Aufgeblättert

Sprachbegeisterung und ein Leben voller Drogenexzesse

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Pascal Mathéus

Foto: Imago; Montage: HA

Einige der interessantesten deutschsprachigen Autoren unserer Zeit stammen aus Österreich. Drei von ihnen haben neue Bücher vorgelegt.

Hamburg.  Clemens J. Setz (Jahrgang 1982) hat ein Faible für alles Abseitige. Auch sein neues Buch mit dem Titel „Die Bienen und das Unsichtbare“ (Suhrkamp, 416 S., 24 Euro) macht da keine Ausnahme. Es ist schwer, eine Gattungsbezeichnung für das Werk zu finden, das neben sachbuchartigen Passagen erzählerische Episoden enthält, jedoch auch Tagebuchaufzeichnungen sowie zahlreiche Gedichte. Die meisten von ihnen sind in Plansprachen verfasst – Esperanto und Klingonisch dürften noch die bekannteren sein. Aber wer hat schon einmal etwas von Prashad oder Talossa gehört? Mit unersättlicher Neugierde geht Setz den Geschichten von Erfindern und herausragenden Dichtern dieser Sprachen nach. Erzählt wird all dies in einem glasklaren Stil, der die stupende Kenntnis und die ansteckende Begeisterung des Autors wirkungsvoll transportiert.

Abseitiges begegnet uns auch in Stefanie Sargnagels neuem Buch „Dicht“ (Rowohlt Hundert Augen, 256 S., 20 Euro). Die 1986 in Wien geborene Autorin erzählt darin die Geschichte ihrer Jugend. Zwischen Hippies, Alkis und anderen Außenseitern verträumt sie ihre Tage, probiert Drogen aus und schmeißt schließlich kurz vor der Matura die Schule. Man könnte dem Buch vorwerfen, dass das Weltbild der Heldin, die ihre Mitmenschen nur in „konservativ“ und „alternativ“ unterteilt, reichlich einfältig ist. Doch Sargnagel nähert sich ihrem jüngeren Ich durchaus mit Selbstironie. Was aber vor allem für das Buch einnimmt, ist die Fülle von skurrilen Charakteren, die mit viel Empathie und Humor gezeigt werden. Es handelt sich um Menschen, in deren Denk- und Gefühlswelten wir sonst kaum Einblick erhalten. Zudem hat man zwar schon viele Geschichten von männlichen Taugenichtsen gelesen. Eine weibliche Heldin ist in diesem Genre aber eine Neuheit, die einen aufregenden und manchmal geradezu erschreckenden Perspektivwechsel bedeutet.

Sowohl inhaltlich als auch formal ungewöhnlich präsentiert sich Xaver Bayers (Jahrgang 1977) gerade mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichneter Roman „Geschichten mit Marianne“ (Jung und Jung, 184 S., 21 Euro). In jedem Kapitel wird eine fantastische Begebenheit erzählt, in der sich der Ich-Erzähler einer bestimmten Urangst ausgesetzt sieht. Meistens geht die Bedrohung von seiner in allen diesen albtraumhaften Szenen anwesenden Freundin Marianne aus, manchmal werden sie gemeinsam bedrängt. Der Roman führt auf aufregende Weise vor, dass im Leben zu zweit keine Geborgenheit liegt, dass vielmehr Verlustangst und erotische Spannung das Leben existenziell unter Druck setzen. Das gilt besonders für Zeiten, in denen die Regeln des Geschlechterverhältnisses neu verhandelt werden.