Corona-Lockdown

Kunst in Hamburg – das passiert hinter verschlossenen Türen

Blick in den leeren Zuschauerraum eines Theaters.

Blick in den leeren Zuschauerraum eines Theaters.

Foto: Getty Images

Das Publikum kann gerade keine Kulturorte besuchen, gearbeitet wird dort trotzdem. Acht Menschen und ihre Innenansichten.

Hamburg. Da steht man nun also vor den Theatern, Konzerthäusern und Museen wie einst der junge Gerhard Schröder vor dem Bundeskanzleramt: „Ich! Will! Da! Rein!“ Geht bloß leider (noch) nicht, da hilft auch kein Zaunrütteln, die Tore sind zu und werden es eine ganze Weile bleiben. Nach heutigem Stand ist dem Publikum noch bis zum 10. Januar der Zutritt verwehrt in die Kulturorte der Stadt. Vorstellungen und Konzerte fallen aus, Premieren und Ausstellungseröffnungen werden erneut verschoben.

Gearbeitet allerdings wird trotzdem – und nicht zu knapp. Hinter den verschlossenen Türen steht das Hamburger Kulturleben lange nicht so still wie im ersten Lockdown, als vielerorts auch der Betrieb zumindest teilweise pausierte. Im Dezember proben die Ensembles und Orchester, es wird vorbereitet und aufgeholt, geplant und angebahnt, gefilmt und gestreamt. Was passiert da? Wer werkelt dort? Und woran eigentlich? Wir haben hineingeschaut und nachgefragt – bei einem Regisseur und einer Tänzerin, einem Sammlungsleiter und einer Schauspielerin, einem Club-Programmchef und einer Dramaturgin, einer Kuratorin und einem Orchestermusiker. Acht ganz persönliche Protokolle aus einem Arbeitsalltag in verrückten Zeiten.

Elbphilharmonie

Barbara Lebitsch, künstlerische Betriebsdirektorin: Diese Woche ist das Haus sehr voll, es brummt geradezu. Von außen mag es wirken, als wären wir im Urlaub, tatsächlich haben wir fast einen normalen Betrieb – nur eben ohne Konzerte. Das NDR Elbphilharmonie Orchester probt für eine Radio-Liveübertragung am Freitag, und Thomas Hengelbrock nimmt mit dem Balthasar Neumann Chor und Ensemble im Großen Saal Bachs h-Moll-Messe auf, die dann kurz vor Weihnachten von uns ge­streamt wird.

Es klingt vielleicht absurd, aber ich habe in dieser Zeit ohne Konzerte mehr Arbeit als vor Corona. Ich plane um, ich sage ab, ich plane neu, ich sage wieder ab. Normalerweise bin ich im Dezember mit der Planung der nächsten und übernächsten Saison beschäftigt, aber das ist in diesem Jahr noch viel komplizierter als sonst. Niemand weiß ja, ab wann große Orchester wieder reisen und auftreten dürfen, ich plane also für ganz unterschiedliche Szenarien und bin ständig im Austausch mit Künstlern und Agenturen.

Bereits seit März gibt es alle vier Wochen ein virtuelles Treffen mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen europäischen Konzerthäusern. Da geht es um landesspezifische Quarantäneregeln, erlaubte Besetzungsgrößen in den jeweiligen Ländern und die Frage, wie wir als Veranstalter gemeinsam neue Programme entwickeln können.

Gerade erst habe ich mit dem Orchester des Bayerischen Rundfunks gesprochen, das Ende Januar bei uns spielen soll, um Programmdetails zu klären. Niemand weiß, ob die Rahmenbedingungen das Konzert dann auch zulassen, aber wir müssen uns natürlich darauf vorbereiten – und notfalls alles wieder umplanen oder absagen.

