Schwindelerregend

Elbphilharmonie: Schauspieler überwindet seine Höhenangst

Der Thalia-Schauspieler Pascal Houdus spielt für die neue Lockdown-Serie über den Dächern der Stadt.

Der Thalia-Schauspieler Pascal Houdus spielt für die neue Lockdown-Serie über den Dächern der Stadt.

Foto: Roland Magunia / HA

Das Thalia besucht für die Webserie „Theater der Lüfte“ die höchsten Orte Hamburgs. Wir waren bei den ersten Dreharbeiten dabei.

Hamburg.  Was für ein außergewöhnlich attraktiver Mensch André Szymanski ist, ist keine Neuigkeit. Die meisten, die den Schauspieler einmal auf der Bühne des Thalia Theaters gesehen haben, werden da zustimmen. Wie gut Szymanski aber tatsächlich aussieht, sieht man erst, als er auf dem Balkon der Elbphilharmonie steht, schwarzer Mantel, dunkler Schal. Er schiebt sich eine Sonnenbrille auf die Nase und lässt seinen Blick über die Hamburger Innenstadt schweifen, stumm, souverän, cool . „Mir fällt gerade auf, dass du mit dieser Sonnenbrille aussiehst wie Steve McQueen!“, ruft Matthias Günther, und Szymanski reagiert so abgeklärt, wie nur ein Steve McQueen-Doppelgänger reagieren kann. „Ist ja nicht das schlechteste.“

Elbphilharmonie: Szymanski trotzt Höhenangst

Dass Szymanski trotz Höhenangst und Corona-bedingt geschlossenem Konzerthaus bei bitterer Kälte auf dem windigen Balkon steht, hat seinen Sinn, ebenso dass Günther ihm den Bauch pinselt: Das Thalia dreht in der Elbphilharmonie die ersten Szenen der Webserie „Theater der Lüfte“, die während des Theater-Lockdowns dafür sorgen soll, dass das Publikum seine Künstler nicht vergisst.

Und damit der Schauspieler nicht gehemmt ist, damit er fröhlich drauflos improvisieren kann, lockert Günther die Stimmung ein wenig auf. Mit Lob. Das kann der im Hauptberuf als Dramaturg am Thalia beschäftigte Günther, der ist nämlich ein ganz alter Theaterhase, und als solcher hat er Tricks parat, um Schauspieler weich zu bekommen: indem er ihnen sagt, dass sie aussehen wie Steve McQueen.

"Theater der Lüfte": Mehr als lustige Pandemieclips

„Theater der Lüfte“ besteht aus einer Reihe kurzer Clips, schnell, instinktiv, spektakulär, gedreht an den höchsten Punkten der Stadt, als Erinnerung an ein Theater, das gerade aus Gründen des Infektionsschutzes stillsteht. „Wenn die Erde verseucht ist, gehen wir in die Luft“, beschreibt Thalia-Intendant Joachim Lux das Projekt, was ein wenig ungenau formuliert ist, weil die Corona-Gefahr ja eben in der Luft, in den Aerosolen, versteckt ist.

Klarer ist ein kurzer Text, den das Haus „Theater der Lüfte“ vorangestellt hat: „Engel und andere Geister der Lüfte sind seit jeher die kybernetischen Boten zwischen Himmel und Erde“, heißt es da. „Der Mensch hat keine Begabung, Luftgeist oder Engel zu sein. Die Kunst schon und mit ihr: die Künstler.“ Das tendiert inhaltlich stark ins Religiöse, aber es beschreibt, was der Dramaturg Günther mit seiner Arbeit möchte: nicht nur lustige Pandemieclips drehen, die das Thalia auf Youtube am Leben halten sollen, sondern das Theater als Verbindung zwischen Irdischem und Überirdischem stärken.

