Buchkritik

Was Bill Kaulitz mit Thomas Bernhard verbindet

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Foto: Ullstein Buchverlage GmbH

In „Career Suicide" erzählt Bill Kaulitz von früher im Osten. Fabjans Buch über Bernhard hingegen ist ein sachlicher Bericht.

Hamburg. Schon früh wurde diese vollendete Kunstgestalt zu einem „der 100 nervigsten Deutschen“ gewählt. Aber die Musik seiner Band verkaufte sich noch und nöcher. Tokio Hotel war vor anderthalb Jahrzehnten der Hit. Wir erinnern uns nur zu gut: Als Teenie-Phänomen war die Band bisweilen auch eine Ohrenqual. Aber Bill Kaulitz, der Nonkonformist und Querdenker, ist spätestens jetzt mit seiner Autobiografie rehabilitiert. Für was auch immer, eigentlich: für nichts. „Durch den Monsun“ ist ja nicht einmal ein schlechter Song.

In „Career Suicide. Meine ersten dreißig Jahre“ (Ullstein, 22 Euro) erzählt Kaulitz, jetzt Los Angeles, von früher im Osten, von der Dresche, die die Zwillingsbrüder Tom und Bill bezogen, weil sie anders waren. Und anders sollte Bill insbesondere bleiben. Davon handelt dieses erstaunliche Buch, das auch die gerne lesen werden, die Rock-Sagas mögen.

Wenn Bill von der kindlichen Freude – was sonst, sie waren Kinder – an einem 130-Quadratmeter-Loft in Hamburg-Bahrenfeld schreibt und von der Panik, die er als Superstar unter Morddrohungen durchlebte, setzt sich das Kaulitzmosaik zusammen. Ja, um seine sexuelle Orientierung geht es hier auch. Und zugegeben, mal will es dann auch endlich mal wissen. „Ein großes Heldenepos“, schreibt Stuck­rad-Barre im Vorwort. Durchaus.

Von Kaulitz zu Bernhard


Von Kaulitz zu Bernhard, das geht zum Beispiel über jenen Vorwortschreiber, der Bernhardianer ist, erklärter. Oder auch über das Geschlechtliche – in „Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard. Ein Rapport“ (Suhrkamp, 24 Euro) fächert der Halbbruder Peter Fabjan Herkunft und Wesen des österreichischen Literaturgiganten auf. Bernhard (1931–1989) sei schlicht asexuell gewesen, schreibt Fabjan. Man lässt sich dann doch leicht zu dem unstatthaften und erschreckend banalen Gedanken hinreißen (literarische Hass-Eruptionen als Sublimation des Triebs), wie das die Kunst Bernhards initiierte.

Fabjans Buch ist ein sachlicher Bericht mit einordnenden Sequenzen sowie Bernhard-Zitaten à la „Meine Krankheit ist die Distanz“. Ein Scheusal mit Freundlichkeitsattacken ist jener Egozentriker gewesen. Fabjan gibt dazu einen genauen Abriss der vielfach gebrochenen Lebensläufe von Bernhards Vorfahren. Überforderte Mutter, vergötterter Großvater, egaler Stiefvater. Bruder, Schwester, beste Freundin, sie alle kommen hier zu Wort und sind doch nur das Beiwerk im Leben des Genies gewesen, das sich grundsätzlich alle Menschen mit Schreiben vom Leibe hielt.

( tha )