Die Österreicherin Barbara Lebitsch ist seit 2018 künstlerische Betriebsdirektorin in der Elbphilharmonie, zuvor war sie dort seit 2015 leitende Konzertdramaturgin

Deutsches Schauspielhaus

Julia Wieninger, Schauspielerin: Wir hatten die Proben zu „Quai West“ mit dem Regisseur Michael Thalheimer im März abgebrochen, jetzt sind wir wieder mittendrin. Ich finde es schön, dass wir auf der großen Bühne proben können, das ist luxuriös – und nicht so weit draußen wie die Probebühne in Wandsbek! Ich spiele die Cecile, und bei einem Satz höre ich heute anders hin als zum Probenbeginn: „Das war der Anfang der Krankheiten, die uns das Blut ansteckten.“ Das Bühnenbild ist extrem, auf so einer Schräge habe ich noch nie gespielt. Ein bisschen sind es schon Proben mit Handbremse, aber wir können gut Abstand halten, die Inszenierung funktioniert so, außerdem machen wir immer wieder Corona-Tests.

Hier am Haus fühle ich mich sehr aufgehoben. Ich bin froh, dass ich arbeiten kann. Es ist schon die zweite Produktion, die ich für das Gefrierfach probe, die wird dann zur Premiere „aufgetaut“. Die erste war „Geschichten aus dem Wiener Wald“, die haben wir ja als erste Geister-Premiere ohne Publikum gezeigt. Es war mir aber die ganze Zeit bewusst, dass uns Leute zuschauen, als Erlebnis war das toll. Und als die Kameras aus waren, haben wir uns auf der Bühne heftig selbst applaudiert.

Julia Wieninger ist seit 2013 Ensemblemitglied am Deutschen Schauspielhaus. Für ihre Darstellung der Winnie in „Glückliche Tage“ bekam die Schauspielerin 2015 den Rolf Mares Preis. Bernard-Marie Koltès’ „Quai West“ sollte am 17. Dezember Premiere feiern, ein neuer Termin steht noch nicht fest.

Kampnagel

Ursina Tossi, Tänzerin und Choreografin: Wir arbeiten gerade an dem Tanzstück „Revenants“, das sich mit Queer-Feminismus und Wiedergängerinnen der Geschichte beschäftigt. Wir sind sechs Tänzerinnen auf der Bühne und haben dafür eine Infektionsgemeinschaft gegründet, das heißt, wir wohnen für die Zeit des Projektes auch zusammen. So können wir tanzen, ohne auf Abstände achten zu müssen.

Es ist schön, mit anderen Künstlerinnen zu arbeiten, auch die Dramaturgie und der Musiker kommen – mit Abstand und Masken – regelmäßig in die Kampnagelhalle k1. Unser Thema aber ist kein Leichtes, das gesellschaftliche Stagnieren spürt man auch in angestrengten, schweren Körpern. Am Mittwoch wollen wir „Revenants“ streamen. Wir haben drei Kameras aufgebaut, es soll ein Appetithappen sein für die richtige Premiere im Sommer.

Ursina Tossi lebt u. a. in Hamburg. Die Uraufführung von „Revenants“ wird am 9.12., 20.30 Uhr, kostenlos live auf kampnagel.de gestreamt.

MARKK

Rahel Wille, Kuratorin: Gerade stecken wir mitten im Aufbau der Ausstellung „Steppen & Seidenstraßen“, unserer großen Jahresausstellung, die ich mit kuratiert habe. Neben der Auswahl von Exponaten aus verschiedenen Museumssammlungen gehörte dazu auch das Sichten von historischen Fotografien und Filmen sowie Interviews und Reisenotizen.

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, eine Ausstellung aufzubauen, aber ohne Aussicht auf diesen Moment, wenn am Eröffnungsabend die Türen aufgehen und zum ersten Mal Besucherinnen und Besucher den fertigen Raum zu Gesicht bekommen. Dieser Augenblick, das stellen wir gerade fest, macht doch einen wesentlichen Teil der Aufregung und auch der Motivation auf den letzten Metern aus. Nun werden wir wohl nach dem letzten Handschlag in der Ausstellung das Licht ausmachen und jeder einzeln nach Hause gehen.

