Unterhaltung während Corona

Nein heißt Nein: Feministische Superheldin gegen das Böse

| Lesedauer: 7 Minuten
Peter Zander
Die Israelin Gal Gadot, einst Miss Israel 2004, spielt auch in diesem Teil die Titelrolle – und hat den Film koproduziert.

Die Israelin Gal Gadot, einst Miss Israel 2004, spielt auch in diesem Teil die Titelrolle – und hat den Film koproduziert.

Foto: picture alliance / Everett Collection

Der Film „Wonder Woman 1984“ erlebt seine Premiere nun auf Sky statt im Kino. Und wirkt dabei wie eine Post-Trump-Trauma-Verarbeitung.

Wie schade, dass „Wonder Woman 1984“ nicht doch schon vergangenen Sommer gestartet ist. Wie aktuell wäre da mal mitten im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf ein eskapistischer Superheldenfilm gewesen! Geht es im zweiten Solo-Abenteuer der amazonenhaften Titelheldin doch um Chaos in Washington, Eindringlinge im Weißen Haus, einen Präsidenten, der die ganze Nation via Fernsehstrahlung einer Gehirnwäsche unterziehen will.

Und inmitten all dessen ein egomanischer, durchs Fernsehen zu zweifelhaftem Ruhm gekommener Unternehmer, der lauter faule Deals macht, auch mit dem US-Präsidenten, und am Ende von dessen Pressepult aus das Volk manipuliert, während die Nationalflagge im Sturm flattert.

Film enthält offensichtliche Trump-Metapher und wichtige Warnung

Wie aktuell wäre der Film gewesen, nicht nur mit dieser fast schon zu offensichtlichen Trump-Metapher und einem Showdown vorm Oval Office, sondern auch mit der steten Warnung, die der Film mantraartig repetiert: Keine Lügen!

„Keine wahre Heldin wird aus Lügen geboren“, wird Wonder Woman als kleines Kind, als sie noch nicht mal ein Wonder Girl ist, ermahnt. „Nichts Gutes wird aus Lügen geboren!“, mahnt sie selbst als gereifte Heldin. Eine Sprechblasensuperfrau als letzte Kämpferin gegen Fake News und die Verbreitung von Hass.

Bekam das Studio kalte Füße bei den Analogien zu Trump?

Waren das dem Hollywoodstudio Warner Bros. schon zu viele Analogien? Haben die Konzernchefs kalte Füße bekommen – und waren womöglich ganz glücklich, mit Corona einen guten Grund zu haben, den Film zu verschieben?

Geplant war der Start für Sommer, und die Kinos, die nach dem ersten Lockdown wieder öffnen durften, hofften auf genau drei Filme, die das Publikum zurückbringen sollten: „Tenet“, „Mulan“ und „Wonder Woman 1984“. Doch „Tenet“, ebenfalls ein Warner-Titel, lief als einzige große Hollywoodproduktion an, während Disney „Mulan“ als Werbebonbon für sein neues Streamingportal einsetzte.

Premiere in Deutschland auf Sky statt in den Kinos

„Wonder Woman 1984“ lief in den USA erst zu Weihnachten in einigen Kinos an, wurde zeitgleich aber auch für einen Monat, und ohne Aufpreis, auf HBO Max angeboten. In Deutschland erlebt der Film seine Premiere nun auf Sky – bevor er dann, irgendwann einmal vielleicht, auch auf die großen Leinwände kommen könnte. Wie schade. Mit dieser Verschiebetaktik hat der Film jegliche Aktualität verloren. Und wirkt nur noch wie eine Post-Trump-Trauma-Verarbeitung.

Dabei rührt der Film gleich noch an ein anderes ureigenes Thema: den amerikanischen Traum. Die Hoffnung also, dass im Land der unbegrenzten Möglichkeiten jeder Wunsch in Erfüllung gehe. Zum Inbegriff dessen wird ein magischer Stein. Der landet im Washingtoner Smi­thonian Museum, wo Wonder Woman (Gal Gadot), wie Comics-Fans ja wissen, unter ihrer Tarnidentität Diana Prince als Archäologin arbeitet.

