Corona-Krise

Ein Weihnachtsfest in Hamburg ohne Live-Konzerte

| Lesedauer: 7 Minuten
Holger True
Jamaica Papa Curvin lebt in Hamburg. Seine Weihnachtskonzerte, hier in der Fabrik, sind legendär.

Jamaica Papa Curvin lebt in Hamburg. Seine Weihnachtskonzerte, hier in der Fabrik, sind legendär.

Foto: picture alliance

Ob Reggae-Legende, Rockband, Opernsängerin oder Geiger: In diesem Coronajahr enden viele Traditionen.

Hamburg. Ein Heiligabend ohne die „X-Mas-Reggae-Show“ von Jamaica Papa Curvin? Daran können sich viele Hamburger Konzertgänger gar nicht erinnern. Mehr als drei Jahrzehnte lang war der Auftritt des heute 77-Jährigen in Markthalle oder Fabrik ein fester Termin nach der Bescherung im Familienkreis, doch in diesem Coronajahr ist auch das anders. Statt mit seinem Sohn Pat, der inzwischen das Gros der Show bestreitet, auf der Bühne zu stehen und sich mit mehr als 1000 Fans in selig wabernden Grooves zu wiegen, bleibt Jamaica Papa Curvin zu hause.

„Meine Konzerte haben so viele Menschen zusammengebracht“, sagt er. „Paare haben sich dort kennengelernt und sind inzwischen Eltern, deren Kinder selbst zu den Shows kommen.“ Natürlich sei es traurig, dass daraus in diesem Jahr nichts werde, auch weil es so wichtig gewesen wäre, dass sich die „heilende Kraft der Musik“ in diesen eher düsteren Zeiten entfalte. Aber es ist eben nicht zu ändern. Er selbst werde an diesem Abend auf seine geliebten Roots-Reggae-Riddims allerdings nicht verzichten. Der Vater von sechs Kindern und Opa von 13 Enkelkindern feiert erstmals seit 35 Jahren nur im kleinen privaten Kreis – mit anderen Musikern. „Wir machen davon ein Video und schicken es an Freunde.“ Das sei doch besser als nichts. Und überhaupt blicke er trotz allem positiv in die Zukunft: „Liebe ist die Antwort, es liegen gute Dinge vor uns.“

Extrabreit-Sänger Kai Hawai arbeitet am neuen Roman

Während bei Jamaica Papa Curvin vor allem der Heiligabend in diesem Jahr anders verläuft, sind die Veränderungen für die Band Extrabreit deutlich gravierender. Zwar steht ihr traditioneller Jahresabschlussgig in Hamburg immer erst ein paar Tage nach Weihnachten auf dem Programm, doch davor hätte eine „Weihnachts-Blitztour“ mit 17 Konzerten in ganz Deutschland gelegen – fast die Hälfte der insgesamt 37 abgesagten Extrabreit-Auftritte in diesem Jahr. „Wir rechnen auch nicht ernsthaft damit, dass es vor Winter 2021 wieder ,normale‘ Konzerte geben wird“, sagt Sänger Kai Hawaii.

„All das ist natürlich zum Mäusemelken und nur mit einer gesunden Portion Stoizismus zu ertragen.“ Langeweile werde er allerdings auch über die nun so ungewöhnlich stillen Weihnachtstage nicht haben: „Ich arbeite verschärft an meinem neuen Roman, halte mich mit langen Walks und Heim-Workout so gut es geht fit, lese viel und schaue Serien.“ Ein weiterer „üblicher Verdächtiger“, der stets pünktlich zum Jahresende auf einer Hamburger Bühne steht, ist Ian Cussick (66). Der Sänger ist für seine Fans eine Art lebender Kalender. Wenn er – in den vergangenen Jahren gemeinsam mit der Band Lake – in der Fabrik auftritt, ist Silvester nicht mehr fern.

Generalpause an Weihnachten

Doch nach 20 Jahren wird auch sein Weihnachten nun ein „sehr ruhiges und zurückgezogenes“. Keine Bandproben, keine Überarbeitungen der Setlist, stattdessen: Generalpause. Aber der gebürtige Schotte, für den Hamburg die zweite Heimat ist, blickt eher optimistisch auf das kommende Jahr: „Die Leute sind ausgehungert. Wenn die Clubs und Hallen wieder öffnen, wird es einen riesigen Ansturm auf Konzerte geben.“ Wohl alle Künstlerinnen und Künstler vermissen den Kontakt zum Publikum, Ida Aldrian hat ihn immerhin lange halten können. Die Mezzosopranistin, Mitglied des Ensembles an der Hamburger Staatsoper, konnte auftreten, der Probenbetrieb lief und läuft weiter.

Doch der erneute Lockdown hat auch ihr Weihnachten durcheinander gewirbelt. „Meine Mutter sagt, ich sei die vergangenen zwölf Jahre nie über die Feiertage zuhause gewesen“, erzählt sie. „Tatsächlich war ich zwar an Heiligabend bei der Familie, bin aber am ersten Feiertag nach Berlin, Nürnberg oder Hamburg gefahren, um dort zu singen.“ In diesem Jahr sollte sie am 25. Dezember in Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ auf der Bühne stehen. „Hänsel ist einer meiner Lieblingsrollen“, sagt die 34-Jährige, „ich habe bis zuletzt gehofft, dass wir spielen dürfen.“

2020 war emotional ein hartes Jahr

Gerne wäre sie zumindest zu den Eltern in die Steiermark gefahren, aber das ist in diesem Jahr nicht möglich: „Ich müsste nach der Rückkehr in Hamburg in Quarantäne und würde die in der Oper angesetzten ,Manon‘-Proben verpassen.“ Deshalb wird es in diesem Jahr auch nichts mit der familiären Hausmusik („Wir holen eigentlich immer die Blockflöten raus, aber das geht nicht per Videokonferenz“).

Zwar sei sie als Ensemblemitglied anders als all die freiberuflichen Künstler finanziell abgesichert, dennoch habe sie 2020 als emotional hartes Jahr erlebt. Und es werde ja noch eine Weile dauern, „bis wir nicht mehr für Kameras, sondern für ein Publikum im Saal singen“. In einen leeren Saal wird auch Adrian Iliescu blicken. Der Konzertmeister der Symphoniker Hamburg hätte zum achten Mal in Folge an Weihnachten gespielt, am 25. Dezember das Orchester im Großen Saal der Laeiszhalle sogar geleitet. Hätte. Stattdessen wird es für ihn ein sehr ruhiges Fest mit seiner Frau und seinem Bruder, beide eben falls Geiger. „In den vergangenen Jahren konnte ich mich an Heiligabend nie richtig entspannen, weil ich ja einen Tag später ein Konzert hatte“, sagt er.

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Doch dieses Kribbeln, es fehlt jetzt, daran ändert auch die Aufzeichnung eines Symphoniker-Streams (Beethovens Neunte), der an Silvester ausgestrahlt wird, nichts. Gelitten habe er in diesem Jahr vor allem an den emotionalen Berg- und Talfahrten, sagt Iliescu. „Als wir das Gefühl hatten, dass es mit den Konzerten endlich wieder richtig losgeht, kam der nächste Lockdown.“ Und 2021? „Ich bin voller Hoffnung. Das Publikum war uns auch in diesem Jahr immer treu und die Musik wird sowieso überleben.“ Egal wie alles kommt und wie rasch der Corona-Spuk hoffentlich verschwindet: Weihnachten 2020 dürfte auch für alle Künstlerinnen und Künstler unvergesslich bleiben.

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