Symphoniker Hamburg

Premiere: Konzertfilm mit einer groovenden Martha Argerich

| Lesedauer: 3 Minuten
Marcus Stäbler
Pianistin Martha Argerich spielte in Hamburg mit alterslosem Temperament und feinem Farbsinn (Archivbild).

Pianistin Martha Argerich spielte in Hamburg mit alterslosem Temperament und feinem Farbsinn (Archivbild).

Foto: picture alliance / dpa

Die bald 80-jährige Pianistin träumt sich und das Publikum an einen friedlichen Ort – und zückt dann die perkussive Waffe.

Hamburg. Aus der Not eine Tugend machen. Das funktioniert oft nicht so leicht, wie es gesagt und gedacht ist. Aber die Symphoniker Hamburg haben es geschafft – mit einem schönen, vorproduzierten Konzertfilm aus der Laeiszhalle, der am Freitag Premiere hatte und jetzt auf der orchestereigenen Website kostenfrei nachzuschauen ist.

Die aktuellen Abstandsregeln zwingen zu einer weit verteilten Aufstellung. Rund dreißig Meter liegen zwischen den Musikerinnen und Musikern am äußersten Rand, wie Chefdirigent Sylvain Cambreling im Pauseninterview betont. Eine echte Herausforderung. Doch die nutzen Cambreling und sein Orchester zu ihrem Vorteil.

Symphoniker Hamburg: Beethoven klingt kammermusikalisch

So luftig und durchlässig, wie die Sitzordnung auf der Bühne choreografiert ist, wirkt auch die Interpretation. Beethovens achte Sinfonie – vom Klassik-„Titan“ ganz untitanisch angelegt – klingt wunderbar kammermusikalisch und transparent. Das uhrwerkshafte Ticken der Staccati im zweiten Satz, die spöttische Eleganz im Menuett und das Wechselspiel von getupften, geschabten und gebürsteten Tönen.

All das ist von den Symphonikern klar modelliert und von den Mikrofonen fast schon mikroskopisch genau abgebildet. Dass dabei auch minimale Unschärfen im Zusammenspiel zu Tage treten, gehört einfach zum gefühlten Live-Erlebnis dazu.

Dirigent Cambreling regelt Einsätze via Augenkontakt

Sylvain Cambreling – ganz in schwarz, die grauen Haare zum Pferdeschwanz gebündelt – dirigiert mit bloßen Händen und regelt manchen Einsatz via Augenkontakt. Oft mit Beethovens Witz im Blick.

Das ganze Programm verströmt ein heiteres Klima, auch in den beiden Werken von Maurice Ravel, mit denen die Beethoven-Sinfonie gerahmt ist. Im „Tombeau de Couperin“, eigentlich eine Trauermusik, recycelt Ravel barocke Tanzformen und rückt die hellen Farben der Holzbläser in den Vordergrund.

Kamera zeigt Detail-Aufnahmen der Musiker

Die Kamera folgt dem Geschehen aufmerksam und nimmt uns mit ins Innenleben des Orchesters. Sie zeigt, wie die Finger des Oboisten auf den Klappen krabbeln, wie die Flötistin atmet oder die Harfenistin ihre Saiten streichelt.

Solche Details sind mit Einstellungen aus der Totale kontrastiert, wir gleiten frontal am Orchester vorbei, das künstliche Auge ist immer auf Achse. Hier und da hätte die Bildregie gern etwas mehr Ruhe wagen dürfen. Auch in einer kurzen Doku über den frisch restaurierten Flügel der Symphoniker, dem im Film geradezu metaphysische Kräfte angedichtet werden.

Martha Argerich spielt Ravels Klavierkonzert in G-Dur

Wie facettenreich das Instrument unter den richtigen Händen klingt, demonstriert die großartige Martha Argerich am Schluss des Programms, in Ravels Klavierkonzert in G-Dur. Mit alterslosem Temperament und feinem Farbsinn durchlebt die bald 80-jährige Pianistin die Charakterwechsel, die der Komponist inszeniert hat.

In jazzigen Momenten groovt sie am Flügel wie auf einem Bar-Piano. Mit der zarten Melodie im zweiten Satz träumt Argerich sich und ihr Publikum an einen stillen, friedlichen Ort – um die Tastatur dann im Finale fast wie ein Schlaginstrument zu betrommeln. Als eine Art perkussive Waffe im Zwist mit dem Orchester, das hartnäckig seine Einwürfe dazwischen haut.

Ein brillantes Stück, manchmal schrill, beeindruckend virtuos und äußerst kurzweilig. Beifall und Bravos wären angebracht. Aber ohne Publikum im Saal kein Applaus. Ein kurzes Nicken von Dirigent und Solistin, das wars. „Es ist ein Ersatz“, sagt Cambreling im Interview. „Aber ein absolut nötiger Ersatz.“