehmen Vertreter der Hamburger Filmbranche mit?

Hamburg/Berlin.  So eine Berlinale gab es noch nie. Es wird zwar auch in diesem Jahr ein Wettbewerb durchgeführt, und die Jurys werden morgen ihre Sieger verkünden, aber an dem Festival aktiv teilnehmen können zurzeit nur Mitglieder der Filmbranche und Journalisten. Das Publikum muss sich bis zum Juni gedulden, wenn die Filme hoffentlich in den Kinos gezeigt werden können. Dann sollen auch die Bären öffentlich vergeben werden. Wie nehmen die Hamburger Filmbranchenvertreter diese Situation wahr?

Für Monika Treut sollte es in diesem Jahr eine ganz besondere Berlinale sein. Die renommierte Regisseurin hatte 1999 beim Festival ihren Film „Gendernauts“ vorgestellt. Die Dokumentation über Trans-Menschen in den USA, viele von ihnen Künstler, erregte viel Aufmerksamkeit, das Thema war damals beinahe filmisches Neuland. „Viele Leute, die wenig Ahnung von dem Thema hatten, waren begeistert“, erinnert sie sich.

Abaton möchte eine Hamburg-Premiere machen

Mehr als 20 Jahre später kehrte sie nach San Francisco zurück, um nachzusehen, was aus ihren Protagonisten geworden ist. „Genderation“ heißt ihr neuer Dokumentarfilm, der bei der Berlinale natürlich nur online zu sehen ist. Gedreht hat sie ihn in zwei Phasen 2018 und 2019. Die Erfahrungen, die sie bei der Neubegegnung mit dem alten Thema gemacht hat, sind ambivalent. „Die Stadt hat sich extrem verändert und hat jetzt eine der höchsten Lebenshaltungskosten der Welt. Die Szene von damals ist größtenteils zerschlagen worden.“

Auch Kriminalität ist in Kalifornien ein Thema. Sie und ihre Crew wurden überfallen, die 13.000 Euro teure Kamera wurde gestohlen. Die von ihr besuchten Transgender-Männer und -Frauen – die Älteste ist mittlerweile 84 Jahre alt – stimmten sie jedoch froh. Sie traf auf „Menschen, die sich wohl fühlten in ihrer Haut“ und auf „gelungene Lebensentwürfe“. Wann der Film ins Kino kommt, steht in den Sternen. Das Abaton möchte gern eine Hamburg-Premiere machen und Treut hofft, dass der Film außerdem im Juni im Publikumsteil der Berlinale gezeigt werden kann.

Anfragen aus Berlin und Armenien

Alexandra Luetkens von der Film Commission der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein ist unter anderem Ansprechpartnerin für Filmproduktionen, die überlegen, ob sie im Norden drehen sollen. Nach zwei Berlinale-Tagen hatte sie bereits Anfragen aus Berlin und Armenien bekommen. Normalerweise betreut sie einen entsprechenden Stand im Gropius-Bau und organisiert dort Treffen mit den Filmemachern. Das ist jetzt alles anders. „Es ist manchmal schwer, sich online eine Bild zu machen“, stöhnt sie. „Immerhin sparen wir durch die ausbleibenden Reisen viel CO2 ein.“

Ihre Arbeit habe nun einmal viel mit Menschen zu tun“, sagt Kathrin Kohlstedde vom Filmfest Hamburg, die normalerweise und schon seit Jahren die zu erwartende „Filmernte“ des kommenden Jahres in Berlin sichtet. Natürlich könne sie das auch jetzt auf einem kleinen Bildschirm, aber sie findet: „Das Sehen verändert sich dadurch enorm.“ Berlin gilt für sie normalerweise als Vorbereitung für Cannes, wo sie die meisten Filme für das Filmfest einsammelt. Das Festival in Südfrankreich ist bereits vom Mai in den Juli verschoben worden. Aber ob es dann wirklich klappt – wer weiß das heute schon?

Überall werden mit Hochdruck neue Projekte entwickelt

Michael Eckelt und Lennart Lenzing von der Hamburger Riva Film fahren normalerweise zur Berlinale, um internationale Produzenten zu treffen. In diesem Jahr gibt es stattdessen nur Zoom-Meetings. „Das funktioniert sehr wirklichkeitsnah“, sagt Eckelt, nachdem er sich mit gerade mit Kollegen aus Brasilien, den USA und Deutschland ausgetauscht hatte. Aber er spürt auch Nachteile.

„Mir geht das Gefühl für das Festival völlig verloren.“ Angesichts des Lockdowns sind die Möglichkeiten der Filmindustrie begrenzt. „Alle entwickeln wie wahnsinnig neue Projekte“, sagt Lenzing. Wichtig sei, möglichst viele Pfeile im Köcher zu haben, „wenn es wieder losgeht“. Momentan herrsche die Ruhe vor dem Sturm. Aber ob es genügend Crew-Mitglieder gibt, wenn alle gleichzeitig neue Filme drehen wollen? Er ist da skeptisch.

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Bevor Maike Mia Höhne die künstlerische Leiterin der KurzFilmAgentur in Hamburg wurde, hatte sie zwölf Jahre lang die Kurzfilmsektion Berlinale Shorts geleitet. „Filme müssen verteilt werden“, findet sie. Es gebe zwar viele Online-Veranstaltungen, aber insgesamt fühle sich das Festival zurzeit an „wie gehäutet“. Ihr gefällt der Online-Auftritt des Festivals nicht so gut.

„Die Seitenführung ist nicht so ideal.“ Für sie war die Berlinale auch immer eine emotionale Angelegenheit. „Berlin ist für mich das tollste Festival, weil hier normalerweise das Publikum und die Industrie zusammenkommen. Aber jetzt bin ich auch ganz glücklich in Hamburg.“ Es ist eben wirklich in diesem Jahr eine ganz und gar andere Berlinale.