Magischer Stein erfüllt jeden Wunsch

Wer neben dem Stein steht und „Jetzt einen Kaffee“ stöhnt, dem wird gleich einer angeboten. Und wenn die schusselige neue Museumskollegin Barbara Minerva (Kirsten Wiig) seufzt, sie möge endlich mal wahrgenommen werden, wird aus dem grauen Entlein über Nacht ein stolzer Schwan.

Bald aber hat der fiese Fernseh-Promi Maxwell Lord (Pedro Pascal) es auf diesen Stein abgesehen, um alle Macht an sich zu reißen. Und die Heldin ist selbst lange hin- und hergerissen. Der Stein ist nämlich auch ein ziemlich kühnes dramaturgisches Mittel, um das Finale des ersten „Wonder Woman“-Films glattzubügeln. Der spielte noch im Ersten Weltkrieg – Wonder Woman altert nicht.

Stein lässt große Liebe von Wonder Woman auferstehen

Doch ihre große Liebe Steve – und der zweite Star des Films, Chris Pine –, starb einen Heldentod. Wie nun den Frauenschwarm überzeugend für Teil zwei reanimieren? Indem sich eben auch die Wunder-Frau in der Nähe des Steins schmerzlich nach ihrem Steve sehnt. So dass der alsbald leibhaftig vor ihr steht.

Man kennt das schon aus Märchen: Die Erfüllung solcher Wünsche hat immer einen Haken. In diesem Fall verliert man das Wertvollste. Wonder Woman ist plötzlich nicht mehr super, sondern verletzbar. Um ihre magischen Kräfte zurückzugewinnen, müsste sie ihren größten Wunsch zurücknehmen.

Wonder Woman muss größten Wunsch für Superkräfte eintauschen

Und nicht nur sie. Auch die unattraktive Kollegin. Auch der Rest der Welt. Erst heißt es „Wünsch dir was“ und dann plötzlich „Wünsch dir nix“. Das ist auch eine ziemlich unverhohlene Kapitalismuskritik im Gewande eines Popcornfilms.

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Eigentlich haben Patty Jenkins, die wie im ersten Teil Regie führte und diesmal auch am Drehbuch mitschrieb, und Gal Gadot, die erneut ihr „Lasso der Wahrheit“ schwingt und den Film auch koproduziert hat, alles richtig gemacht: „Wonder Woman 1984“ funktioniert prima als Unterhaltungsfilm, gerade auch in spaßbefreiten Corona-Tagen. Es streut Aktualitäten hinein, obwohl der Film absichtsvoll in tiefer Vergangenheit spielt – 1984, nicht das Orwell-Jahr, sondern das von Aerobic, Leggings und Rollerblades.

Film sowohl politisch als auch feministisch

Der Feminismus prescht hier im Mainstreamkino weiter voran, indem Wonder Woman nicht nur gegen toxische Männlichkeit kämpft, sondern gegen die ebenfalls zu Wunderkräften kommende Minerva. Auch die MeToo-Bewegung findet hier Einzug. Ein Nein ist ein Nein, und wenn ein Mann das nicht akzeptieren will, bereut er das schnell.

Doch auch die Brutalität anderer Blockbusterfilme wird drastisch zurückgefahren. Gegner werden nur ausgeknockt, nie getötet. Und wenn sie mal gegen die Wand geworfen werden, stößt man einen Sessel hinterher, damit sie weich fallen. Alles also politisch korrekt.

Kontroverse um Vergewaltigung eines Mannes

Doch mit der Abwahl von Trump ist der politische Subtext verpufft. Der Film kommt zu spät. Und schlimmer: Wonder Woman wurde selbst zum Stein des Anstoßes. Der tote Geliebte kehrt nämlich im Körper eines fremden Mannes zurück. Der Film erzählt aber nicht, ob mit dessen Einverständnis.

Eines Morgens erwacht das Paar im selben Bett. Wonder Woman hatte also wohl Geschlechtsverkehr – mit ihrem Steve in einem anderen Körper. Das löste eine Kontroverse aus, ob dies nicht als Vergewaltigung eines wehrlosen Mannes aufgefasst werden könnte. Gegen solch einen Shitstorm hilft wohl auch kein Lasso der Wahrheit.