Rahel Wille fing 2008 als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Museum am Rothenbaum (MARKK) an. Seit 2019 ist sie dort Kuratorin.

Hamburger Kunsthalle

Markus Bertsch, Sammlungsleiter: Ein Museum ohne Besucherinnen und Besucher – das wirkt richtiggehend beklemmend auf mich. Die Kunst fristet in den verwaisten und dunklen Räumen ein trauriges Dasein. Dafür habe ich jetzt etwas mehr Zeit, um in den Sammlungsräumen über etwaige Umhängungen nachzudenken und diese in die Wege zu leiten. Unter Normalbetrieb konzen­triert sich das auf die Montage, an denen das Museum für Publikum geschlossen hat.

Was meinen Arbeitsalltag betrifft, hat sich abgesehen davon aber gar nicht allzu viel verändert. Denn die meiste Zeit verbringe ich im Büro oder in der Bibliothek. Es gibt allerhand zu tun: Mitte nächsten Jahres soll der dreibändige Bestandskatalog der Gemälde des 19. Jahrhunderts erscheinen, und für Ende August 2021 bereite ich mit meiner Kollegin Karin Schick und unserem Volontär Jasper Warzecha eine Neupräsentation der deutschen und französischen Impressionisten aus unserer Sammlung vor. Ach ja, und der 250. Geburtstag von Caspar David Friedrich, den wir 2024 feiern werden, wirft auch bereits seine Schatten voraus…

Markus Bertsch ist seit 2014 Leiter der Sammlung 19. Jahrhundert an der Hamburger Kunsthalle. Zuletzt kuratierte er dort die Ausstellung „Making History“.

Thalia Theater

Thorleifur Arnarsson, Regisseur: Eigentlich hätten wir am vergangenen Donnerstag Premiere mit „Ibsen-Komplex oder Der Kampf um die Wahrheit“ hier im Thalia Theater gehabt. Stattdessen proben wir einfach weiter. Ich habe schon zweimal Erfahrungen mit Inszenierungen in der Pandemie gemacht: Meine Umschreibung der „Orestie“ an der Berliner Volksbühne kam im Oktober heraus, bei „Peer Gynt“ am Wiener Burgtheater haben wir die Proben abgebrochen. Und hier in Hamburg proben wir jetzt für einen Premierentermin, den wir nicht kennen.

Ein Theaterabend entsteht ja erst wirklich, wenn Zuschauer kommen. Ich denke darum gerade viel über den grundsätzlichen Sinn und Zweck des Theaters nach. Was bleibt, wenn dieser Kern, das Ritualistische, nicht da ist? Wenn Zuschauer nicht kommen können, ist das Theater nicht existent. Andererseits hemmt mich das beim Inszenieren nicht. Die Realität ist so hart, da kann es wirklich schön sein, sich ins Theater zurückzuziehen, wo man träumen kann, wenn die Welt schon so ernüchternd ist. Wir haben eigentlich tolle Konditionen: Wir können die große Bühne viel mehr nutzen, die Schauspieler müssen nicht ständig zwischen Proben und Vorstellungen hin- und herspringen, es gibt eine andere Art von Konzentration. Man kann sorgfältiger an Momenten arbeiten. Das Grübeln, das Suchen, der künstlerische Prozess bleiben. Dieser Druck ist auch nicht kleiner. Aber anders.

Unser Stück handelt von der Täuschung und der Hoffnung auf Wahrheit. Das Fundament ist Ibsens „Wildente“, aber auch der „Volksfeind“ spielt mit hinein. Es geht um große Veränderungen, große Konsequenzen. Hier drinnen beschäftigt man sich auf eine Art mit dem, was da draußen passiert. Was mich an Ibsen immer fasziniert, ist seine genaue Beobachtung des menschlichen Bedürfnisses, sich eine eigene Realität zu schaffen. Wie weit das gehen darf, wie gefährlich das ist, das sind interessante Fragen der Gegenwart.

