Pianistin

Karin Kei Nagano: "Als Kind habe ich Klavierüben gehasst"

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Karin Kei Nagano an der Binnenalster. Mindestens einmal im Jahr besucht sie Hamburg.

Karin Kei Nagano an der Binnenalster. Mindestens einmal im Jahr besucht sie Hamburg.

Foto: Marcelo Hernandez

Sie ist die Tochter von Dirigent Kent Nagano und Pianistin Mari Kodama. Gerade ist ihre dritte CD erschienen.

Hamburg. „Ich trage einen großen Namen“ ist eine der ältesten Sendungen im deutschen Fernsehen. Seit inzwischen 44 Jahren versuchen Rateteams wöchentlich herauszubekommen, mit welcher Berühmtheit der jeweilige Studiogast verwandt ist. Auch Karin Kei Nagano wäre eine gute Kandidatin, ist die 22-Jährige doch die Tochter von Hamburgs Generalmusikdirektor Kent Nagano und dessen Frau, der Pianistin Mari Kodama. Mit „Reincarnation“ hat sie beim kanadischen Analekta-Label gerade ihre dritte CD veröffentlicht, auf der sie Schuberts letzte Klaviersonate (von 1828) mit einem Auszug aus Messiaens „Vingt regards sur l’enfant-Jésus“ (von 1944) verbindet.

Normalerweise würde Karin Kei Nagano jetzt wohl einige Konzerte spielen, um die neue Aufnahme auch live zu präsentieren, doch nicht nur wegen der Corona-Pandemie hat die gebürtige Kalifornierin, die vor allem in Paris aufgewachsen ist, derzeit andere Pläne. Sie ist nach Hamburg gekommen, um nach dem Abschluss ihres Architekturstudiums in Yale im Büro von Designer Peter Schmidt zu arbeiten. Einige Wochen werde sie in der Stadt sein, erzählt sie, und deshalb ihre Eltern endlich auch wieder etwas längere Zeit am Stück sehen können.

Im Alter von drei Jahren begann sie mit dem Klavierspiel

Wie sehr Kent Nagano und Mari Kodama den Lebensweg ihres einzigen Kindes geprägt haben, wird klar, wenn die Tochter aus ihrer Kindheit erzählt. Im Alter von drei Jahren habe sie mit dem Klavierspiel begonnen, schon mit sechs an ersten Wettbewerben teilgenommen, mit neun dann auch gewonnen. In dem Jahr, 2007, gab sie zudem ihr internationales Konzertdebüt mit einem Mozart-Klavierkonzert. „Furchtbar nervös“ sei sie vor all diesen Auftritten gewesen, sagt sie.

Auf den ersten Blick klingt das nicht gerade nach einer unbeschwerten Kindheit, doch Karin Kei Nagano sieht das differenziert: „Bis ich elf oder 12 war habe ich das Üben tatsächlich gehasst, ich fand es furchtbar“, erinnert sie sich. „Aber schon kurze Zeit später, vielleicht war ich da 14, wurde mir klar, dass tatsächlich nur Beständigkeit und Ausdauer auf ein hohes Niveau führen.“ Gewiss sei ihre Kindheit und Jugend anders verlaufen als die ihrer Freundinnen („Ich hatte einen ziemlich strikten Tagesplan und meine Eltern haben großen Wert auf eine grundlegende kulturelle Bildung gelegt.“), doch wie innig die Beziehung ist, zeigen nicht nur aktuelle Fotos, etwa von gemeinsamen Opernbesuchen.

Gemeinsame Surf-Nachmittage mit dem Vater

Karin erinnert sich auch mit spürbarer Wärme an gemeinsame Surf-Nachmittage mit dem Vater. Im kalifornischen Morro Bay, wo Kent Nagano 1951 geboren wurde, seien sie oft viele glückliche Stunden lang gemeinsam im Wasser gewesen. Beide hätten dabei völlig das Gefühl für die Zeit verloren und ihr Vater sei ein so begeisterter Surfer, dass er bei Orchesterproben immer wieder Surf-Analogien benutze, um emotionale Befindlichkeiten zu beschreiben. In jedem Fall sei sie sehr dankbar für die Ausbildung, die ihr die Eltern ermöglicht haben, denn „sie wollen immer das Bestmögliche erreichen – genauso wie ich“.

Auch wenn die Familie aus beruflichen Gründen häufiger räumlich getrennt ist, einmal in der Woche kommen alle per Zoom-Videokonferenz zusammen. „Dann spielen wir mit einigen sehr engen Freunden Kammermusik oder das Solorepertoire, an dem wir gerade arbeiten.“ Nach Pflicht klingt es nicht, wenn sie davon erzählt, eher nach einem Wochenhöhepunkt. Ja, sie möge dieses Zusammensein sehr, bestätigt Karin Kei Nagano, und schätze die konstruktive Kritik ihrer Eltern, die sie künstlerisch stets weiterbringe.

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Wie weit, das zeigen auch erste Rezensionen ihrer CDs. Das Fachmagazin „Gramophone“, weltweit die Nummer eins unter den Klassik-Publikationen, lobte etwa ihr „exquisites Spiel“ und ihre „große Persönlichkeit“, die kanadische Tageszeitung „La Presse“ vergab für das aktuelle Album vier Sterne. Einer ihrer Mentoren ist mit Alfred Brendel eine Klavierlegende, bei der auch schon Mari Kodama studierte. Mit ihm erarbeitete Karin Schuberts B-Dur-Sonate D 960, die sich auf „Reincarnation“ findet. „Viele Einsichten in das Stück habe ich ihm zu verdanken“, sagt sie. Im CD-Booklet findet er ausdrücklich Erwähnung als jemand „ohne den dieses Album nicht möglich gewesen wäre“.

Doch das Leben von Karin Kei Nagano kreist keineswegs nur um das Piano. Ihre zweite große Liebe ist die Architektur. Nicht umsonst, so erklärt sie lächelnd, habe Arthur Schopenhauer die Architektur als „gefrorene Musik“ bezeichnet. Ob Rhythmus, Harmonie oder Melodie: Alles könne in eine feste Form überführt werden und finde sich in der Architektur wieder. Konkrete Berufspläne gebe es bislang nicht, vielleicht laufe alles auf eine „Tandem-Karriere“ hinaus, bei der Musik und Architektur gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Jetzt gehe sie erst einmal bei Designer Peter Schmidt „in die Lehre“, dann werde sie weitersehen.

Ihr „großer Name“ mag Karin Kei Nagano bisher die ein oder andere Tür geöffnet haben, hindurchgegangen jedoch ist sie jedes Mal selbst – mit ganz eigenem Talent und aus eigener Kraft.