Buchkritik

Dieses Buch hat das Zeug zum Weihnachtsklassiker

| Lesedauer: 3 Minuten
Maike Schiller
Rainer Moritz leitet das Literaturhaus Hamburg.

Rainer Moritz leitet das Literaturhaus Hamburg.

Foto: Erwin Elsner / picture alliance

Herzerwärmend und witzig: Rainer Moritz' Erzählung „Fräulein Schneider und das Weihnachtsturnier“ erscheint rechtzeitig zum Fest.

Hamburg.  In einem Punkt ist Weihnachten genau wie Fußball: Es folgt, vornehmlich, einem fest vereinbarten Regelwerk. Nussmakronen, Kirche, Bescherung, natürlich. Aber auch: Jankertragen, draußen kein Kicken, „und die Freunde zu besuchen schickte sich nicht“. So jedenfalls ist es in Konrads schwäbischer Familie. Die bundesrepublikanisch-biedere Welt, sie teilt sich ein in das, was sich gehört (weil es schon immer so war oder wegen der Nachbarn) und was eben nicht. Und so gibt auch Konrads Mutter ihrem Jungen selbstverständlich Benimmvorgaben auf den Weg, als er dem Fräulein Schneider, einer ehemaligen Buchhalterin aus der Firma des Vaters, einen Heiligabendhöflichkeitsbesuch abstattet. Nicht ahnend, wie sehr ausgerechnet hier die Abweichung von jeglicher Norm für ein nachhaltig wirkendes Weihnachtswunder sorgen wird.

Denn während Konrads eigene Familie aus Menschen „mit geringem Überraschungseffekt“ besteht, ist das pensionierte Fräulein Schneider ein Ausbund an Schrulligkeiten. Äußerlich eine resolute, etwas aus der Form geratene Miss Marple (oder jedenfalls: eine Margaret Rutherford), Käfer-Cabrio-Fahrerin (mit Lederkappe!) – aber vor allem anderen: eine Fußballverrückte.

Mit unangezweifelter Expertise in Buchhaltungs- wie Bundesliga-Tabellen und mit Dauerkarte in der Ostkurve ihres lokalen „Vereins für Rasenspiele“. „Fräulein Schneider und das Weihnachtsturnier“ hat Rainer Moritz, Leiter des Hamburger Literaturhauses, seine Erzählung genannt, die nun, rechtzeitig zum Fest und in tannengrünem Einband, in der Edition Chrismon erschienen ist. Und die – so viel sei direkt verraten – von solch herzerwärmender Originalität ist, dass sie das Zeug zum Weihnachtsklassiker hat.

Statt Rührseligkeiten jedweder Couleur gibt es Tipp-Kick

Dabei ist Moritz’ weibliche Hauptfigur zwar in mancherlei Hinsicht „gut in Schuss“ – jegliche Weihnachtssentimentalität aber geht ihr ab. Während das Fräulein Schneider Konrad nötigt, seiner Mutter vorzugaukeln, sie würde einzelne Lamettafäden bügeln („das wird sie beeindrucken“) und „Nana Mouskouri singt Weihnachtslieder aus aller Welt“ auflegen (eine Platte, die sich mit Sicherheit tatsächlich im Hause Moritz findet, auch dem Autor selbst sind kuriose Leidenschaften nämlich nicht fremd), staunt der Junge ob dieser offensichtlichen Unwahrheiten.

Statt Tannenbaum hat Fräulein Schneider eine krumm gewachsene Fichte in der Stube, backen kann sie nicht, schmücken kann sie nicht, Rührseligkeiten jeglicher Couleur sind nicht ihr Ding. Stattdessen: Tischfußball. Mit Tipp-Kick-Figuren aus Blei, kleinen Korkbällen, für die man sich den Begriff Kuboktaeder merken muss, fotokopierten Spielregeln und entscheidenden Fußballweisheiten: „Ich bitte dich, Konrad, übertriebener Torjubel, was soll das sein?“ Und aus den bald regelmäßigen Besuchen des Jungen erwächst eine verrückte Idee, die sogar Jürgen Klinsmann zu einem Cameo-Auftritt im Ländle verhilft ...

Rainer Moritz gelingt es, die Feiertags-Heimeligkeit sanft zu verspotten und sie trotzdem zu beschwören. Pointen und Situationskomik kann dieser Autor ohnehin (es gibt sehr lustige Lamettaszenen und eine ziemlich drollige Keksteller-Typologie), aber die Zuneigung zu seinen Figuren wie auch zu den Ritualen der Weihnachtszeit ist dabei immer spürbar. „Fräulein Schneider und das Weihnachtsturnier“ ist ein warmherziger, witziger und in diesen Tagen angemessen nostalgischer Band, der dem norddeutschen Leser mit dem „Böckinger Feldgeschrei“ zudem eine kulinarische Wissenslücke schließen dürfte.

Rainer Moritz: „Fräulein Schneider und das Weihnachts­turnier“, Edition Chrismon, 128 Seiten, 12 Euro