Der Isländer Thorleifur Örn Arnarsson, Schauspieldirektor an der Berliner Volksbühne, arbeitet das erste Mal am Thalia. Seine Burgtheaterinszenierung „Die Edda“ gastierte bei den Lessingtagen im Januar. Wann „Der Ibsen-Komplex“ (u.a. mit Jens Harzer und Marina Galic) zur Premiere kommt, steht noch nicht fest.

Staatsoper

Matthias Hupfeld, Schlagzeuger im Philharmonischen Staatsorchester: Eigentlich sollte es in diesem Jahr noch eine Premiere der „Fledermaus“ geben, auch das Neumeier-Ballett „Beethoven II“ war geplant, und wir sind tatsächlich in den Orchesterproben dafür. Aber es ist eben ein ständiges Stop-and-go und die ursprüngliche Saisonplanung gilt längst nicht mehr. Wenn doch, dann sind die Besetzungen coronabedingt stark verkleinert. Bei der „Fledermaus“ reden wir gerade mal von etwa 20 Musikerinnen und Musikern.

Im Orchester sind wir in Kohorten aufgeteilt, die sich nicht begegnen – und auch nicht begegnen dürfen. Das ist ein sehr komplexes System. Um bei den Proben die erforderlichen Abstände einzuhalten, spielen wir zudem nicht nur in unserem eigentlichen Probensaal, sondern zusätzlich auch auf der größeren Probebühne 1 oder sogar direkt auf der Bühne der Staatsoper. Natürlich bin ich jetzt abends häufiger zu Hause, weil ja die Aufführungen wegfallen, aber die Probenarbeit ist nicht weniger geworden.

Was ich in diesen Monaten wirklich vermisse, ist der Kontakt zu Kollegen, auch aus der Gruppe der Schlagzeuger, die ich wegen des Kohortensystems seit Beginn des ersten Lockdowns nicht mehr gesehen habe. Diese sozialen Kontakte innerhalb eines Orchesters sind so wichtig. Und sie fehlen mir wirklich.

Matthias Hupfeld gehört dem Philharmonischen Staatsorchester seit 2004 an

Knust

Dirk Matzke, Booker und DJ: Leider zwingt uns die Pandemie erneut in die Knie, aber darauf sind wir seit neun Monaten eingestellt. Manche Veranstaltungen haben wir bereits vier-, fünfmal verschoben, aber wir versuchen, möglichst viele Konzerte zu streamen – unter Coronabedingungen.

Alle tragen bei der Produktion Maske, ich habe immer meinen Abstandsmesser zur Hand, und Getränke gibt es am Tresen und nicht backstage. Nach dem Aufbau von Band und Filmteam und Soundcheck gibt es, eine halbe Stunde bevor wir online gehen, noch einmal eine kurze Besprechung des Ablaufs mit dem Ergebnis, die Show doch ohne Drehbuch zu machen: Augen zu und durch und den Leute zu Hause zeigen, dass wir Spaß haben und das Publikum mitnehmen wollen.

Alleine mal wieder den Bass im Bauch zu spüren ist ein tolles Gefühl. Das Vorprogramm und die Aftershow gestalte ich als DJ, die Zuschauer können derweil virtuell am Tresen trinken und sich im Chat Songs wünschen. Das Feedback ist klasse, trotzdem hoffen wir, bald wieder Abende mit Publikum im Knust erleben zu können.

Der Hamburger Dirk Matzke stellt als Booker seit 1991 das Livemusik-Programm im Knust zusammen, erst an der Brandstwiete und seit 2003 am Neuen Kamp im Schanzenviertel

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