Nebelfelder erzeugen ein unwirkliches Licht

Überirdisch ist die Stimmung in schwindelnder Höhe auf jeden Fall. Es ist frisch, aber der morgendliche Dunst hat sich verzogen – war es am Vormittag etwa noch nicht möglich, eine Drohne einzusetzen, liegt die Elbphilharmonie jetzt in strahlendem Sonnenschein, letzte Nebelfelder hängen über den Harburger Bergen und erzeugen ein unwirkliches Zwischenlicht. Atemberaubend. Überirdisch.

Ensemblemitglied Jirka Zett spricht eine Passage aus Theodor Storms „Schimmelreiter“, während sich die Wintersonne zu den Worten „Am grauen Strand, am grauen Meer, und seitab liegt die Stadt“ durch den Nebel kämpft. Johannes Hegemann singt die Selbstermächtigungshymne „I Want To Break Free“ und tanzt dabei so selbstvergessen über das Dach der Elbphilharmonie, dass die Pressesprecherin Angst bekommt, seine Bewegungen könnten die Alarmanlage auslösen.

Pascal Houdus liest einen Text von Wolf Wondratschek. Außerdem: Barbara Nüsse. Franziska Hartmann. Toini Ruhnke, die mit atemberaubender Leidenschaft einen Abschnitt aus Thomas Melles Shakespeare-Bearbeitung „Maß für Maß“ modelliert, wütend, schnell, beißend, mehr Rap als Theater. Das passt alles nicht zusammen und ergibt damit das perfekte Bild eines Ensembles im 21. Jahrhundert, das kein monolithischer Block sein will, sondern ein diverses Gebilde, das von der Hochkultur zum Pop werden kann und umgekehrt.

Drohne filmt eine alberne, starke Szene

Mitten in Ruhnkes Monolog macht Günther einen Einwurf: „Leg dich mal auf den Boden! Und bewege deine Arme, wie Tanztheater auf dem Boden!“ Die Schauspielerin bewegt sich, Hegemann und Tim Porath legen sich zu ihr, und binnen kurzem wedeln alle drei mit den Armen. Könnte man als albern bezeichnen, aber gefilmt werden sie in diesem Moment von einer Drohne, und das ergibt dann doch eine starke Szene, trotz der in Günthers Beschreibung nicht ganz ausgereifter Vorstellung von Tanztheater: drei Künstler auf dem Dach der Elbphilharmonie, 110 Meter über dem Wasserspiegel, gefilmt aus großer Höhe. So etwas ist tatsächlich die angedachte Eroberung des Himmels.

Und auf der Bühne, in die sich der Himmel jetzt verwandelt, passiert etwas, das sich nicht sofort erschließt – wunderbar! Günther beschreibt das mit einem Bild läutender Kirchenglocken: Man weiß nicht genau, wo das Geräusch herkommt, dann blickt man nach oben und erkennt den Ursprung des Läutens. Solch einen Moment der Erkenntnis möchte er auch mit „Theater der Lüfte“ erreichen – Kunst, die irgendwo in großer Höhe stattfindet, und die man erst beim genauen Hinschauen entdeckt.

Theaterdrehs auch auf den Tanzenden Türmen?

Was das Projekt auf jeden Fall erreicht: dass sich ein Netz der Kunst über die Stadt legt. Neben der Elbphilharmonie sollen nach und nach weitere hohe Gebäude Hamburgs bespielt werden, ein Dreh auf der Katherinenkirche ist schon abgesprochen, ebenso natürlich das Dach des Thalia Theaters selbst, Günther kann sich auch noch Termine auf den Tanzenden Türmen oder auf einem Hafenkran vorstellen.

Der während des Lockdowns als Allheilmittel für die aus der öffentlichen Wahrnehmung gedrängten Theater gepriesene Begriff „Netztheater“ bekommt so eine ganz neue Bedeutung. Und tatsächlich könnte das „Theater der Lüfte“ so auch etwas werden, was jenseits der metaphysisch aufgeladenen Beschreibung mit Engeln und Geistern steht: ein Theater, das sich mit der Stadt vernetzt. Stadttheater.

Theater der Lüfte nach und nach neue Folgen auf www.thalia-theater.de